Die Akte – eine Kurzgeschichte über die elektronische Patientenakte

Es war Mira, die die Frage stellte. Nicht an diesem Abend, sondern an dem danach, als die Kinder schon schliefen und die Küche endlich still war. Sie saßen am Tisch, zwischen ihnen eine offene Flasche Wein und die Reste eines Abendessens, das Hanna nicht mehr hatte aufräumen können.

„Darf ich dich was fragen?“, sagte Mira.

„Du fragst mich dauernd was.“

„Etwas Anderes.“

Hanna nickte.

„Habt ihr je in seine Akte geschaut? In die digitale.“

„Wozu.“

„Nur so.“

Hanna sah ihre Freundin an, und für einen Moment war sie müde genug, um ehrlich zu sein. „Ich weiß nicht mal, wie das geht.“

„Das kriegen wir hin“, sagte Mira.


Thomas war vor acht Wochen gestorben. Ein Routineeingriff, hieß es, eine kleine Sache, er würde am Nachmittag wieder zuhause sein. Dann ein Anruf am frühen Abend, eine Stimme, die sich zwingen musste, ruhig zu bleiben. Eine allergische Reaktion auf ein Mittel, das er nicht hätte bekommen dürfen. Sie hätten alles versucht. Es tue ihnen leid.

Das Wort „leid“ hatte Hanna danach eine Weile nicht mehr hören können. Es kam zu oft, von zu vielen Menschen, und es bedeutete bei jedem etwas anderes. Die Klinik meinte, dass sie es bedauerten. Der Hausarzt meinte, dass er fassungslos sei. Die Kollegen meinten, dass sie froh seien, ihn gekannt zu haben. Und die Kinder fragten, warum Papa nicht zurückkomme, und meinten damit genau das, was sie sagten, und das war das Schlimmste.

Hanna hatte funktioniert. Man funktioniert in solchen Wochen, weil Kinder etwas zu essen brauchen und die Schule nicht wartet und der Vermieter angerufen haben möchte wegen der Nebenkostenabrechnung. Man funktioniert, bis jemand wie Mira nach acht Wochen auf einmal eine Frage stellt, die nicht höflich ist, sondern ernst.


Sie brauchten drei Abende, bis sie in der App waren. Die Gesundheits-ID hatte Thomas vor zwei Jahren beantragt, damals, als es einen Brief gegeben hatte, der erklärte, dass man das jetzt könne. Hanna hatte seine Unterlagen, und nach einigem Suchen auch die PIN, die er sich auf einen Zettel geschrieben und in den Umschlag mit den Versicherungsunterlagen gelegt hatte. So war er gewesen. Alles an seinem Platz, nichts verloren.

Die App gehörte zu ihrer Krankenkasse. Unter einem Tab mit der Überschrift „Dokumente“ lagen Arztbriefe, Laborbefunde, ein paar Bildschirmfotos, die er selbst hochgeladen hatte. Ein Rezept, ein Überweisungsschein. Unter „Medikation“ eine Liste, die bis in seine Studentenzeit zurückreichte, erstaunlich lückenlos.

Unter „Allergien und Unverträglichkeiten“ stand: Penicillin, Typ I (Anaphylaxie). Erstdiagnose 2011. Bestätigt 2016.

„Da steht es ja“, sagte Hanna. „Ich hab’s doch gewusst. Er hatte immer seinen Pass dabei, wir haben das bei jedem Arzt gesagt.“

Mira sagte nichts.

„Was?“, fragte Hanna.

„Nichts. Zeig mir mal den Entlassbericht.“

Hanna öffnete das Dokument. Es war ein PDF, zwei Seiten, die übliche Struktur. Anamnese, Verlauf, Medikation. Unter „Medikation prä-operativ“ stand der Name des Antibiotikums, das ihn getötet hatte.

„Und jetzt scroll wieder zurück zu der Übersicht.“

Hanna tat es.

„Siehst du das?“, fragte Mira.

„Was soll ich sehen?“

„Die Allergie steht da. Aber sie steht unter einem anderen Reiter. Sie steht nicht in der Medikationsübersicht, die das Krankenhaus-System abruft.“

„Das kann doch nicht sein.“

„Doch“, sagte Mira. „Das kann sein.“


Mira rief am nächsten Tag an. Sie hatte mit jemandem gesprochen, den sie aus früheren Recherchen kannte, ein IT-Forensiker, der in Köln für eine Kasse gearbeitet hatte und jetzt freiberuflich war. Er wollte sich die Akte anschauen. Nicht offiziell, informell, als Freundschaftsdienst.

