Wahlumfragen: Das Thermometer, das die Temperatur ändert

Manchmal verrät eine Kolumne mehr über ihren Autor als über ihren Gegenstand. Ulrich Reitz hat für FOCUS online einen Text geschrieben, der so sauber gebaut ist, dass man fast vergisst nachzuprüfen, ob er auch stimmt. Die These: Kevin Kühnert beklage die Wahlumfragen, und wer die Messung der eigenen Unbeliebtheit beklage, betreibe eine „Täter-Opfer-Umkehr“. Umfragen seien schließlich ein „Demokratiebarometer“. Das klingt schlüssig. Es ist nur unvollständig.

Was Kühnert tatsächlich gesagt hat

Kühnert sprach gegenüber der FAZ von einer „Inflation der Sonntagsfrage“: Sie bestimme die Schlagzeilen und mache „alle wuschig“, während der Erkenntnisgewinn gering sei. Entscheidend ist jedoch der Satz, der in der Kolumne fehlt. Auf die Frage nach einem Umfrageverbot vor Wahlen antwortete er, das hielte er für falsch – „Nicht alles, was einen ärgert, muss man verbieten.“

Eine Täter-Opfer-Umkehr braucht einen Täter, der etwas fordert. Hier fordert niemand die Abschaffung des Barometers. Reitz widerlegt eine Position, die im Originalzitat schlicht nicht auftaucht.

Reitz hat einen Punkt – den kleineren

Fairerweise: Der Reflex ist real. Methodenskepsis erwacht in der Politik auffällig oft genau dann, wenn die Werte schlecht sind. Wer bei 80 Prozent Ablehnung plötzlich die Aussagekraft von Umfragen entdeckt, macht sich angreifbar. Über den Spielstand zu klagen statt über das eigene Spiel ist schwach. Geschenkt. Nur ist das eben nicht die Frage, die Kühnert aufgeworfen hat.

Das Thermometer, das die Temperatur verändert

Ein Thermometer meldet das Fieber, ohne es zu verursachen. Die Sonntagsfrage verhält sich nicht so. Sie misst eine Stimmung nicht nur, sie wirkt an ihr mit: über den Bandwagon-Effekt, über Framing und Agenda-Setting, über die schiere Schlagzeilenökonomie, die aus jedem Zwei-Punkte-Wackler eine Nachricht macht. Genau hier sitzt das, was sich Beeinflussung nennen lässt – keine Verschwörung, sondern eine Rückkopplung. Reitz‘ Metapher erledigt diese Frage geräuschlos: Wer die Erhebung „Barometer“ nennt, erklärt sie zum passiven Instrument und schiebt damit ausgerechnet das aus dem Blick, was Kühnert benannt hat – was die Flut der Messungen mit dem Gemessenen macht.

Der Lehrer-Vergleich, der sich selbst widerlegt

„Wer ist dafür, in der Schule Noten abzuschaffen? Das sind immer nur die schlechten Schüler“, schreibt Reitz. Charmant – aber der Vergleich zerfällt bei Berührung. Noten sind periodisch, beziehen sich auf ein definiertes Lernziel und verändern die Leistung des Schülers nicht dadurch, dass man sie verkündet. Die Sonntagsfrage ist nichts davon: täglich, an keinem Ziel orientiert, und nachweislich reaktiv auf ihre eigene Veröffentlichung. Ein Lehrer, der jeden Morgen die Klasse testet und bis zur Mittagspause das Ranking aushängt, betreibt keine Leistungsmessung mehr, sondern ein Format. Das Problem wären dann nicht die klagenden schlechten Schüler. Das Problem wäre, dass der Test angefangen hat zu unterrichten, statt zu messen.

Wer hier das Barometer verteidigt

Und dann ist da noch die Pointe, die der Text selbst liefert. Ausgerechnet FOCUS online erklärt die Sonntagsfrage für sakrosankt – ein Haus, dessen Reichweite davon lebt, jeden neuen Wert in drei Überschriften zu verwandeln. Die Verteidigung der „neutralen Messung“ kommt aus genau dem Teil des Systems, der ihre Nicht-Neutralität verwertet. Das macht die Messung nicht falsch. Es macht die Empörung selektiv.

Niemand muss Umfragen abschaffen, und Kühnert will das ausdrücklich nicht. Aber eine Kolumne, die die Messung gegen Kritik verteidigt, indem sie die eigene Rolle in der Messung nicht misst, ist am Ende selbst ein kleines Demokratiebarometer – nur eines, das wenig über die Wähler verrät und einiges über das Geschäft mit ihrer Stimmung.

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