Honorarkürzung bei Psychotherapeuten – Sparen an der falschen Stelle

Psychotherapeuten müssen eine Honorarkürzung von 4,5 Prozent hinnehmen – und das in einer Zeit, in der der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung unübersehbar groß ist. Die Begründung ist so schlicht wie ernüchternd: Die Kassen müssen sparen. Was auf den ersten Blick wie eine nüchterne Haushaltsentscheidung wirkt, ist bei näherer Betrachtung ein Symptom eines tiefer liegenden Problems.

Wer kürzt, schafft Ungleichheit

Wer als Therapeut seine Einnahmen gekürzt bekommt, während die Kosten weiter steigen, wird nach Wegen suchen, diesen Verlust auszugleichen. Der naheliegendste Weg: Privatpatienten und Selbstzahler bevorzugt behandeln. Das ist kein böser Wille, sondern ökonomische Vernunft. Die Folge aber ist absehbar – und politisch höchst unangenehm: Die Debatte um die Zwei-Klassen-Medizin bekommt neue Nahrung. Wer privat versichert ist oder aus eigener Tasche zahlen kann, kommt schneller an einen Termin. Die Kürzung, die eigentlich Geld sparen soll, produziert genau das Ungleichheitsproblem, das niemand offen will.

Warum nicht zuerst bei sich selbst sparen?

Dabei drängt sich die Frage auf, warum die Kassen nicht zunächst bei sich selbst sparen. Ist es wirklich notwendig, über 90 Krankenkassen mit ihren jeweiligen Verwaltungsapparaten, Immobilien und Vorstandsetagen aufrechtzuerhalten – obwohl der Leistungskatalog gesetzlich vorgeschrieben ist und für alle gilt? Eine Konsolidierung auf, sagen wir, 45 Kassen wäre kein ideologischer Angriff auf den Wettbewerb, sondern schlicht vernünftige Verwaltungspolitik.

Globuli ja, Psychotherapie nein?

Auch die kostenfreie Familienversicherung gehört auf den Prüfstand. Zu Bismarcks Zeiten, als der Mann der Alleinverdiener und die Frau die nicht erwerbstätige Hausfrau war, hatte diese Regelung ihre soziale Berechtigung. Die gesellschaftliche Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts sieht anders aus. Natürlich gibt es weiterhin Menschen, die wegen Kinderbetreuung oder Pflege nicht oder nur eingeschränkt erwerbstätig sein können – das verdient Berücksichtigung. Aber eine pauschale beitragsfreie Mitversicherung ohne Prüfung der Verhältnisse ist kein gezieltes Instrument sozialer Gerechtigkeit, sondern ein kostspieliges Relikt.

Und dann sind da noch die Globuli. Homöopathische Mittel werden von gesetzlichen Kassen erstattet, obwohl ein wissenschaftlich nachgewiesener Nutzen für Patienten bis heute nicht erbracht wurde. Das ist kein Randproblem – es ist ein Symbol für politische Feigheit gegenüber einer lautstarken Lobby. Wer Globuli erstattet und gleichzeitig bei Psychotherapeuten kürzt, setzt falsche Prioritäten.

Das strukturelle Problem: der falsche Zeithorizont

Das eigentliche Problem aber liegt tiefer. Das Gesundheitssystem leidet an einem strukturellen Zeithorizontproblem: Investitionen in Prävention, in eine ausreichende psychotherapeutische Versorgung, in sinnvolle Strukturreformen zahlen sich erst in zehn oder zwanzig Jahren aus. Wahlzyklen dauern vier Jahre. Der Politiker, der heute eine unpopuläre Reform durchsetzt, wird dafür nicht belohnt – sein Nachfolger erntet die Früchte, wenn überhaupt. Also wird das Naheliegende getan: bei denen gekürzt, die am wenigsten Gegenwehr organisieren können. Psychotherapeuten sind kein Konzern, keine Gewerkschaft, keine Wählergruppe mit echtem Drohpotenzial.

Das ist rational aus Sicht des Einzelpolitikers. Und irrational aus Sicht des Systems. Dieser Widerspruch ist nicht zufällig – er ist eingebaut.

Ein gefährlicher Präzedenzfall

Die gesellschaftspolitische Dimension reicht jedoch noch weiter. Wenn öffentliche Institutionen mit Verweis auf Sachzwänge Leistungserbringer unter Druck setzen und Kürzungen als selbstverständliches Instrument etablieren, legitimieren sie dieses Verhalten auch für andere Bereiche. Arbeitgeber, die Löhne drücken, können auf dasselbe Argument zurückgreifen. Die Normalisierung von Kürzungen verschiebt den gesellschaftlichen Konsens darüber, was vertretbar ist – still, unmerklich, aber wirksam.

Das ist erst die Spitze des Eisbergs. Und deshalb gilt: Wehret den Anfängen.

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