Am 29. September haben Apple und die American Academy of Pediatrics (AAP) den Leitfaden „Building Healthy Digital Habits: A Guide for Families“ veröffentlicht (Apple Newsroom). Er führt in sechs Schritten durch Gespräch, Kinderaccount, Freigaben für Apps und Webseiten, Nutzungszeiten, Kontakte und die spätere Anpassung. Gehostet wird er nicht bei der AAP, sondern im Support-Bereich von Apple, und er beschreibt sich selbst als Anleitung, wie sich AAP-Empfehlungen mit Apple-Geräten und -Funktionen umsetzen lassen. Die Empfehlungen der Kinderärzte selbst stehen auf einer verlinkten Unterseite.
Was der Text benennt
Diese Unterseite enthält mehr, als eine Meldung über „Bildschirmzeit“ erwarten lässt. Für Kinder von sechs bis zwölf Jahren rät sie, auf Qualität zu achten und Autoplay sowie endloses Scrollen nach Möglichkeit abzuschalten. Für Jugendliche nennt sie Warnzeichen wie gestörten Schlaf, zwanghafte Nutzung, sinkende Noten und Sorgen ums Selbstbild. Und der Fünf-C-Katalog der AAP fragt, ob Mediennutzung die Fähigkeit zur Emotionsregulation fördert oder beeinträchtigt, und empfiehlt Inhalte jenseits schneller oder gewalthaltiger Formate.
Der naheliegende Vorwurf, Bildschirmzeit werde hier auf eine Minutenzahl reduziert, trägt damit nicht. Die Gestaltungsmechanik, die Nutzung verlängert, ist im Text benannt.
Wo die Werkzeuge liegen
Die Asymmetrie liegt anderswo: zwischen der Diagnose und dem, was Apple daraus macht. Die sechs Schritte bestehen aus Konto, Freigaben, Zeitplan und Kontakten. Auf der Übersichtsseite und in Schritt 3, der App- und Webseiten-Einstellungen behandelt, findet sich keine Einstellung, die Autoplay oder endloses Scrollen betrifft. Stattdessen verweist der Text auf die Altersfreigabe im App Store, die auch angibt, ob eine App eigene Kontrollen mitbringt. Der Leitfaden räumt selbst ein, dass er nur einen Teil der verfügbaren Kindersicherungen beschreibt; ob es an anderer Stelle Schalter dafür gibt, geht aus ihm nicht hervor.
Die Einschränkung „nach Möglichkeit“ trägt damit mehr Information, als sie tragen soll. Ob sich Autoplay abschalten lässt, entscheidet die jeweilige App, nicht der Haushalt. Die Diagnose steht auf der Seite der Kinderärzte, die Werkzeuge auf der Seite des Plattformbetreibers, und dazwischen liegt ein Tipp.
Rollen und Kleingedrucktes
Die Arbeitsteilung ist schnell beschrieben. Die AAP liefert den Family Media Plan und die Autorität, Apple die Umsetzung in Software und den Zugang zu den Familien; AAP-Geschäftsführer Mark Del Monte spricht davon, den Zugang zum Family Media Plan auszuweiten. Die Zusammenarbeit bei den erweiterten Kindersicherungen hatte Apple bereits im Juni auf der WWDC angekündigt (AppleInsider). Über finanzielle oder vertragliche Bedingungen geben die ausgewerteten Quellen nichts her. Die Links des Leitfadens zu den AAP-Angeboten tragen in der Adresse die Kampagnenkennung „apple“, die Kooperation ist damit als Zugriffsquelle messbar. Mehr als eine Rollenbeschreibung ist daraus nicht abzuleiten.
Im Kleingedruckten steht außerdem: Wer die beschriebenen Funktionen für ein Kind nutzen will, braucht in der gesamten Familienfreigabe Geräte mit Version 27 oder neuer. Kindersicherung in diesem Sinn setzt also einen durchgängig aktuellen Apple-Gerätepark voraus.
Was für den Leitfaden spricht
Gegen die Kritik spricht einiges. Der Leitfaden enthält altersgestufte Empfehlungen, rät dazu, mit sozialen Netzwerken bis zum Alter von 13 zu warten, und gibt konkrete Regeln vor: Geräte nachts außerhalb des Schlafzimmers laden, eine Stunde vor dem Zubettgehen Schluss. Mehrere Schutzfunktionen sind bei Kinderaccounts voreingestellt, darunter Ask to Buy und Ask to Browse für unter 13-Jährige sowie altersbasierte Inhaltsbeschränkungen für unter 18-Jährige (die Altersgrenzen können je nach Land abweichen, siehe Schritt 3). Voreinstellungen entlasten Eltern, weil sie nicht erst gefunden werden müssen. Für überforderte Familien ist das ein realer Nutzen, und er entsteht gerade dadurch, dass der Plattformbetreiber Standards setzt.
Unbequem daran ist, dass sich Nützlichkeit und Interessenlage nicht trennen lassen. Der Leitfaden hilft, weil er Apples Produkte voraussetzt, und er setzt Apples Produkte voraus, weil er von Apple stammt. Die Frage, wie weit die Verantwortung eines Plattformbetreibers für die Gestaltung seiner App-Welt reicht, beantwortet er nicht. Er benennt nur ihren Gegenstand: Autoplay, nach Möglichkeit aus.