Der Ruf des Alten Weges – Eine Fantasy-Kurzgeschichte | Elmar Fischer

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Eine Fantasy-Kurzgeschichte in drei Teilen  ·  Lesezeit: ca. 12 Minuten

Teil I  ·  Der Ruf des Alten Weges

Der Nebel lag wie ein Leichentuch über dem Schwarzwald, als Mira ihr Fahrrad den steilen Pfad hinaufschob. Das alte Rad – ein Erbstück ihrer Großmutter – quietschte bei jedem Schritt, als wollte es protestieren. Dabei hatte sie diesen Weg schon hundertmal gefahren. Aber heute Nacht war anders.

Es hatte mit dem Brief begonnen. Kein Absender, kein Datum. Nur drei Zeilen in einer Schrift, die wie verwelkte Blätter aussah:

Wenn der Vollmond das Silberkreuz berührt,
bring das Rad zur alten Eiche.
Sie wartet.

Mira hätte lachen sollen. Stattdessen hatte sie sich um Mitternacht aufgemacht.

Die Eiche fand sie ohne zu suchen – als hätten ihre Füße den Weg schon immer gekannt. Der Baum war monströs, uralt, mit Wurzeln, die wie schlafende Drachen aus der Erde krochen. Und darunter, eingewoben in die Rinde, leuchteten Zeichen in einem schwachen, bläulichen Licht.

„Du bist spät“, sagte eine Stimme.

Mira fuhr herum. Eine alte Frau saß auf einem der Wurzelbögen, so still, dass sie sie glatt übersehen hatte. Ihr Gesicht war eine Landkarte aus Falten, ihre Augen aber jung – und seltsam vertraut.

„Ich kenne Sie nicht“, sagte Mira.

„Nein“, gab die Frau zu. „Aber das Rad kennt mich.“ Sie streckte eine knochige Hand aus und strich über den verrosteten Lenker, fast zärtlich. „Ich habe es gebaut. Vor sehr, sehr langer Zeit.“

Mira sah das Fahrrad an. Wirklich ansah es – zum ersten Mal. Die Speichen hatten Muster, die sie immer für Kratzer gehalten hatte. Gravuren. Runen.

„Wozu?“

Die Alte lächelte. „Zum Reisen. Aber nicht auf euren Straßen.“ Sie klopfte auf den Sattel. „Einmal pro Jahrhundert öffnet sich der Weg. Diese Nacht.“ Ihr Blick glitt zum Mond, der nun haargenau auf etwas zielte, das zwischen den Ästen hing – ein altes, verwittertes Kreuz aus Silberholz. „Deine Großmutter hat sich geweigert. Ihre Mutter auch. Aber das Rad wählt, nicht wir.“

Die Zeichen in der Rinde leuchteten heller auf. Und zwischen den Wurzeln – Mira blinzelte – schien der Boden nicht mehr ganz fest zu sein. Er schimmerte, wie die Oberfläche eines Teiches im Wind.

„Wohin führt er?“, flüsterte Mira. „Der Weg?“

Die Alte antwortete nicht sofort. Sie betrachtete Mira mit diesem uralten, jungen Blick.

„Das“, sagte sie schließlich, „hängt davon ab, was du suchst.“

Mira legte die Hand auf den Lenker. Das Metall war warm – viel wärmer als die Nachtluft es erlaubte. Irgendwo tief im Wald rief ein Vogel, den sie nicht kannte.

Sie schwang sich in den Sattel.

— ✦ —

Als der Morgen den Schwarzwald erreichte, fanden Spaziergänger nur zwei Dinge unter der alten Eiche: einen frischen Reifenabdruck im Moos — und das silberne Kreuz, das vom Baum gefallen war, blank poliert, als wäre es neu.

Von der alten Frau fehlte jede Spur.

Von Mira auch.

Teil II  ·  Jenseits der Wurzeln

Der erste Atemzug war wie Wasser in der Lunge.

Mira hustete, taumelte, griff instinktiv fester um den Lenker. Das Fahrrad unter ihr rollte – obwohl sie keinen Boden spürte. Kein Asphalt, kein Moos, kein Stein. Nur Bewegung, und um sie herum eine Welt, die sich noch nicht entschieden hatte, was sie sein wollte.

Dann setzte der Boden auf.

Sie stand auf einem Pfad aus verdichtetem Mondlicht, der sich durch eine Landschaft schlängelte, die gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd war. Bäume wie im Schwarzwald – aber die Stämme waren durchsichtig, und in ihrem Inneren pulsierten goldene Adern wie Blut. Der Himmel hatte keine Sterne. Stattdessen hingen Lichter darin, die sich bewegten, wanderten, miteinander sprachen.

Wohin führt er? – Das hängt davon ab, was du suchst.

Was suchte sie?

Mira ließ das Fahrrad rollen. Es schien selbst zu wissen, wohin.

