Abgehängt in Köln: Eine Oper für 1,5 Milliarden, ein Museum seit Jahren zu

Es gibt eine Serie im Kölner Stadt-Anzeiger, die man begrüßen muss und an deren Wirkung man zugleich nicht glauben mag. „Abgehängt – wenn die Postleitzahl entscheidet“ heißt sie, und sie tut etwas Unbequemes: Sie sagt mit Zahlen, was in dieser Stadt seit Jahrzehnten zum Mobiliar gehört. Köln ist die ungleichste Millionenstadt Deutschlands.

Der Soziologe Marcel Helbig liefert dafür die Kennziffern. Bei der Armutssegregation liegt Köln auf Platz 118 von 153 untersuchten Städten, bei der räumlichen Trennung von Akademikern und Nicht-Akademikern sogar auf Platz 147. Ein Drittel aller Kölner Kinder lebt in Stadtteilen, in denen mindestens ein Drittel aller Kinder arm ist. Und während die Segregation in anderen Großstädten mit angespanntem Wohnungsmarkt eher zurückgeht, ist sie in Köln in den vergangenen zehn Jahren leicht gestiegen. Köln, sagt Helbig, sei ein Sonderfall – „besonders stark durch die Trennung entlang des Rheins geprägt“. Zwei große Blöcke. Diesseits und jenseits.

Das ist alles nicht neu. Das ist das eigentlich Bittere an dieser Serie. Wer hier lebt, weiß es. Wer mit dem Rad am Kölnberg in Meschenich vorbeifährt, spürt es körperlich. Chorweiler war vor vierzig Jahren ein modernes Viertel – Hochhausarchitektur als Versprechen, kulturelle Mischung als Programm. Heute steht der Name als Chiffre für das Gegenteil. Helbig beschreibt den Mechanismus nüchtern: Großwohnsiedlungen wurden zunächst als modern wahrgenommen, dann rasch abgewertet, auch medial, und dann setzt ein Abwärtstrend ein, „aus dem man nicht leicht wieder herauskommt“. Ab einer bestimmten Schwelle, so der Soziologe, wirke Segregation selbstverstärkend: Aus der Mittelschicht gehe niemand mehr den Schritt in das Viertel, weil die Sorge zu groß sei, das könne dem eigenen Leben oder dem der Kinder schaden.

Man könnte etwas tun. Helbig nennt die Wege, und er nennt sie ohne Illusion. Mehr Sozialwohnungsbau dort, wo sich ärmere Menschen das Wohnen sonst nicht leisten können – also linksrheinisch. Bis in die 1980er Jahre wurde sozialer Wohnungsbau explizit eingesetzt, um soziale Gruppen räumlich zu verteilen; davon habe man sich „vollständig verabschiedet“. München verpflichtet Investoren seit dreißig Jahren zum Drittelmix, Wien betreibt seine Wohnungspolitik seit über hundert Jahren mit zweckgebundener Steuer. In Köln bleibt, kurzfristig, vor allem Sozialarbeit und Quartiersmanagement – das Einzige, was eine Kommune realistisch leisten kann, weil sie nicht dreißig Jahre warten kann, während zwei Generationen Kinder diese Verhältnisse durchlaufen.

Und hier beginnt der Teil, der den Realismus in Resignation kippen lässt. Denn die Frage ist nicht, ob die Stadt könnte. Die Frage ist, wofür sie sich entscheidet. Und die Antwort steht, in Beton gegossen, am Offenbachplatz.

Die Sanierung der Bühnen läuft seit 2012. Aus ursprünglich gut 250 Millionen Euro sind nach heutigem Stand rund 1,5 Milliarden Euro geworden – das Sechsfache. Die Eröffnung, einst für 2015 versprochen, ist nun für September 2026 angekündigt, mit Bürgerfest und Festakt. Das ist keine Anklage gegen die Oper als Institution; eine Millionenstadt darf, soll, muss ein erstklassiges Musiktheater haben. Es ist eine Anklage gegen die Prioritätensetzung. Eineinhalb Milliarden Euro sind eine Zahl, die jede Debatte über „fehlende Mittel“ für Meschenich oder Chorweiler in eine andere Beleuchtung rückt. Es ist nicht eine Frage des Könnens. Es ist eine Frage des Wollens.

Und die Oper ist nur das prominenteste Beispiel. Die Museen, einst der Stolz dieser Stadt, sind in weiten Teilen marode. Das Römisch-Germanische Museum, das die weltweit bedeutendste Sammlung römischer Gläser hütet, ist seit Ende 2018 geschlossen. Die Generalsanierung wurde erst im Februar 2024 vom Rat beschlossen, die Kosten liegen mittlerweile bei rund 177 Millionen Euro, und ein Generalunternehmen für den eigentlichen Bau soll erst im dritten Quartal 2026 beauftragt werden. Ein Dionysos-Mosaik aus dem dritten Jahrhundert, das die Stadt einst weltberühmt machte – verpackt, eingehaust, unsichtbar, auf unabsehbare Zeit.

Wer glaubt, die Stadt habe wenigstens für die sozialen Brennpunkte ein Konzept, dem sei der Umgang mit der Drogenszene am Neumarkt empfohlen. Deren Lösung besteht im Wesentlichen darin, sie zu verlegen – an den Perlengraben, die Wilhelm-Hoßdorf-Straße, mitten in ein Wohnquartier. Über 800 Anwohner aus dem Pantaleonsviertel sind dagegen durch den Regen demonstriert, mehr als tausend haben eine Petition unterschrieben. Sie haben Angst um ihre Kinder. Eine Problemlösung ist die Verlagerung nicht; sie ist eine Verschiebung. Man schafft kein neues Veedel, man schafft ein neues Problem.

Es wäre unredlich, hier in reinen Niedergangston zu verfallen. Köln ist lebenswert. Köln ist eine schöne Stadt, eine Stadt mit Rhein und Dom und einer Beiläufigkeit im Umgang miteinander, die man andernorts vermisst. Aber die Lebenschancen sind in dieser Stadt nicht gleich verteilt, und sie verteilen sich, ehrlich gesagt, entlang der Postleitzahl. Wer in den besseren Vierteln wohnt, spürt es inzwischen auch dort – die Wohnungsnot treibt Menschen in Gegenden, in denen man sie früher nie getroffen hätte. Die alleinerziehende Mutter mit Kind in der zu teuren Wohnung, eine Matratze zum Schlafen und ein großer Fernseher für die Bilder von den Reichen und Schönen, zum Träumen. Das ist kein Randphänomen mehr. Das rückt näher.

Helbig sagt, ab einer bestimmten Schwelle werde Segregation selbstverstärkend. Man könnte den Satz auch auf die Stadtpolitik anwenden. Ab einer bestimmten Schwelle wird das Wegsehen zur Gewohnheit, und die Gewohnheit zur Struktur. Man fährt durch, man schaut nicht hin, man hat ja eine Oper. Und während über den Festakt am Offenbachplatz berichtet wird, läuft am Kölnberg die nächste Generation Kinder durch Verhältnisse, die niemand für sie gewählt hat – außer, durch Unterlassen, eine Stadt, die ihr Geld lieber anderswo verbaut hat.

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