Nord-Süd-Stadtbahn Köln: 76 Millionen Mehrkosten – und die eigentliche Rechnung

84 Millionen waren geplant. 160 Millionen werden es jetzt. Die Stadt Köln hat am Montag mitgeteilt, dass sich der Ausbau der Nord-Süd-Stadtbahn auf der Bonner Straße fast verdoppelt – ein Plus von 76 Millionen Euro. Als Gründe nennt die Verwaltung Bauverzögerungen, Kampfmittel und gestiegene Baupreise. Die übliche Trias also, mit der sich in dieser Stadt strukturelles Versäumnis in höhere Gewalt umetikettieren lässt.

Kampfmittel im Kölner Boden sind seit achtzig Jahren keine Überraschung. Preissteigerungen über ein Jahrzehnt sind die Regel, nicht die Ausnahme – der Planungsbeschluss stammt aus dem Jahr 2015. Und „Bauverzögerungen“ ist kein Grund, sondern ein Symptom, das man zur Ursache erklärt. Übersetzt heißt das: zu knapp kalkuliert, und das Ergebnis wird nun als Schicksal präsentiert. So weit, so kölsch.

Die eigentliche Zahl steht woanders

Interessant wird die Meldung erst durch das, was sie nicht verrechnet. Denn die Bonner Straße ist die dritte Baustufe – der südliche Abschnitt von der Marktstraße zum Bonner Verteiler. Der Grund, warum die Strecke bis heute nicht durchgängig befahrbar ist, liegt im nördlichen Teil: im Einsturz des Historischen Archivs am 3. März 2009. Zwei Tote. Ein vernichtetes Stadtgedächtnis. Und ein Bauwerk, das nach aktueller Planung frühestens 2032 durchgängig fahren wird – dreiundzwanzig Jahre nach der Katastrophe.

Was hat dieser Einsturz gekostet? Die Stadt selbst bezifferte den Gesamtschaden bereits 2019 auf mindestens 1,33 Milliarden Euro. Allein über 700 Millionen davon entfielen auf die Restaurierung und den Verlust der verschütteten Archivalien. Der gerichtlich relevante Schaden lag nach einem ersten Gutachten von 2012 bei rund 400 Millionen. Bis alle zerstörten Dokumente wieder nutzbar sind, werden nach Einschätzung des Archivs noch mindestens 30 Jahre vergehen.

Eine Frage der Maßstäbe

Halten wir die beiden Bücher nebeneinander. Auf der einen Seite: 76 Millionen Mehrkosten für eine Trasse, die heute die Schlagzeile tragen. Auf der anderen Seite: 1,33 Milliarden Euro Schaden aus demselben Projekt, gegen die diese Mehrkosten wie eine Rundungsdifferenz wirken – etwa ein Zwanzigstel. Und obendrauf das, was sich gar nicht beziffern lässt: tausend Jahre Überlieferung, von Offenbachs Notenmanuskripten bis zum Nachlass Heinrich Bölls, teils zerstört, teils auf Jahrzehnte unzugänglich.

Es sind zwei getrennte Kostenkreise, ja. In den 160 Millionen für die Bonner Straße steckt nichts vom Einsturz. Buchhalterisch sauber. Aber genau darin liegt der Mechanismus. Ein Vorgang, der 2009 zwei Menschenleben und das Gedächtnis einer Stadt gekostet hat, läuft im Jahr 2026 unter der Rubrik Baukostencontrolling. Die Kostenexplosion wird zum Problem erklärt – und verdeckt damit, dass sie nur die Fußnote zu einem ungleich größeren Versagen ist.

„Immer das gleiche in Köln“ – der Satz stimmt. Nur ist das Achselzucken selbst Teil des Problems. Solange Kostenexplosion und Zeitverzug als Folklore durchgehen, muss niemand erklären, warum 2015 zu knapp gerechnet wurde, warum eine Trasse 23 Jahre braucht und wer am Ende für die 1,33 Milliarden aufkommt. Die Verbuchhalterung des kollektiven Versäumnisses ist die elegantere Schwester seiner Individualisierung: Man muss niemanden mehr beschuldigen, wenn man alles in getrennte Haushaltstitel sortiert.

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