— ✦ —

Nach einer Weile – Minuten? Stunden? – hörte sie Schritte neben sich. Sie drehte sich nicht sofort um. Irgendwie wusste sie, dass es das Falsche wäre.

„Du hältst dich gut“, sagte eine Stimme. Jung, diesmal. Ein Mann, oder etwas, das eine Männerstimme gewählt hatte.

„Für jemanden, der keine Ahnung hat, was er tut“, antwortete Mira.

Ein leises Lachen. „Gerade das macht dich interessant.“

Er trat ins Blickfeld – groß, in Kleidung aus Materialien, die sie nicht benennen konnte, das Gesicht halb im Schatten. Auf seiner Schulter saß ein Vogel, den sie kannte: der Ruf aus dem Schwarzwald, kurz bevor sie aufgebrochen war.

„Die Alte hat dich geschickt“, sagte Mira. Kein Vorwurf, nur eine Feststellung.

„Die Alte“, er zögerte, „ist ein kompliziertes Wort für das, was sie ist. Aber ja.“ Er betrachtete das Fahrrad mit einem Blick, in dem Respekt lag – und Vorsicht. „Das Rad hätte jeden wählen können. In drei Generationen hat es nur dich gewählt. Das bedeutet entweder, dass du außergewöhnlich bist.“

„Oder?“

„Oder dass die Aufgabe außergewöhnlich schwer ist.“

Mira blieb stehen. Das Fahrrad rollte noch einen halben Meter weiter und hielt dann ebenfalls an, als wäre es ein Lebewesen. „Was für eine Aufgabe?“

Der Mann öffnete den Mund – und schwieg. Sein Blick glitt an ihr vorbei, auf den Pfad hinter ihr. Der Vogel auf seiner Schulter schlug unruhig mit den Flügeln.

Mira drehte sich um.

Der Pfad aus Mondlicht, den sie gekommen war, existierte nicht mehr. Wo er gewesen war, stand nun etwas. Groß. Dunkel. Reglos – aber mit einer Stille, die lauter war als jedes Geräusch.

„Ich dachte“, sagte Mira sehr ruhig, „das hier wäre ein Abenteuer.“

„Ist es“, sagte der Mann hinter ihr. Seine Stimme hatte einen neuen Ton angenommen. „Aber Abenteuer“, er machte eine kurze Pause, „beginnen selten angenehm.“

Das Dunkel setzte einen Schritt vor. Der Pfad unter seinen Füßen erlosch.

Mira umklammerte den Lenker ihres Fahrrads. Das Metall war heiß.

Und die Runen begannen zu leuchten.

— ✦ —

Was das Dunkel wollte, würde sie herausfinden.

Was sie selbst wollte – das war die eigentliche Frage.

Und irgendwo, unter einer alten Eiche im Schwarzwald, bewegte sich das silberne Kreuz im Morgenwind — als würde jemand antworten.

Teil III  ·  Die Wahl

Die Runen brannten blau-weiß.

Mira spürte die Hitze durch ihre Handflächen, durch die Arme, bis in die Brust – aber es war kein Schmerz. Es war eher wie das Gefühl, an einem kalten Wintermorgen plötzlich in die Sonne zu treten. Als würde etwas in ihr erinnern, was sie nie bewusst gewusst hatte.

Das Dunkel blieb stehen.

Es hatte keine Augen, und dennoch spürte sie seinen Blick. Eine Schwere, die auf der Haut lag wie nasses Tuch. Um sie herum erloschen die goldenen Adern in den Bäumen eine nach der anderen, als würde jemand Kerzen ausblasen.

„Was ist das?“, flüsterte Mira.

„Der Grund“, sagte der Mann hinter ihr, „warum das Rad hundert Jahre gewartet hat.“

Er trat neben sie. Im Licht der Runen sah sie sein Gesicht zum ersten Mal vollständig – und erkannte etwas darin, das sie nicht benennen konnte. Nicht Angst. Etwas Älteres als Angst.

„Es nennt sich der Verweiler“, sagte er leise. „Es ist kein Wesen. Es ist ein Zustand. Ein Ort, der lebendig geworden ist – oder vielleicht war er immer lebendig, und wir haben es nur nicht bemerkt.“ Er wandte den Blick nicht von der Dunkelheit. „Er wächst. Seit Generationen. Alles, was hier erinnert werden sollte und es nicht wurde – jede Geschichte, die niemand weitererzählt hat, jeder Name, der vergessen wurde – das ist er.“

Mira dachte an die Gravuren auf dem Fahrrad. An ihre Großmutter, die ihr das Rad hinterlassen hatte, ohne je ein Wort darüber zu verlieren. An die Mutter davor, die es versteckt hatte auf dem Dachboden.

„Sie hatten Angst“, sagte sie.