Hanna zögerte.

„Wir müssen nicht“, sagte Mira. „Wenn du willst, lassen wir es.“

„Was würdest du denn davon haben?“

„Ich?“

„Du wirst doch nicht aus reiner Freundschaft eine Woche lang recherchieren.“

Es war still in der Leitung.

„Es ist nicht nur Freundschaft“, sagte Mira schließlich. „Es ist auch, weil ich denke, dass das nicht der erste Fall ist. Und nicht der letzte.“


Der Forensiker hieß Krämer und war Anfang fünfzig, ein ruhiger Mann mit einem präzisen Gesicht. Er kam an einem Samstagmorgen zu Hanna, trank Kaffee mit ihr und Mira, spielte kurz mit dem jüngeren Kind, das gerade Lego baute, und setzte sich dann an den Küchentisch, wo Hanna ihm Thomas’ Laptop hingestellt hatte.

Er brauchte zwei Stunden.

„Es ist, wie Sie vermutet haben“, sagte er zu Mira. „Die Allergie ist korrekt eingetragen. Aber sie ist im Strukturdatenmodell der Akte an einer Stelle, die das Klinik-PVS der Unfallklinik nicht automatisch ausliest.“

„Wie kann das sein?“, fragte Hanna.

„Weil die Akte Ihres Mannes von einem Anbieter verwaltet wird, und die Praxis, in der die Allergie eingetragen wurde, ein anderes Frontend benutzt hat. Beide sind zugelassen, beide sind zertifiziert. Aber sie legen die Daten in unterschiedlichen Feldern ab. Im Alltag merkt das niemand, weil die Ärzte die Eintragung ja sehen, wenn sie selbst nachschauen. Aber die automatische Warnung, die das Klinik-System beim Verordnen gegeben hätte – die hat nicht angesprungen, weil das Feld, in dem die Allergie lag, nicht zu den Feldern gehört, die abgefragt werden.“

„Warum gibt es da einen Unterschied?“

Krämer sah sie an, und in seinem Blick war etwas, das wie Bedauern aussah, aber kein persönliches war.

„Weil es drei Anbieter gegeben hat, dann vier, und dann ist Doctolib dazugekommen, und jeder hat seine eigenen Strukturen mitgebracht. Die gematik hat Spezifikationen, und die werden eingehalten. Aber die Spezifikationen lassen Räume offen. In diesen Räumen entstehen die Inkompatibilitäten.“

„Und dann stirbt jemand.“

„Und dann stirbt jemand.“

Mira sagte: „Wer haftet?“

Krämer lachte kurz, ohne Freude. „Das ist die eigentliche Frage, oder? Der Anbieter des Akten-Frontends sagt, er hat die Spezifikation erfüllt. Das Klinik-System sagt, es hat die Spezifikation erfüllt. Die gematik sagt, beide Systeme sind zugelassen. Die Krankenkasse sagt, sie stellt nur den Zugang bereit. Und die Ärzte sagen, sie haben sich auf die automatische Warnung verlassen, wie man das tut, wenn man am Tag sechzig Patienten sieht.“

„Und in der Summe?“, fragte Hanna.

„In der Summe“, sagte Krämer, „haftet niemand.“


Mira recherchierte weiter. Sie sprach mit einer Mitarbeiterin einer Krankenkasse, die sich nur anonym äußern wollte; mit einem ehemaligen Ministerialbeamten, der jetzt bei einem Verband saß und Andeutungen machte, die präzise genug waren, um zu wissen, was er meinte, und vage genug, um ihn nicht zitieren zu können; mit einem Anwalt, der sich auf Medizinrecht spezialisiert hatte und ihr sagte, dass die Erfolgsaussichten einer Klage „überschaubar“ seien.

„Überschaubar heißt?“, fragte Hanna.

„Er schätzt fünf Prozent.“

„Und die Kosten?“

„Fünfstellig. Wenn wir verlieren. Wenn wir gewinnen, zahlt die Gegenseite, aber dazu müssten wir erst gewinnen.“

Hanna sah durchs Küchenfenster. Draußen war März, die Magnolie der Nachbarin hatte die ersten Knospen.

„Was würde es denn ändern?“, fragte sie.

