Kultur bemessen: Bühnen Köln vs. freie Szene

Zur Eröffnung der sanierten Bühnen Köln hat Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger einen Kommentar geschrieben, der die Kostendebatte um den Offenbachplatz für unangemessen erklärt. Kultur lasse sich nicht in Euro bemessen, Oper und Theater seien „letzte kollektive Live-Erfahrungen“, Orte der Nachbarschaft und des gemeinsamen Raums. Als Blaupause für den richtigen Umgang mit Kritik dient ihm der Shitstorm gegen Timothée Chalamet, der Ballett und Oper einmal für irrelevant erklärt hatte. Ähnlich robuste Abwehr wünscht sich Bos gegen alle, die die „aus dem Ruder gelaufenen“ Sanierungskosten thematisieren.

Die Analogie hinkt an der entscheidenden Stelle. Chalamets Bemerkung war ein Geschmacksurteil, dem eine pauschale Herabwürdigung einer Kunstform folgte – die Empörung reagierte auf einen Ton, nicht auf eine Sachfrage. Wer nach den Kosten einer Sanierung fragt, äußert dagegen kein Geschmacksurteil über Oper, sondern eine Frage zur Verwendung öffentlicher Mittel. Bos verschmilzt beide Kategorien, um denselben Reflex auszulösen: sofortige Abwehr, bevor überhaupt verhandelt wird, worüber gesprochen wird. Bezeichnenderweise nennt der Text an keiner Stelle eine Zahl – weder die Bausumme noch den Grad der Kostenüberschreitung. Er verteidigt eine Rechnung, die er dem Publikum gar nicht vorlegt.

Am Ende widerspricht sich der Kommentar sogar selbst. Im letzten Absatz räumt Bos ein, die Bühnen seien „als Orte bildungsbürgerlicher Selbstbespiegelung tatsächlich Schrumpfmasse“ und müssten sich künftig daran messen lassen, wie offen sie wirklich seien. Das ist im Kern ein Eingeständnis, dass die Kritik am elitären Charakter berechtigt war – nur wird es als Ausblick formuliert, nicht als Korrektur der eigenen Eingangsverteidigung.

Was den Text vollends unfreiwillig komisch macht, ist ein Vergleich mit dem, was einige Kilometer weiter tatsächlich mit „Nachbarschaft“ und „freier Szene“ passiert. Die Stadt Köln hat für das Depot in Köln-Mülheim, bislang Interimsspielstätte des Schauspiel Köln, eine Neuausrichtung verkündet: Ein Teil der Halle wird künftig gewerblich an einen Musicalanbieter vermietet, der übrige Teil bleibt der freien Szene. Verbunden ist das mit einer viel zitierten Spendenzusage des Betreibers – eine Million Euro jährlich über zehn Jahre an den städtischen Fonds „Darstellende Künste“. In der öffentlichen Kommunikation verschmelzen Mietvertrag und Spende zu einem großzügigen Gesamtpaket. Tatsächlich sind es zwei getrennte Vorgänge: ein gewöhnliches gewerbliches Mietverhältnis und eine unverbindliche Absichtserklärung eines Privatunternehmers, ohne Rechtsanspruch, ohne stiftungsrechtliche Absicherung, kündbar durch Verkauf, Insolvenz oder schlichten Sinneswandel. Die freie Szene selbst hat dem widersprochen: Die Zusage ersetze keinen städtischen Kulturauftrag.

Während diese Mogelpackung als Erfolgsgeschichte verkauft wird, verschwindet im selben Haushalt eine tatsächlich funktionierende Nachbarschaftskultur ohne Ersatz. Die Cologne Jazzweek, ein internationales Festival mit über 9.000 Besuchern, einer Auslastung von mehr als 90 Prozent und der Auszeichnung „Festival des Jahres 2023“, verlor im Haushaltsentwurf 2025/2026 trotz vorheriger Zusagen des Kulturdezernenten ihre gesamte städtische Förderung. In der Pressemitteilung des Festivals ist von einem „schwarzen Tag für die Kultur in Köln“ die Rede – die freie Szene werde trotz aller Zusicherungen drastisch gekürzt.

Genau hier zeigt sich, was an Bos‘ Verteidigung schief liegt. Er beschwört den Wert von Live-Erfahrung, gemeinsamem Raum und Nachbarschaft an einem Ort, dessen Umfeld – Einkaufsarchitektur, die abends tot daliegt – diesen Wert strukturell gar nicht einlösen kann, während er über jene Institutionen schweigt, die genau das leisten und gerade ersatzlos gestrichen werden. Die Frage, wie man Kultur bemisst, stellt sich also nicht am Offenbachplatz zuerst. Sie stellt sich dort, wo tatsächlich gekürzt wird – nur redet darüber niemand so pathetisch.

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