Wenn 44 Millionen Euro öffentlicher Mittel in ein Kulturprojekt fließen, lohnt eine schlichte Frage: Wer profitiert davon eigentlich? Die ehrliche Antwort ist unbequemer als die offizielle Verlautbarung.
Das Netzwerk hinter dem Museum
Das Museum Selma ist kein spontanes Bürgerprojekt. Es ist das Ergebnis eines langen institutionellen Weges, an dem viele Akteure mitgewirkt haben — und viele davon profitieren. Den Architekturauftrag erhielt das Stuttgarter Atelier Brückner, eines der renommiertesten Ausstellungsgestaltungsbüros Europas. Die Tragwerksplanung übernahm die Werner Sobek AG, ebenfalls international tätig. Die Lichtplanung liegt bei Licht Kunst Licht AG, die Medienplanung beim Büro medienprojekt p2, die Film- und Animationsproduktion bei der Berliner Agentur Ballhaus West — die zuvor bereits den Museumsnamen entwickelt hatte, finanziert durch das NRW-Integrationsministerium. Die Namenskampagne in Köln wurde von Ströer gesponsert, die neue Website mit Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) erstellt.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Beteiligte. Es ist eine Beschreibung dessen, wie Kulturförderung in Deutschland funktioniert: Öffentliche Mittel aktivieren ein Netzwerk aus Agenturen, Architekturbüros, Beratungsgesellschaften und gemeinnützigen Institutionen, die alle an einem Projekt verdienen — lange bevor auch nur ein Besucher durch die Tür getreten ist.
Der Integrationsrat als Türöffner
Interessant ist auch, wie das Projekt politisch in Gang kam. Es war der Kölner Integrationsrat, der den Stadtrat beantragte, das Migrationsmuseum in Köln anzusiedeln. Der Rat folgte. Kurz darauf stand der Standort Hallen Kalk fest. Bund und Land stellten ihre Mittel bereit. Die Stadt Köln stellte das Grundstück für 99 Jahre im Erbbaurecht zur Verfügung — also faktisch kostenlos, auf Generationen gerechnet. Das alles geschah in einer Stadt, deren Haushalt tief im Minus liegt und deren Schulen auf Sanierungen warten.
Wer nicht profitiert
Die Migrantinnen und Migranten, in deren Namen das Museum entsteht, profitieren am wenigsten — zumindest kurzfristig. Ein Museum, das frühestens 2029 eröffnet, das seinen Standort noch immer nicht gesichert hat, und das sich an ein Publikum richtet, das ohnehin kulturell interessiert und mobil genug ist, um es zu besuchen, erreicht nicht die Kinder in Brennpunktschulen. Es erreicht nicht die Jugendlichen ohne Schulabschluss. Es erreicht nicht die Familien, die in der zweiten Generation noch immer strukturell benachteiligt sind.
Die Nutznießer eines solchen Museums sind vor allem jene, die ohnehin Museen besuchen: Bildungsbürger, Touristen, Schulklassen aus gut ausgestatteten Schulen, Journalisten, Kulturschaffende. Das ist keine Schande — aber es ist eine Wahrheit, die selten ausgesprochen wird, wenn Politiker Bänder durchschneiden und von Teilhabe sprechen.
Das Muster dahinter
Was sich hier zeigt, ist ein vertrautes Muster öffentlicher Kulturpolitik: Sichtbare Projekte mit klingenden Namen werden mit Millionen ausgestattet, während unsichtbare Arbeit — Sprachförderung, Schulbegleitung, Sozialarbeit — chronisch unterfinanziert bleibt. Das Museum Selma ist sichtbar. Es hat eine Website, eine Marketingkampagne, einen German Design Award und Ministerzitate. Bildungsförderung für Migrantenkinder hat all das nicht.
Cui bono — wem nützt es? Dem kulturpolitischen Ansehen der Beteiligten. Den beauftragten Büros. Dem Selbstbild einer Gesellschaft, die sich gerne als weltoffen betrachtet. Den Menschen, um die es eigentlich geht, nützt es am wenigsten. Das wäre kein Problem, wenn beides gleichzeitig geschähe. Aber in Zeiten klammer Kassen und wachsender Bildungsdefizite ist die Frage der Reihenfolge keine akademische — sie ist eine politische.