Melaten, Radwege und die ungleiche Aufmerksamkeit der Kölner Verwaltung

Dombaumeisterin a.D. Barbara Schock-Werner beklagt in ihrer Kolumne den Verfall städtischer Ehrengräber auf dem Friedhof Melaten – konkret die Grabstätte der Familie von Wittgenstein, deren Platten vermoosen und verwittern, während die Verwaltung sogar ehrenamtliche Sanierungsangebote von Steinmetzen unter Verweis auf Zuständigkeiten ablehnt. Die Reaktion folgt prompt: Die CDU-Ratsfraktion fordert den zuständigen Dezernenten zum Handeln auf, der Förderverein Melaten schildert einen ähnlichen Fall. Binnen Stunden ist aus einer Kolumne eine politische Angelegenheit geworden.

Das ist an sich bemerkenswert wenig bemerkenswert. Städtische Verwaltungen in Köln lassen seit Jahren Dinge verfallen, verweisen auf Zuständigkeiten, bremsen bürgerschaftliches Engagement aus – ob bei der Oper, bei Brücken oder eben bei Gräbern. Das Muster ist bekannt und wiederholt sich zuverlässig. Interessant ist nicht der Verfall, sondern warum ausgerechnet dieser Verfall gehört wird.

Schock-Werners Autorität in dieser Sache ist entlehnt. Als Dombaumeisterin a.D. kennt sie sich mit Steinen aus, mit Bauwerken, mit Restaurierung im großen Maßstab – dem Kölner Dom. Das ist eine andere Materie als ein Friedhof mit seinen eigenen rechtlichen, gärtnerischen und denkmalpflegerischen Fragen. Eine ausgewiesene Expertise für Melaten hat sie nicht. Was zählt, ist nicht die fachliche Passgenauigkeit, sondern der Name. Eine bekannte Stimme erklärt ein Thema für wichtig, und die Bekanntheit überträgt sich unmittelbar auf das Thema selbst – unabhängig davon, ob die zugrundeliegende Sachkenntnis tatsächlich reicht.

Der Kontrast dazu sind die Kölner Radwege. Ihr Zustand ist in weiten Teilen der Stadt seit Jahren mangelhaft: Schlaglöcher, aufgebrochener Belag, abrupte Kanten, unklare Führung. Die Folgen sind keine ästhetische Verwahrlosung, sondern körperliche Schäden. Alleinunfälle von Radfahrenden – gestürzt an einer Kante, in einem Schlagloch, auf aufgeworfenem Wurzelwerk – tauchen in der Verkehrsstatistik auf, verteilt über diverse Rubriken, ohne dass sie als das erkennbar werden, was sie in der Summe sind: die Konsequenz jahrelang vernachlässigter Infrastruktur. Es gibt keine Ex-Dombaumeisterin, die eine Kolumne darüber schreibt. Keinen Fraktionschef, der binnen Stunden ein „umgehendes Nachsteuern“ fordert. Der Schaden ist größer, betrifft ungleich mehr Menschen – und bleibt folgenlos, weil niemand mit ausreichender medialer Reichweite ihn bündelt.

Radwege stehen dabei stellvertretend für ein größeres Feld ähnlich gelagerter Fälle – Schulgebäude, Spielplätze, Gehwege, je nach Stadtteil beliebig zu ergänzen. Überall dieselbe Verwaltungslogik: Zuständigkeiten werden verteidigt, Verantwortung wird verschoben, echte Abhilfe bleibt aus, solange kein öffentlicher Druck entsteht. Diese Logik ist die Konstante. Sie ändert sich nicht, ob es um ein Ehrengrab oder um ein milliardenschweres Bauprojekt geht. Was sich ändert, ist einzig, ob jemand mit genug Gehör den Finger darauf legt.

Das ist kein Plädoyer dafür, weniger über Gräber zu sprechen oder Schock-Werners Kritik für unberechtigt zu halten. Der Zustand der Ehrengräber ist tatsächlich unwürdig, die Ablehnung ehrenamtlicher Hilfe tatsächlich schwer nachvollziehbar. Die eigentliche Frage liegt woanders: Warum bemisst sich öffentliche Aufmerksamkeit für Verwaltungsversagen nicht am Ausmaß des Schadens, sondern an der Prominenz dessen, der ihn anspricht? Wer über Melaten empört ist, dürfte über die eigene Radwegstrecke zur Arbeit mindestens ebenso viel zu sagen haben. Nur hört ihm niemand zu.

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