Hirngesundheit: Wie Prävention das Gehirn tatsächlich verbessert

Wer an Demenzprävention denkt, hat meist ein bestimmtes Bild vor Augen: ältere Menschen, die im Schaukelstuhl sitzen und Kreuzworträtsel lösen. Eine aktuelle Studie zeichnet ein anderes Bild – und liefert dafür handfeste Belege. Im Fachmagazin The Lancet veröffentlichten Forscher die Ergebnisse eines zweijährigen Präventionsprogramms, an dem Männer und Frauen im Alter von 60 bis 77 Jahren aus mehreren lateinamerikanischen Ländern teilnahmen, darunter Argentinien, Mexiko und Kolumbien. Sie tanzten, schwammen, kochten, stemmten Gewichte und lösten Knobelaufgaben am Computer.

Das eigentlich bemerkenswerte Ergebnis liegt nicht darin, dass sich der geistige Abbau verlangsamte. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe schnitten bei Denk- und Erinnerungstests nach zwei Jahren besser ab als zu Beginn der Studie. Sie wurden also nicht nur weniger schlecht, sondern kognitiv tatsächlich fitter – und das im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die lediglich vier Beratungssitzungen zu einer gesünderen Lebensweise erhalten hatte.

Ein Programm mit vier Säulen

Was die Interventionsgruppe von der Kontrollgruppe unterschied, war kein einzelner Trick, sondern ein multimodaler Ansatz aus vier Bausteinen: Sport, Ernährung, Gedächtnistraining und regelmäßige Gesundheitschecks. Viermal pro Woche stand ein 35-minütiges Ausdauertraining auf dem Programm, wahlweise Radfahren, Aquajogging oder Tanzen, ergänzt durch Kraft- und Gleichgewichtstraining. Ebenfalls viermal wöchentlich trainierten die Teilnehmer ihr Gedächtnis am Computer. Hinzu kamen 38 Gruppentreffen mit gemeinsamem Kochen, vier Ernährungsberatungen sowie sechs medizinische Kontrolltermine für Blutdruck und Blutwerte.

Ernährungsgrundlage war die MIND-Diät: viel Gemüse, Beeren, Nüsse, Fisch und Hülsenfrüchte, wenig rotes Fleisch, Süßes und Fastfood. Trotz des beachtlichen zeitlichen Aufwands nahmen die Probanden im Schnitt knapp drei Viertel aller Termine wahr – ein Hinweis darauf, dass ein solches Programm im Alltag praktikabel ist, wenn es strukturiert angeboten wird.

Warum Prävention auf mehreren Ebenen wirkt

Die Forscher gehen davon aus, dass die einzelnen Bausteine über unterschiedliche Mechanismen zusammenwirken. Regelmäßige Bewegung hält die Gefäße flexibel und verbessert die Durchblutung des Gehirns. Eine ballaststoffreiche Ernährung mit gesunden Fettsäuren dämpft Entzündungsprozesse im Körper. Kognitives Training fördert neue Verschaltungen zwischen den Hirnzellen. Und die Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker und Blutfetten erlaubt es, Risikofaktoren für Herz und Hirn frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Keiner dieser Effekte allein wäre vermutlich ausreichend – in der Kombination aber ergibt sich ein Programm, das messbar wirkt.

Was die finnischen Langzeitdaten zeigen

Der Studienzeitraum von zwei Jahren reicht nicht aus, um zu klären, ob das Programm auch das tatsächliche Demenzrisiko senkt. Hinweise darauf liefert jedoch eine ältere, strukturell ähnliche Studie, die Anfang der 2010er-Jahre in Finnland begann und als Vorbild für die aktuelle Arbeit diente. Die finnischen Teilnehmer wurden über deutlich längere Zeit begleitet. Die Ergebnisse: Sie mussten seltener in der Notaufnahme oder im Krankenhaus behandelt werden, erlitten seltener Schlaganfälle und blieben teils noch sieben Jahre später geistig fitter – besonders diejenigen, die besonders engagiert am Programm teilgenommen hatten. Das deutet darauf hin, dass sich durch ein solches Programm ein größerer geistiger Puffer aufbauen lässt: eine Reserve, die hilft, die Auswirkungen einer beginnenden Erkrankung länger zu kompensieren, bevor spürbare Beschwerden auftreten.

Vom Reparaturbetrieb zum Präventionsangebot

Der Neurologe Emrah Düzel, der die Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Magdeburg leitet, zieht aus solchen Studien eine strukturelle Konsequenz: Gedächtnisambulanzen, wie es sie derzeit in vielen Kliniken gibt, müssten sich grundlegend wandeln. Mit Blut- und digitalen Kognitionstests ließen sich Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko schon heute deutlich früher identifizieren – lange bevor erste Symptome auftreten. Statt Einrichtungen, die vor allem bereits Erkrankte behandeln, schwebt Düzel ein Modell vor, das er als Zentren für „Brain Health“ bezeichnet: ganzheitliche Angebote aus Sport, Ernährung, Gedächtnistraining und Gesundheitschecks, angesiedelt vor dem Ausbruch der Krankheit statt danach.

Der Vorteil eines solchen Ansatzes würde über die Demenzprävention hinausreichen. Vieles, was dem Gehirn nachweislich guttut, wirkt sich auch auf andere Organe aus und senkt das Risiko für eine ganze Reihe weit verbreiteter Erkrankungen. Prävention wäre in diesem Modell kein Zusatzangebot am Rand des Gesundheitssystems, sondern dessen eigentlicher Ausgangspunkt.

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