Alle reden von Digitalisierung. Digitalisierung ist wichtig! Das hört man ja inzwischen öfter als „Guten Tag“. Man bekommt fast den Eindruck, irgendwo sitzt ein Ministerium, das morgens um acht eine Sirene auslöst und alle müssen gleichzeitig „Digitalisierung!“ rufen, bevor sie ihren ersten Kaffee trinken dürfen.
Heute jedenfalls dachte ich, ich erlebe sie hautnah – die große, glänzende, reibungslose Zukunft. Anlass: ein Verrechnungsscheck. Ja, richtig gelesen. Ein Scheck. Dieses mystische Stück Papier, das ich bislang nur aus alten Filmen kannte, in denen Männer mit Hüten in verrauchten Büros „Hier ist Ihr Scheck!“ sagen.
Als ich ihn in der Hand hielt, war ich kurz versucht, ihn einzurahmen. Ein Relikt! Vielleicht hätte ich ihn auch ins Museum bringen können. Aber nein – ich wollte ihn einlösen. Ganz modern. Ganz digital.
Also zur Bank.
Dort angekommen: erste Hürde. Tür verschlossen. Ein Schild: „Bitte öffnen Sie die Tür mit Ihrer Girocard.“
Natürlich habe ich keine. Meine Bank möchte Gebühren dafür. Gebühren dafür, dass ich Zugang zu meinem eigenen Geld bekomme. Das ist ungefähr so, als würde mir mein Kühlschrank eine Rechnung stellen, bevor er mir erlaubt, die Milch rauszunehmen.
Zum Glück bin ich vorbereitet. Ich habe eine kostenlose Kreditkarte. Kostenlos! Das Wort klang in meinem Kopf wie ein rebellischer Schlachtruf gegen das Bankensystem. Und tatsächlich: Die Tür öffnete sich. Digitalisierung Level 1 bestanden.
Drinnen dann: Warten.
Vor mir eine ältere Dame. Sehr klein. So klein, dass ich kurz überlegte, ob der Tresen im Laufe der Jahre gewachsen sei.
Dann klingelte ihr Handy.
Und was für ein Handy! Ein Gerät von der Größe eines Frühstücksbretts. In ihrer Hand wirkte es, als hätte jemand ein Tablet mit einer Spielfigur kombiniert. Die Proportionen waren… sagen wir: kreativ.
Sie ging ran. Natürlich ging sie ran.
„JA HALLO? ICH BIN GERADE BEI DER BANK!“
Das ganze Gebäude wusste es jetzt auch.
Das Gespräch zog sich. Und zog sich. Und zog sich weiter. Ich stand dahinter und entwickelte in der Zeit ungefähr drei neue Geschäftsmodelle, zwei Lebenskrisen und einen leichten Hunger.
Endlich war ich dran.
Ich trete vor, reiche meinen Scheck – mein historisches Artefakt – über den Tresen und sage mit der Zuversicht eines Mannes, der an Fortschritt glaubt:
„Ich würde den gern meinem Konto gutschreiben lassen.“
Der Mitarbeiter nickt.
Dann passiert etwas Magisches.
Er nimmt… einen Stift.
Und beginnt, alle Daten vom Scheck in ein Formular zu übertragen. Von Hand. Buchstabe für Buchstabe. Zahl für Zahl. Ich wartete kurz darauf, dass er zwischendurch eine Schreibmaschine hervorholt oder eine Brieftaube losschickt.
Dann fragt er mich nach meiner IBAN.
Ich nenne sie.
Er schreibt sie auf. Von Hand.
Ich schaue ihn an. Er schaut das Formular an. Das Formular schaut traurig zurück.
Ich unterschreibe. Der Vorgang ist abgeschlossen.
In meinem Kopf liefen währenddessen futuristische Szenarien: Scanner, automatische Erkennung, digitale Übertragung, vielleicht ein kleines „Ping!“ und das Geld ist da. Vielleicht ein Hologramm. Oder wenigstens ein Fortschrittsbalken.
Stattdessen: Kugelschreiber.
Ich konnte mir eine Nachfrage nicht verkneifen.
„Ähm… wird das noch digital verarbeitet?“
Er nickt und sagt:
„Der Scheck wird noch gescannt.“
In diesem Moment verstand ich alles.
Digitalisierung ist wichtig.
Aber offenbar nicht eilig.
Ich verließ die Bank mit dem Gefühl, einen Blick in die Vergangenheit geworfen zu haben – nur mit besserer Beleuchtung und einem Girocard-Türsystem.
Und irgendwo, ganz tief in einem Serverraum, wartet jetzt wahrscheinlich mein gescannter Scheck darauf, von jemandem ausgedruckt und erneut abgeschrieben zu werden.
Fortschritt. Schritt für Schritt.