Der Kölner Stadt-Anzeiger erzählt eine warme Geschichte: Uwe Reich, 80 Jahre alt, leitet die Katholische Grundschule an der Alzeyer Straße in Bilderstöckchen und denkt nicht ans Aufhören. Kölns ältester Rektor, rüstig, mit Humor, er habe noch Spaß, und Cher und Udo Lindenberg seien schließlich auch noch aktiv. Es ist als Feelgood-Stück gebaut. Aber wer genau liest, hält kein Porträt in der Hand, sondern ein Dokument über den Schulleitermangel – und über ein Bildungssystem, das sich nur noch über Ausnahmen am Laufen hält.
Denn was dieser Mann sagt, hat mit Altersmilde nichts zu tun. Ein Pädagoge mit fünfzig Jahren Innenansicht nennt das deutsche Bildungssystem „eine Ruine vor dem Einsturz“. Er zählt auf, was er meint: die NRW-Eigenheit der Bekenntnisschulen, an seinem Standort 53 katholische unter 230 Kindern, dazu die Doppelstruktur mit zwei Leitungen und zwei Sekretariaten an einem Haus. Inklusion, die verordnet, aber nicht finanziert wurde, sodass bis zu 28 Kinder in einer Klasse sitzen, darunter mehrere mit erheblichem Förderbedarf. Eine Verwaltung, bei der die Bestellung eines Stuhls zur Zuständigkeitsfrage wird. Und ein undichter Container auf dem Schulhof, über den die Stadt ein Zelt gespannt hat, statt ihn zu ersetzen. Die warme Verpackung macht eine Anklage schluckbar, ohne dass sie in Düsseldorf irgendjemanden beunruhigen müsste.
Die falsche und die richtige Frage
Naheliegend ist die Frage, ob ein Achtzigjähriger den jüngsten Kindern noch gerecht werden kann. Sie ist nicht unanständig, aber sie zielt am Kern vorbei. Denn das Alter ist ein grober Maßstab. Über den innerlich gekündigten Vierzigjährigen, der seit Jahren Dienst nach Vorschrift schiebt, fragt niemand, ob er den Kindern eine Last sei – und er kostet sie womöglich mehr. Entscheidend ist nicht die Zahl im Pass, sondern ob ein Mensch leisten kann, was diese Kinder brauchen. Gerade an einer Schule, an der viele Kinder kaum verlässliche Erwachsene und keine präsenten Großeltern haben, kann eine ruhige, unaufgeregte ältere Person sogar ein Gewinn sein.
Die richtige Frage lautet anders: Was bedeutet es, dass ein Achtzigjähriger die Antwort des Systems auf seine verletzlichsten Kinder ist? Reich konnte nur weiterarbeiten, weil er aus dem Beamtenverhältnis ausgestiegen und sich als Angestellter neu hat einstellen lassen. Eine erste gebogene Regel. Laut Bericht unterrichtet er selbst nicht mehr – und das wäre, wenn es stimmt, eine zweite, denn ein Grundschulleiter hat von Amts wegen eine Unterrichtsverpflichtung. Man hätte ihm das pädagogische Kerngeschäft also erlassen, nur um die Hülle der Leitung besetzt zu halten. Ein System, das gleich zwei seiner eigenen Grundregeln aussetzt, um einen Posten warmzuhalten, hat innerlich längst kapituliert.
Der Leiter steht in der ersten Reihe
Hier lohnt ein Blick auf eine Besonderheit, die im allgemeinen Bildungsgejammer oft untergeht. Ein deutscher Grundschulleiter ist kein ferner Manager nach angelsächsischem Muster. Er ist Spielertrainer: Die Unterrichtsverpflichtung bleibt bestehen, sie sinkt nur mit der Schulgröße, und an kleineren Häusern unterrichtet der Rektor den größeren Teil eines vollen Deputats – nicht selten mit eigener Klassenführung obendrauf. Der Leiter sitzt also nicht über dem Betrieb, er steckt mittendrin, mit Aufsicht, Vertretung und Verantwortung für Kinder, die ihn als Bezugsperson erleben.
Das macht zweierlei deutlich. Erstens, wie groß die Hingabe derer ist, die diesen Beruf bis zur Erschöpfung ausüben. Zweitens, wie heikel es ist, wenn die tragende Wand einer solchen Schule ein freiwilliger Achtzigjähriger ist, dem man die Regeln zurechtgebogen hat. Das ist kein Beweis für die Robustheit des Systems, sondern für seine Erschöpfung. Wenn rund jede neunte Schulleitungsstelle in Köln unbesetzt ist, dann ist Reich nicht die beruhigende Ausnahme, sondern das sichtbar gewordene Symptom.
Wen die Last wirklich trifft
Damit löst sich auch der erste Eindruck auf. Die Last, die diese Kinder tragen, ist nicht das Alter ihres Rektors. Die Last ist, dass ein Achtzigjähriger das Beste ist, was das System für sie aufzubieten hat. Die wohlhabenden Veedel bekommen voll besetzte Schulen, die Brennpunktschule am hohen Sozialindex bekommt die Ausnahmegenehmigung und die Gutmütigkeit eines Mannes, der eigentlich Rentner wäre. Reich verdient für seine Großzügigkeit Respekt, keinen Spott. Aber genau diese Großzügigkeit verdeckt, dass der Staat seine Verantwortung dorthin verschiebt, wo sie am wenigsten hingehört: auf das Pflichtgefühl eines Einzelnen.
Das Zelt über dem tropfenden Container ist das treffendste Bild für diese ganze Lage. Nichts wird repariert, alles wird notdürftig überspannt und geduldet, Hauptsache, es tropft nicht ganz so durch. Ein Bildungssystem, das seine schwächsten Kinder mit Provisorien versorgt und seine Lücken mit der Lebenszeit von Achtzigjährigen stopft, hält sich vielleicht noch am Laufen. Aber es trägt nicht mehr.
Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger: „Mit 80 noch im Schuldienst – Kölns ältester Grundschulrektor hört nicht auf“