„Was?“

„Wenn wir klagen.“

„Rechtlich? Vielleicht nichts. Vielleicht kriegen wir eine Feststellung, dass die Kette versagt hat, und ein Schmerzensgeld, das nicht annähernd reicht. Vielleicht gar nichts.“

„Und öffentlich?“

Mira zögerte. „Öffentlich könnte es etwas ändern. Ich könnte die Geschichte schreiben. Nicht deinen Namen, wenn du nicht willst. Aber den Fall. Die Struktur dahinter.“

„Und dann?“

„Dann ändert es entweder etwas oder nichts. Ehrlich gesagt, meistens nichts. Es gibt eine Aufregung, eine Stellungnahme, eine Prüfung durch die gematik, ein Jahr später vielleicht eine Anpassung der Spezifikation. Und zwischendurch passiert es wieder, nur merkt es keiner, weil die Angehörigen nicht nachfragen.“


Es war Ende April, als sie das letzte Mal zusammen am Küchentisch saßen, um zu entscheiden. Die Kinder waren bei Hannas Mutter, das Haus war still, und auf dem Tisch lagen drei Papierstapel: der Schriftsatz, den der Anwalt vorbereitet hatte, Miras Artikelentwurf, und zwischen beiden eine leere Seite, die für nichts stand.

„Ich weiß es nicht“, sagte Hanna.

„Du musst es heute auch nicht wissen.“

„Doch, irgendwann. Der Anwalt braucht eine Entscheidung.“

Sie schwiegen.

„Weißt du, was mir Angst macht?“, sagte Hanna nach einer Weile.

„Was?“

„Dass es mir egal wird. Dass ich in einem halben Jahr nicht mehr die Kraft habe, mich damit zu beschäftigen. Dass ich nur noch will, dass die Kinder zur Schule gehen und irgendwann schlafen und ich auch. Und dass dann alles so bleibt, wie es ist, und niemand etwas gelernt hat.“

„Das ist nicht egal“, sagte Mira. „Das ist müde.“

„Ist das ein Unterschied?“

„Ich glaube schon.“

Hanna nahm einen Schluck Wasser. Das Glas beschlug leicht, weil die Küche warm war und das Wasser kalt.

„Schreib den Artikel“, sagte sie. „Ohne meinen Namen. Ohne Thomas. Als Fall.“

„Und die Klage?“

Hanna sah lange auf den Stapel, dann an Mira vorbei, zum Fenster hinaus.

„Ich weiß es noch nicht.“

Mira nickte, und sie ließen es dabei.

Draußen wurde es dunkel, und die Magnolie der Nachbarin hatte inzwischen geblüht und verlor schon die ersten Blätter, und irgendwo in einem Rechenzentrum, das nach ISO 27001 zertifiziert war, lag eine Akte, in der ein Eintrag stand, den niemand gelesen hatte, und der nun niemandem mehr helfen würde.


Nachbemerkung

Diese Geschichte ist erfunden, ihr Hintergrund ist es nicht.

Seit Januar 2025 wird in Deutschland jedem gesetzlich Versicherten automatisch eine elektronische Patientenakte (ePA) angelegt, soweit er nicht widerspricht. Zuständig für die Spezifikation und Zulassung ist die gematik, eine mehrheitlich staatliche Gesellschaft. Die technischen Aktensysteme werden von verschiedenen Anbietern betrieben: bisher IBM (u. a. für die Techniker Krankenkasse), das Konsortium Rise/Bitmarck sowie der österreichische Anbieter x-tention in Kooperation mit T-Systems. Im April 2026 hat die Deutsche Telekom angekündigt, mit einer eigenen „souveränen Patientenakte“ als vierter Anbieter in den Markt einzutreten.

Die Annahme, dass das französische Unternehmen Doctolib – in Deutschland bereits als Praxisverwaltungs- und Terminbuchungssystem weit verbreitet – künftig auch Zugang zur ePA erhalten könnte, ist in der Geschichte spekulativ vorweggenommen. Eine entsprechende Öffnung wäre im Rahmen europäischer Binnenmarktregeln denkbar, politisch bislang nicht vorgesehen.

Dass unterschiedliche zugelassene Systeme Daten in unterschiedlichen Strukturen ablegen und dabei semantische Brüche entstehen können, ist kein Sonderfall, sondern eine bekannte Schwäche verteilter Gesundheitsdateninfrastrukturen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat im Februar 2026 auf strukturelle Mängel hingewiesen; von etwa 75 Millionen automatisch angelegten Akten waren zu diesem Zeitpunkt nur rund 4,6 Millionen aktiv nutzbar, weil die dafür notwendigen Gesundheits-IDs fehlten.

Haftungsfragen bei Schäden, die aus dem Zusammenspiel mehrerer zugelassener, aber unvollständig interoperabler Systeme entstehen, sind in der deutschen Rechtsprechung bislang kaum geklärt.

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