Unter „Nahostkonflikt“ abgelegt
Am 25. September 2026 veröffentlichte der Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit Abraham Lehrer, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden und Vorsitzenden der Kölner Synagogen-Gemeinde. Es geht um Judenhass, um die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, um Kölner Familien, die über das Auswandern nachdenken. Mitten im Text blendet die Redaktion weiterführende Artikel ein. Die Rubrik heißt „Alles zum Thema Nahostkonflikt“. Darunter finden sich ein Kommentar zum Spritpreisdeckel, eine Prognose zu steigenden Preisen und eine Meldung über Huthi-Milizen in der Meerenge Bab al-Mandab.
Die Zuordnung ist vermutlich über ein Schlagwort im Redaktionssystem entstanden, nicht durch eine bewusste Entscheidung. Gerade deshalb ist sie aufschlussreich. Sie zeigt keine Haltung, sondern eine Kategorie: den Ort, an dem eine Institution das Thema ablegt. Jüdisches Leben in Köln erscheint dort als Unterabteilung eines Konflikts in einer anderen Weltregion. Selbst das Foto trägt noch die Bildunterschrift aus einem anderen Zusammenhang, einer Serie über abgehängte Stadtteile.
Die Frage nach der Rangfolge
Die erste Frage des Interviews folgt einer vertrauten Logik. 44 Prozent für eine als rechtsextrem eingestufte AfD in Sachsen-Anhalt, 25 Prozent für eine in Teilen antisemitische Linke in Berlin: Was habe ihn mehr erschreckt? Die Frage verlangt eine Rangfolge der Ränder. Lehrer liefert sie nicht. Er verschiebt den Blick auf die Mitte der Gesellschaft, die nicht verstanden habe, was die jüdische Gemeinschaft umtreibt. Später sagt er ausdrücklich, er wisse nicht, vor wem er mehr Angst haben solle.
Das ist die eigentliche Nachricht des Gesprächs, und die Überschrift nimmt sie auf: „Am schlimmsten finde ich, dass sich alle wegducken.“ Die Einsortierung unter „Nahostkonflikt“ zieht sie wieder zurück an den Ort, von dem Lehrer sie wegholen wollte.
Drei vor der Synagoge
Lehrer nennt eine Zahl, die schwerer wiegt als jedes Wahlergebnis. Nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin standen an Jom Kippur drei Menschen vor der Kölner Synagoge, um Solidarität zu zeigen. Nach den Berichten über die Remigrationspläne der AfD gingen bundesweit Hunderttausende auf die Straße. Lehrer erklärt die Differenz mit Gewöhnung: Antisemitismus sei so normal geworden, dass nur noch extreme Ereignisse Reaktionen auslösten.
Die Erklärung ist plausibel, aber unvollständig. Die Demonstrationen von 2024 hatten Voraussetzungen, die mit dem Grad der Empörung wenig zu tun hatten: einen eindeutig außerhalb des eigenen Milieus stehenden Gegner, ein breites Bündnis aus Kirchen, Gewerkschaften, Verbänden und Parteien und eine Botschaft, die jeder im demonstrierenden Spektrum unterschreiben konnte. Solidarität mit Jüdinnen und Juden nach dem 7. Oktober 2023 hat keine dieser Voraussetzungen. Wer sich vor eine Synagoge stellt, wird als jemand gelesen, der eine Position zum Gaza-Krieg bezieht, von anderen und oft auch von sich selbst. Er muss damit rechnen, sich im eigenen Freundeskreis, im Kollegium, im eigenen politischen Lager erklären zu müssen.
Die demonstrierende Mitte ist in dieser Frage nicht einig, sondern gespalten. Wo eine Positionierung das eigene Lager teilt, entsteht keine kollektive Aktion. Das ist weniger Gleichgültigkeit als Konfliktvermeidung.
Köln hat dafür ein eigenes Beispiel. Im November 2023 rief die Künstlerinitiative „Arsch huh“, das etablierteste Mobilisierungsformat der Stadt, nicht zu einer Solidaritätskundgebung auf, sondern zu einer Friedenskundgebung unter dem Titel „Give Peace a Chance“. Lehrer sagte seine Teilnahme ab, weil ihm die Distanzierung von den Hamas-Angriffen nicht ausreichte. Das Format war das Symptom: Frieden lässt sich fordern, ohne sich zu positionieren.
Die Kategorie als Ursache
Die Rubrik unter dem Interview und die drei Menschen vor der Synagoge sind dasselbe Phänomen an verschiedenen Orten. Wo jüdisches Leben unter „Nahostkonflikt“ abgelegt wird, im Redaktionssystem, in der politischen Debatte, bei jenen Linken, die Juden mit Israel gleichsetzen, wird jede Solidarität zur Stellungnahme. Und Stellungnahmen sind genau das, was die demonstrierende Mitte in dieser Frage vermeidet.
Lehrer selbst zieht die Grenze sauber. Kritik an der israelischen Regierung, am Ministerpräsidenten, an rechtsradikalen Ministern sei jederzeit zulässig. Antisemitisch werde es, wo dem Staat das Existenzrecht abgesprochen werde. Diese Unterscheidung setzt allerdings voraus, dass die Sicherheit Kölner Juden und die Bewertung eines Krieges zwei getrennte Fragen sind. Die Rubrik führt sie zusammen.
Dieselbe Logik zeigt der Vorfall, den Lehrer aus dem Oktober 2025 schildert: eine Demonstration von Israel-Kritikern auf dem Rathenauplatz, zeitgleich mit einem Gottesdienst in der Synagoge an der Roonstraße. Ob die Versammlungsbehörde das hätte verhindern können, ist eine rechtliche Frage, Verbote sind im Versammlungsrecht die Ausnahme. Dass die Veranstalter die Nähe zur Synagoge offenbar für einen geeigneten Ort hielten, ist keine rechtliche Frage. Die Synagoge wurde zum Adressaten einer Kritik an einem Staat.
Lehrer fragt, wo der Rest der Gesellschaft sei. Ein Teil der Antwort steht unter seinem eigenen Interview. Solange die Frage nach der Sicherheit Kölner Juden neben dem Spritpreisdeckel eingeordnet wird, wird man vor der Synagoge in der Roonstraße weiterhin gut zählen können.