Die Rückkehr der Wehrpflicht gilt in weiten Teilen des politischen Feuilletons inzwischen als ausgemachte Sache. Auch die Debatte über steigende Verteidigungsausgaben wird zunehmend im Modus der Alternativlosigkeit geführt. Was in beiden Diskursen auffällig selten vorkommt, ist eine einfache Frage: Wogegen genau soll das alles verteidigen? Wer sich die aktuellen Wortmeldungen ansieht, findet Verweise auf Russland, auf die Ukraine, auf ein „kriegslüsternes Staatsgebilde weit im Osten“ – aber kaum je eine konkrete, auf Deutschland bezogene Bedrohungsanalyse, aus der sich Umfang und Art der geforderten Maßnahmen ableiten ließen.
Eine Bedrohung, die nie konkret wird
Im Gespräch zwischen der FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und dem Linken-Politiker Jan van Aken in der ZEIT fällt auf, wie unterschiedlich die Ebenen sind, auf denen argumentiert wird. Die eine Seite verweist auf „hybride Bedrohungen“, die Manipulation von Unterwasserinfrastruktur, das Recht des Stärkeren in einer neu geordneten Welt. Die andere Seite hält dagegen, die eigentlichen Fähigkeitslücken – etwa bei der Flugabwehr, die laut van Aken kaum über den Schutz von Berlin und Hamburg hinausreicht – seien zu schließen, aber ein Ausbau zur „konventionell stärksten Armee Europas“ sei keine Verteidigung, sondern Machtprojektion.
Was in diesem Schlagabtausch fehlt, ist eine dritte, naheliegende Ebene: der tatsächliche Zustand der deutschen Infrastruktur und die Frage, was einen möglichen Aggressor überhaupt zu einem Angriff bewegen würde. Ein Land ohne relevante Bodenschätze, ohne technologische Spitzenposition und mit einer Brückeninfrastruktur, die vielerorts nicht einmal die Belastung durch schweres Militärgerät aushielte, müsste diese Fragen eigentlich zuerst stellen, bevor über Fregatten oder Prozentsätze des Bruttoinlandsprodukts gesprochen wird. Stattdessen wird die Bedrohungslage meist mit einem Verweis auf die Ukraine plausibilisiert – als sei die Situation identisch, ohne dass dieser Transfer begründet würde.
Die eigentliche Verwundbarkeit liegt woanders
Wenn man ernsthaft nach der realistischen Bedrohung für Deutschland fragt, drängt sich ein anderes Bild auf als das des Panzers an der Grenze. Die Abhängigkeit von Stromnetzen, GPS-gestützter Navigation und digitaler Kommunikationsinfrastruktur lässt sich mit vergleichsweise geringem Aufwand stören – ein Hackerangriff auf kritische Infrastruktur trifft eine hochvernetzte Gesellschaft empfindlicher als jede klassische Bodenoffensive. Im ZEIT-Gespräch taucht dieser Aspekt nur als Randnotiz auf, wenn von „Cyber- und hybriden Angriffen“ die Rede ist. Er wird nicht zum eigentlichen Zentrum der Bedrohungsanalyse gemacht, obwohl die teure, sichtbare Aufrüstung – Fregatten, Großgerät, die Ambition zur „stärksten Armee Europas“ – ein Bedrohungsbild adressiert, das eher dem Landkrieg der 1980er-Jahre entspricht als der Verwundbarkeit einer vernetzten Gesellschaft im Jahr 2026.
Wessen Erwartung wird eigentlich erfüllt?
Auffällig ist zudem, wie wenig hinterfragt wird, woher die viel zitierte Zielmarke von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung eigentlich stammt. Sie ist keine aus einer deutschen Sicherheitsanalyse abgeleitete Zahl, sondern im Kern eine NATO-interne Verhandlungsgröße, die sich nicht zuletzt an den Erwartungen der amerikanischen Regierung orientiert. Wenn eine Quote erfüllt werden muss, ohne dass zuvor geklärt wurde, welche Fähigkeiten dafür tatsächlich gebraucht werden, entsteht ein Ungleichgewicht: Der schwächere Partner in einem Bündnis kann nur noch vorauseilend erfüllen, was er vermutet, dass verlangt wird. Das ist keine Beständigkeit in der Partnerschaft, sondern eine strukturelle Unterlegenheit, die sich als Bündnistreue tarnt.
Hinzu kommt eine innenpolitische Dimension. Wer wie Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem Anspruch auftritt, die „konventionell stärkste Armee Europas“ aufzubauen, bewegt sich in einer Prägung, die erkennbar in der Block-Logik der 1980er-Jahre wurzelt – einer Zeit, in der militärische Stärke fast ausschließlich in konventionellen, sichtbaren Kategorien gedacht wurde. Diese Prägung unreflektiert auf eine völlig andere Bedrohungslage zu übertragen, erklärt zumindest teilweise, warum die Rhetorik so anachronistisch wirkt. Dass ein sichtbarer außenpolitischer Führungsanspruch zugleich innenpolitisch fehlende Erfolge kompensieren kann, liegt nahe, wird aber öffentlich kaum benannt.
