Ein Jahr vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wissen acht Prozent der Wahlberechtigten, dass Jochen Ott der designierte SPD-Spitzenkandidat ist. Acht. Das Ergebnis des NRW-Check steht in den aktuellen Berichten neben der Forsa-Zahl, die die NRW-SPD auf 14 Prozent sieht — ein Minus von 12,7 Punkten gegenüber der Landtagswahl 2022.
Man könnte das einen Befund nennen. Der Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Landtag nennt es anders. Auf Nachfrage der NRZ sagt Ott, dass seine Bekanntheit „noch ausbaufähig“ sei, sei „auch eine Chance“. Rhetorisch ist das bemerkenswert. Acht Prozent als Chance — das ist der Moment, in dem eine Kennzahl ihre Richtung verliert und alles Mögliche bedeuten kann. Oder nichts.
Man könnte hören: Wir sind unsichtbar geblieben, und wir arbeiten daran. Zu hören ist jedoch: „Die Umfragewerte zeigen, dass sich die NRW-SPD vom Bundestrend nicht lösen kann.“ Das ist, grammatisch betrachtet, die passivste denkbare Formulierung für politisches Versagen. Niemand tut etwas, niemand unterlässt etwas, ein Trend lässt sich nicht lösen. Als wäre die Nähe zum Bund ein klimatisches Phänomen, kein strategisches Feld.
Bemerkenswerter ist die Wendung, die folgt. Die NRW-SPD habe „nach enttäuschenden Kommunalwahlen“ eine Kurskorrektur vollzogen und „sechs Punkte für 2026″ beschlossen, um NRW gerechter zu machen. „So eine Korrektur braucht es auch im Bund, denn die SPD wird gebraucht.“ Der Landesverband — der bei 14 Prozent steht — belehrt den Bund, wie es richtig geht. Die eigene Korrektur wird zum Exportgut, bevor ihre Wirkung im eigenen Land überhaupt nachweisbar wäre.
Die Zahlen unter dem Rhetorik-Teppich sind unsentimental. Forsa sieht die CDU bei 32 Prozent, die AfD bei 20 — damit zweitstärkste Kraft mit einer Vervierfachung gegenüber 2022 —, die Grünen bei 17, die SPD bei 14. Die AfD gewinnt 14,6 Punkte hinzu, die SPD verliert 12,7. In NRW. Im traditionellen Hausland der Sozialdemokratie, in Strukturwandelregionen, in denen über Jahrzehnte niemand ernsthaft gegen die SPD regieren konnte.
Wer das verloren hat, hat es selbst verloren. Das ist keine Polemik, sondern die einfachste politische Arithmetik. In Düsseldorf wird nicht in Berlin regiert. Die Landesregierung gestaltet Schulpolitik, Polizei, Kommunalfinanzen, Wohnungsbau, Verkehr. Die Opposition hat ihre eigene Bühne, ihre eigenen Themen, ihre eigene Sichtbarkeit zu erarbeiten. Wenn der Fraktionsvorsitzende dieser Opposition nach fast vier Jahren im Amt von acht Prozent der Wahlberechtigten erkannt wird, ist das nicht die Schuld von Klingbeil, Bas oder dem Koalitionsausschuss in Berlin. Es ist das Ergebnis dessen, was in Düsseldorf gemacht oder nicht gemacht wurde.
Die Krisensitzungen, die nun einberufen werden, sind folgerichtig. Wünschenswert wäre, dass auf einer von ihnen der Satz ausgesprochen wird, den das Interview sorgfältig vermeidet: Das liegt an uns. Erst danach wird irgendetwas zur Chance — vorher ist es nur ein Wort, das Arbeit abwenden soll.