Der gläserne Deutsche – Datenschutz 2009 und 2025 im Vergleich

Ursprünglich geschrieben 2009 – aktualisiert 2025

Nach meinem Urlaub habe ich damals einfach mal überlegt, welche Spuren ich so in dieser Zeit hinterlassen habe. Nicht die Spuren direkter Kommunikation mit anderen Menschen – sondern jene, die ich eigentlich nicht freiwillig oder nur unbedacht gestreut hatte und die beim Zusammenführen ein recht genaues Persönlichkeitsprofil ergeben. Das war 2009. Heute, sechzehn Jahre später, stelle ich dieselbe Frage. Das Ergebnis ist erschreckend vertraut – und erschreckend viel umfangreicher.

Die Spuren von damals

2009 hatte ich auf dieser Seite eine Fahrradtour um den Wörthersee beschrieben, die GPS-Daten dazu in einem separaten Portal hinterlassen und das Verhalten von Autofahrern gegenüber Radfahrern in der Toskana und in Österreich kommentiert. Wer damals gezielt gesucht hätte, wäre schnell auf ein Profil gestoßen: Radfahrer. GPS-Nutzer. Urlaubsgebiete Kärnten und Toskana. GeoCacher. Schulbezug. Eigene Webseiten. Eine Google-Suche förderte damals über achthundert Ergebnisse zutage – und das war erst der Anfang.

Die Spuren von heute

Was sich verändert hat, ist nicht das Prinzip – sondern die Dimension. Ich hinterlasse heute Spuren, die ich 2009 noch gar nicht hinterlassen konnte. Das Smartphone in der Tasche registriert nicht nur meinen Aufenthaltsort in Echtzeit, sondern auch Bewegungsmuster, Schlafrhythmus, Herzfrequenz, mit wem ich telefoniere und wie lange. Bezahle ich mit Karte, entsteht ein Konsumprofil. Kaufe ich online, werden meine Vorlieben algorithmisch erfasst und für künftige Angebote verwendet. Nutze ich eine Navigations-App, weiß jemand nicht nur, wo ich war – sondern auch, wohin ich wahrscheinlich als nächstes fahre.

Hinzu kommt das, was ich scheinbar freiwillig hinterlasse: Blogbeiträge, Kommentare, Fotos, Likes. Jeder dieser digitalen Fingerabdrücke ist für sich genommen harmlos. Zusammengeführt ergeben sie ein Porträt, das präziser ist als das, was die meisten Menschen von sich selbst zeichnen könnten. Und es ist dauerhaft. Das Internet vergisst nicht.

Neue Dimensionen der Datenerhebung

Was 2009 noch Zukunftsmusik war, ist heute Alltag. Sprachassistenten hören passiv mit – oder sollen es zumindest tun, wenn man ihnen glaubt. Smart-TV-Geräte werten Sehgewohnheiten aus. Fitness-Apps wissen mehr über den eigenen Körper als der Hausarzt. KI-Systeme sind in der Lage, aus scheinbar harmlosen Datenpunkten Schlussfolgerungen zu ziehen, die niemand explizit preisgegeben hat: politische Einstellungen, Gesundheitszustand, finanzielle Lage, emotionale Verfassung.

Besonders bemerkenswert ist die Rolle des Staates. Die Datensammelwut, die ich 2009 bereits kritisch beobachtete, hat seither nicht abgenommen – sie hat sich vertieft und legalisiert. Vorratsdatenspeicherung, Biometrie an Grenzen und Bahnhöfen, automatische Kennzeichenerfassung, der Einsatz von Analysesoftware bei Behörden: Der gläserne Bürger ist keine Metapher mehr, sondern zunehmend Verwaltungsrealität.

Was sich nicht verändert hat

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass sich trotz allem an einer Grundkonstante nichts geändert hat: dem Verhalten der meisten Menschen. Die Bereitschaft, persönliche Daten gegen Bequemlichkeit, Unterhaltung oder kostenlose Dienste zu tauschen, ist ungebrochen. Die Cookie-Banner werden weggeklickt, die Datenschutzerklärungen nicht gelesen, die App-Berechtigungen großzügig erteilt. Die Appelle an die digitale Mündigkeit, die Medienkompetenz-Trainings, die Hinweise in Schulen und Zeitungen – sie haben an der Grundsituation wenig geändert.

Ich mache da keine Ausnahme. Ich versuche nach wie vor, meine Datenspur auf ein Minimum zu reduzieren – und weiß gleichzeitig, dass dieser Versuch im Jahr 2025 noch illusorischer ist als 2009. Wer am digitalen Leben teilnimmt, hinterlässt Spuren. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie viele – und wer damit was macht.

Medienkompetenz bleibt das Fundament

Ein wichtiger Aspekt von Medienkompetenz war 2009 der sorgsame Umgang mit den eigenen Daten. Das gilt heute noch genauso – nur ist die Komplexität gewachsen. Es reicht nicht mehr, keine Handynummer preiszugeben oder Klarnamen zu vermeiden. Es geht um digitale Hygiene im Alltag: sichere Passwörter, kritisches Hinterfragen von App-Berechtigungen, Bewusstsein für die Verwertungskette hinter scheinbar kostenlosen Diensten.

Und es geht um eine politische Dimension, die 2009 noch weniger sichtbar war: Datenschutz ist keine persönliche Vorliebe, sondern eine gesellschaftliche Grundfrage. Wer Daten besitzt, besitzt Macht. Diese Macht liegt heute bei einer Handvoll globaler Konzerne und bei staatlichen Stellen, deren Appetit auf Information strukturell unbegrenzt scheint. Das Grundgesetz schützt die Privatsphäre – aber es schützt sie nicht automatisch. Es braucht Menschen, die diesen Schutz einfordern.

Sechzehn Jahre nach dem ersten Text bin ich kein bisschen optimistischer. Aber das Nachdenken darüber lohnt sich noch immer.

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