„Ja.“

„Und ich?“

Der Mann schwieg einen Moment. Dann, leise: „Du bist hier.“

— ✦ —

Das Dunkel bewegte sich wieder. Langsam, wie ein Gezeitenwechsel, unaufhaltsam und still. Wo es den Pfad berührte, wurde das Mondlicht nicht gelöscht – es wurde grau. Blass. Als würde es vergessen, dass es leuchten konnte.

Mira ließ den Lenker los.

Einen Herzschlag lang passierte nichts. Dann – ein Zug, von innen, aus dem Brustkorb – als würde etwas in ihr aufgemacht wie ein Fenster. Bilder kamen. Kein Strom, keine Flut, eher wie Blätter, die einen nach dem anderen fallen: Eine Frau, die auf einer Waldlichtung tanzt. Ein Kind, das in eine Rinde schnitzt. Ein alter Mann, der einer Kerze beim Erlöschen zusieht und lächelt. Namen. Gesichter. Augenblicke.

Geschichten. Vergessene Geschichten.

Sie sah die Alte wieder vor sich – unter der Eiche, mit dem Blick, der so vertraut gewesen war. Und jetzt verstand sie, warum. Die gleichen Augen. Die gleiche Haltung. Die gleiche Art, das Schweigen auszuhalten.

„Die Alte“, sagte Mira langsam, „war das meine Großmutter?“

Der Mann antwortete nicht. Aber der Vogel auf seiner Schulter neigte den Kopf.

Mira schloss die Augen.

Sie dachte nicht an Helden oder Opfer oder große Gesten. Sie dachte an ihre Großmutter, die ihr das Fahrrad gegeben hatte und dazu nur gesagt hatte: Manchmal muss man einfach losfahren, Mira. Ohne Plan. Ohne Ziel. Einfach fahren.

Sie griff wieder nach dem Lenker.

Diesmal leuchteten die Runen nicht. Sie sangen.

— ✦ —

Mira fuhr.

Nicht weg vom Dunkel – auf es zu. Das Fahrrad rollte, obwohl der Pfad längst erloschen war, als würde es seinen eigenen Weg erschaffen, Speiche für Speiche, Rune für Rune. Und während sie fuhr, sprach sie. Keine Zauberworte, keine Beschwörung. Sie erzählte einfach.

Die tanzende Frau auf der Lichtung. Das Kind mit dem Messer und der Rinde. Den alten Mann und die Kerze.

Geschichte für Geschichte.

Das Dunkel wich nicht zurück – es lauschte. Und das war der Unterschied. Ein Wesen, das vergessen worden war, wollte keine Vernichtung. Es wollte gehört werden.

Als Mira die letzte Geschichte gesagt hatte, war es still.

Vollkommen, friedlich still.

Die goldenen Adern in den Bäumen begannen wieder zu pulsieren. Langsam, dann stärker, wie ein Herz, das nach langem Schlaf wieder findet, was es vergessen hatte. Der Pfad aus Mondlicht erschien neu unter ihren Rädern.

Das Dunkel war noch da – aber es war kleiner. Ruhiger. Fast wie ein schlafendes Kind.

Der Mann stand reglos, den Mund leicht geöffnet.

„Das war es?“, fragte Mira. „Einfach erzählen?“

„Es gibt nichts Einfacheres auf der Welt“, sagte er, nach einem langen Moment. „Und nichts Schwereres.“

— ✦ —

Der Rückweg dauerte keine Zeit.

Plötzlich war da wieder Moos unter den Reifen, Schwarzwaldluft in der Lunge, und die alte Eiche über ihr, deren Äste im frühen Morgenlicht zitterten. Das silberne Kreuz lag im Gras – blank poliert, wie neugeboren.

Mira stieg ab.

Das Fahrrad war verändert. Die Runen in den Speichen waren verschwunden. Es war nur noch ein altes Rad, verrostet und quietschend, genau wie immer.

Nein – nicht ganz wie immer.

Am Lenker hing etwas, das vorher nicht da gewesen war. Ein kleines Notizbuch, in Leder gebunden, mit einem einzigen Satz auf der ersten Seite, in einer Schrift wie verwelkte Blätter:

Für die nächste, die fährt.

Mira lachte. Leise, erschöpft, glücklich.

Sie steckte das Notizbuch ein, schwang sich auf den Sattel und fuhr den Weg hinunter, dem Morgen entgegen – dem quietschenden Fahrrad, dem Vogelruf im Wald und dem leeren ersten Blatt, das darauf wartete, beschrieben zu werden.

— ✦ —

Unter der alten Eiche blieb das silberne Kreuz liegen, bis ein Kind es fand, an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag.

Das Kind trug es nach Hause.

Und fragte seine Großmutter, woher es wohl käme.

Die Großmutter lächelte – und begann zu erzählen.

© Elmar Fischer  ·  elmarfischer.de

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