Pisa-Studie: Warum jede Reaktion nur das eigene Programm zitiert

Die Pisa-Studie liegt seit wenigen Stunden vor, und schon zeichnet sich ab, welches Muster die Debatte in den kommenden Wochen prägen wird: Jeder Akteur antwortet mit dem Vokabular, das er ohnehin führt. Der SPIEGEL hat die Reaktionen der Bildungspolitik zusammengetragen. Bemerkenswert ist weniger, was gesagt wird, als wie exakt es sich vorhersehen ließ.

Drei Antworten, ein Muster

Bundesbildungsministerin Karin Prien verweist auf einen bereits bestehenden Kurs: „Wir kennen die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen.“ Der Verweis auf das kürzlich verabschiedete Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz für Kitas dient dabei weniger als Erklärung des schlechten Ergebnisses, sondern als Beleg, dass gehandelt werde. Die Botschaft lautet: Es ist bereits alles eingeleitet, was nötig ist – nur die Wirkung braucht Zeit.

Die SPD reagiert mit einer Forderung, die mit dem konkreten Pisa-Befund kaum in Verbindung steht: „Um die Länder zu stärken, wollen wir millionenschwere Vermögen und sehr große Erbschaften stärker in die Verantwortung nehmen.“ Der Vorschlag ist nicht falsch, weil Bildungsfinanzierung irrelevant wäre. Er ist auffällig, weil er beliebig austauschbar wirkt: Er hätte unter praktisch jeder Pisa-Überschrift der vergangenen zwei Jahrzehnte stehen können, unabhängig davon, ob die Diagnose damals Lehrermangel, Digitalisierungsrückstand oder eben – wie diesmal – veraltete Curricula und veränderte Klassenzusammensetzung hieß. Die Antwort wird nicht aus dem konkreten Problem abgeleitet, sondern aus der programmatischen Grundausstattung der Partei entnommen und passend beschriftet.

Der Philologenverband wiederum warnt vor der Zuschreibung, die in anderen Kommentaren gerade die Runde macht: „Schuldzuweisungen an Lehrkräfte und an das deutsche Schulsystem haben uns bisher keinen einzigen Schritt vorangebracht.“ Auch das ist eine Reflexantwort – die Verteidigung der eigenen Berufsgruppe gegen eine Zuschreibung, die in diesem Zyklus tatsächlich im Raum steht.

Was zwischen den Reflexen verschwindet

Zwischen diesen drei Positionen – Kurs halten, Vermögende heranziehen, keine Schuldzuweisung – bleibt auffällig wenig Raum für das, was der ehemalige Hamburger Schulsenator Ties Rabe vorschlägt: ein Bündel konkreter, überprüfbarer Maßnahmen, das er selbst als kostengünstig und schnell umsetzbar beschreibt – Sprachförderung im Vorschulalter, tägliches Lesen in der Grundschule, mehr Deutsch- und Matheunterricht, kollegiale Hospitationen. Rabes Vorschlag fällt aus dem Reaktionsmuster heraus, eben weil er weder eine Finanzierungsfrage noch eine Schuldfrage ist, sondern eine didaktische. Er lässt sich schwerer in ein parteipolitisches Vokabular übersetzen – und wird entsprechend im Artikel als Einzelmeinung eines Pensionärs behandelt, nicht als Diskussionsgrundlage.

Dieselbe Leerstelle zeigt sich bei Prien selbst, wenn sie einräumt, „die Schülerschaft hat sich verändert, keineswegs nur durch Zuwanderung, sondern auch durch Erziehungsmethoden, […] die Anzahl der Alleinerziehenden, den Einfluss von Bildschirmzeiten und durch Social Media“. Die Beobachtung ist konkret. Die Konsequenz, die sie daraus zieht, bleibt es nicht: „Es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren.“ Der Satz beendet die Analyse, statt sie fortzusetzen – an genau der Stelle, an der eine Erklärung beginnen müsste, warum sich Unterricht, Curricula oder Ressourcenverteilung an diese veränderte Ausgangslage nicht angepasst haben.

Reflexe statt Befund

Was in dieser ersten Reaktionsrunde fehlt, ist eine Antwort, die tatsächlich am konkreten Pisa-Befund ansetzt: am Alter der Lehrpläne, an der veränderten Klassenzusammensetzung, an der Unterrichtsqualität selbst. Stattdessen liefert jeder Akteur die Antwort, die er ohnehin im Programm hat, neu etikettiert mit dem Wort „Pisa“. Das ist kein Zeichen von Zynismus, sondern von institutioneller Trägheit: Parteien und Verbände verfügen über ein begrenztes Repertoire an Positionen, und jede neue Krise wird durch dieses vorhandene Repertoire hindurch verarbeitet, nicht unabhängig von ihm analysiert.

Die eigentliche Frage, die diese erste Reaktionsrunde aufwirft, ist deshalb nicht, welche der drei Positionen die richtige ist. Es ist die Frage, warum ein Befund, der seit 25 Jahren bekannt ist – die enge Kopplung von Schulerfolg und sozialer Herkunft –, in jeder neuen Debatte wieder in die immer gleichen, immer schon vorhandenen politischen Schubladen einsortiert wird, statt eine davon unabhängige Antwort zu erzwingen.

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