Das Kompetenzparadox: ÖRR und Behörden auf Social Media

Wenn die ARD-Tagesschau auf TikTok, Instagram, WhatsApp und über einem Dutzend weiteren Plattformen ausspielt, wenn das nordrhein-westfälische Innenministerium seit Februar 2025 einen WhatsApp-Kanal betreibt und Bezirksregierungen wie Arnsberg eigene WhatsApp-Auftritte einrichten, dann wirkt das auf den ersten Blick wie zeitgemäße Bürgerkommunikation. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich um eine institutionelle Selbstwidersprüchlichkeit, deren Analyse selten geführt wird.

Der Medienstaatsvertrag verankert ausdrücklich den Auftrag, Medienkompetenz aller Generationen zu fördern und mediale Teilhabe zu ermöglichen – eine Aufgabe, die Media Perspektiven als gesamtgesellschaftliche Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Anstalten beschreibt. Die Praxis sieht anders aus. Der Tagesschau-Instagram-Kanal erreicht laut taz im Schnitt fast 28 Millionen Interaktionen pro Monat; auf TikTok zählt die Marke 2,4 Millionen Follower. Die Inhalte werden plattformgerecht aufbereitet – kurze Clips, Bildkarussells, dekontextualisierte Schlagzeilen – und folgen nicht journalistischen, sondern algorithmischen Selektionskriterien.

Die institutionelle Begründung wiederholt sich in nahezu identischer Wortwahl. NRW-Innenminister Herbert Reul kommentierte den Start der Ministeriums-Kanäle bei Instagram, Facebook und WhatsApp mit dem Satz, man wolle „noch stärker da sein, wo die Menschen sind“. Die Formel klingt pragmatisch, kapituliert aber vor der Plattformlogik. Sobald ein Beitrag im WhatsApp-Kanal oder im Instagram-Feed landet, ist er nicht mehr derselbe Beitrag, der auf der Behördenwebsite stand. Er erscheint dekontextualisiert, eingebettet zwischen Familienchats, Werbung und Kettenbriefen, ohne sichtbares institutionelles Quellensignal, sortiert von einem Algorithmus, dessen Kriterien intransparent sind und dessen Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeitsextraktion und Datenabschöpfung beruht. Die Form überschreibt den Inhalt.

Die strukturelle Pointe liegt darin, dass die öffentlichen Institutionen genau jene Kompetenzen bei den Empfängern voraussetzen, deren Förderung ihr eigener Auftrag wäre. Wer auf WhatsApp eine Tagesschau-Meldung oder eine Mitteilung des Innenministeriums empfängt, müsste in der Lage sein, sie als kuratierte Information einzuordnen, vom umliegenden Plattformrauschen zu trennen, die Datenflüsse hinter dem Empfang zu durchschauen und die Auswahllogik der Plattform zu kennen. Diese Kompetenzen besitzt ein erheblicher Teil der Nutzer nicht – sonst hätte der gesetzliche Auftrag, sie zu stärken, sich erübrigt.

Das Bild liegt nahe: Es ist, als würde man einen Menschen aus dem 14. Jahrhundert auf ein Autobahnkreuz stellen und sich selbst überlassen. Genauer noch – die Institutionen stellen ihn nicht nur dorthin. Sie winken aus den Spuren herüber und signalisieren, das hier sei ein normaler Ort. Indem öffentlich-rechtliche Sender und Landesbehörden auf diesen Plattformen senden, normalisieren sie diese als legitime Informationsinfrastruktur. Wer dort die Tagesschau abonniert oder dem Innenministerium folgt, lernt nebenbei: Das sei die Umgebung, in der staatliche und journalistische Information wohne. Der pädagogische Kollateralschaden ist erheblich und bleibt unkartiert.

Die strukturelle Ursache ist banal: Reichweitenzahlen sind quantifizierbar, Kompetenzschäden nicht. Die Tagesschau-Sozialmedienleitung benennt es gegenüber buchreport bereits 2020 ungeschminkt – Reichweite, Video-Aufrufe, Shares und Likes seien das Erfolgsmaß, auch wenn man wisse, dass der Plattformalgorithmus über die Ausspielung entscheide. KPI schlägt Auftrag. Wer in einer Anstaltsleitung oder einem Ministerbüro erklären müsste, warum man auf Instagram verzichtet, hat das schwerere Argument als jene, die „2,4 Millionen Follower“ auf eine Folie schreiben. Dass diese Reichweite den eigentlichen Auftrag teilweise unterminiert, taucht in keinem Tätigkeitsbericht auf – weil es dafür keinen Indikator gibt.

Die Konsequenz ist nicht, dass öffentliche Sender oder Behörden sich aus digitalen Räumen zurückziehen müssten. Sie liegt darin, dass ein nüchterner Blick auf die Asymmetrie zwischen Auftrag und Praxis bislang fehlt. Solange Reichweite das einzige messbare Erfolgskriterium bleibt, wird die Plattformlogik diejenige Logik sein, die das öffentliche Informationsangebot unsichtbar mitformatiert. Der mittelalterliche Mensch auf dem Autobahnkreuz ist dabei kein Bild, sondern eine recht präzise Beschreibung der Situation.

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