Die Zahl, die zuerst zirkuliert
Die PISA-Studie 2025 misst zwischen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund und jenen, die erst nach dem elften Lebensjahr nach Deutschland kamen, einen Leistungsabstand von 129 Punkten in den Naturwissenschaften. Das ist die Zahl, die zuerst zirkulieren wird: groß, eingängig, scheinbar eindeutig. Sie eignet sich für Schlagzeilen und für die immer gleiche politische Übersetzung, wonach der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund die deutschen PISA-Ergebnisse erkläre.
Was die Studie selbst dagegensetzt
Die Studie selbst widerspricht dieser Lesart, noch bevor sie öffentlich diskutiert wird. Kontrolliert man für soziale Herkunft, Geschlecht und die zu Hause gesprochene Sprache, schrumpft der Abstand auf 18 Punkte bei der zweiten Generation, 32 Punkte bei frühem und 67 Punkte bei spätem Zuzug. Was als Migrationseffekt erscheint, ist zu einem erheblichen Teil ein sozioökonomischer Effekt, der lediglich mit Migration korreliert, weil zugewanderte Familien in Deutschland überproportional häufig von Armut, prekärer Wohnsituation und geringerem Bildungskapital betroffen sind. Die Rohzahl misst also nicht in erster Linie Herkunft, sondern Verteilung.
Ein eingeübtes Muster
Dass diese Verkürzung nicht bloß denkbar, sondern ein eingeübtes Reaktionsmuster ist, zeigt sich am eigenen Beispiel Sachsen-Anhalts. Nach dem schlechten Abschneiden des Landes im IQB-Bildungstrend 2016 forderte der damalige AfD-Fraktionschef Poggenburg, Kinder mit Migrationshintergrund aus dem Regelunterricht zu entfernen. Sieben Jahre später, nach PISA 2022, machte der sächsische Kultusminister Piwarz (CDU) Migrantenfamilien in ähnlicher Diktion für das schlechte Abschneiden verantwortlich und nannte eine Belastungsgrenze von 30 Prozent Migrationsanteil pro Klasse. Zwischen beiden Fällen liegen sieben Jahre, zwei Bundesländer und zwei Parteien – aber dieselbe Bewegung: von der Rohzahl direkt zur migrationspolitischen Schlussfolgerung, ohne den Umweg über die Kontrollvariablen, die die Studie selbst vorlegt.
Der eigentliche Befund
Was dabei verschwindet, ist der eigentliche deutsche Befund. Der sozioökonomische Status erklärt hierzulande 19 Prozent der Leistungsunterschiede in den Naturwissenschaften, im OECD-Durchschnitt sind es 12 Prozent. Diese Lücke ist zwischen 2015 und 2025 gewachsen, während sie im OECD-Schnitt kleiner wurde. Das deutsche Bildungssystem fällt also nicht deshalb auf, weil ungewöhnlich viele Kinder mit Migrationshintergrund darin lernen – der Anteil liegt mit 29 Prozent im Rahmen vergleichbarer Industrieländer –, sondern weil es Herkunft überdurchschnittlich stark in Schulerfolg übersetzt und diese Übersetzung in den vergangenen zehn Jahren noch verstärkt hat.
Dass dies keine nachträgliche Interpretation ist, sondern die Einordnung der Studie selbst, bestätigte der nationale PISA-Projektleiter Samuel Greiff am Tag der Veröffentlichung: Die Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Familien. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildungserfolg sei in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada – konkret: Unter sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern sind zwei von hundert leistungsstark, unter privilegierten fünfundzwanzig von hundert. Auch Bildungsministerin Karin Prien wies am selben Tag von der Migrationserklärung weg und nannte stattdessen Erziehungsstile, die Zahl Alleinerziehender und Bildschirmzeiten als Faktoren. Wer bei den 129 Punkten stehen bleibt, tauscht diesen unbequemeren Befund gegen den bequemeren – gegen die eigene Einordnung der Studienmacher.