Mehr als zwei Blöcke
Die gesamte Debatte wird zudem in einer Zwei-Block-Logik geführt, die die tatsächliche Machtverschiebung nicht mehr abbildet. Neben Russland als militärischer und den USA als bündnispolitischer Bezugsgröße spielt China längst eine eigenständige Rolle – nicht nur als globaler militärischer Akteur, sondern als wirtschaftlicher Mitentscheider innerhalb Europas selbst, etwa über Beteiligungen an Infrastruktur oder, wie zuletzt bei Ceconomy (MediaMarkt/Saturn), an deutschen Unternehmen. Diese ökonomische Durchdringung taucht im sicherheitspolitischen Diskurs kaum auf, obwohl sie die Frage aufwirft, wessen Bühne die aktuelle Aufrüstungsdebatte eigentlich ist – und wie weit die eigene Handlungsfähigkeit tatsächlich noch reicht.
Wenn die Analyse durch Haltung ersetzt wird
Wie sehr die fehlende Bedrohungsanalyse mittlerweile durch moralische Aufladung ersetzt wird, zeigt ein Leitartikel der Frankfurter Rundschau zur Wehrpflicht. Dort wird die Rückkehr der Wehrpflicht als „unausweichlich“ gesetzt, ohne dass diese Unausweichlichkeit an irgendeiner Stelle hergeleitet wird. Die einzige konkrete Bedrohungsreferenz bleibt diffus – ein „kriegslüsternes Staatsgebilde weit im Osten“, das nicht einmal beim Namen genannt wird, geschweige denn mit einem Szenario unterlegt ist, das erklärt, warum ausgerechnet eine allgemeine Wehrpflicht die angemessene Antwort wäre.
Bemerkenswert ist die rhetorische Konstruktion, mit der Widerspruch vorab kanalisiert wird. Wer Zweifel an der Unausweichlichkeit äußert, wird in eine von vier Kategorien einsortiert – „Krakeeler“ der AfD, „verängstigte Alt-Sozialdemokraten“, „nostalgische Stahlhelm-Konservative“ oder „putin-freundliche“ Autonome. Damit wird genau jene Debatte, die der Text formal einfordert, im selben Atemzug beschnitten: Erlaubt ist nur ein Widerspruch, der am Ergebnis nichts mehr ändert, weil das Ergebnis – die Wehrpflicht kommt – bereits feststeht. Das ist keine Bedrohungsanalyse, sondern eine Diskursarchitektur, die Zustimmung erzeugen soll, ohne sie inhaltlich zu erarbeiten.
Finanzierung ohne Debatte über Lasten
Ungeklärt bleibt in beiden Debatten zudem, wie die zusätzlichen Ausgaben gegenfinanziert werden sollen. Im ZEIT-Gespräch fordert Strack-Zimmermann Einsparungen bei einer als zu hoch empfundenen Staatsquote, lehnt eine Vermögensteuer aber ab – was in der Konsequenz bedeutet, dass die Finanzierungslücke eher unten geschlossen wird als oben. Van Aken weist zu Recht darauf hin, dass sich die soziale Frage von der Verteidigungsfrage nicht trennen lässt: Wenn der Sozialstaat zugunsten der Aufrüstung geschwächt wird, sinkt zugleich die Bereitschaft, für diesen Staat einzustehen – ein Zusammenhang, den die Bundeswehr mit ihren Nachwuchsproblemen bereits zu spüren bekommt, obwohl die Bezahlung dort vergleichsweise gut ist.
Was fehlt
Am Ende bleibt in beiden Texten dieselbe Leerstelle: eine nüchterne, auf Deutschland bezogene Analyse dessen, was tatsächlich bedroht ist, wodurch, und welche Mittel dagegen angemessen wären. Stattdessen wird mit Verweisen auf die Ukraine, auf NATO-Quoten, auf historische Schuld oder auf moralische Reife argumentiert – Argumente, die politisch wirksam sein mögen, eine Bedrohungsanalyse aber nicht ersetzen. Wer Aufrüstung und Wehrpflicht für notwendig hält, sollte diese Notwendigkeit an einer konkreten Gefährdungslage festmachen können. Solange das nicht geschieht, bleibt der Verdacht bestehen, dass hier weniger eine deutsche Sicherheitslogik verfolgt wird als externe Erwartungen, industrielle Interessen und politisches Statusbedürfnis.