Sechs Wochen Sommerferien, und mittendrin die Frage, die jedes Jahr aufs Neue gestellt wird: Wie viel Schule darf, muss, soll in dieser Zeit noch stattfinden? Der Kölner Schulpsychologische Dienst hat sich dazu kürzlich klar positioniert: Ferien seien in erster Linie freie Zeit, Lernen nur in Ausnahmefällen sinnvoll – etwa bei einer bevorstehenden Nachprüfung, und auch dann nur, wenn das Kind selbst motiviert sei. Diese Position klingt vernünftig. Sie übersieht aber ein strukturelles Problem, das mit Motivation wenig zu tun hat.
Die Nachprüfung als Strafe mit pädagogischem Mäntelchen
Wer im Schuljahr das Klassenziel verfehlt hat, verliert einen Teil der Ferien – nicht, weil er es so wollte, sondern weil er in einer Prüfungssituation eine Note nicht erreicht hat, die für die Versetzung nötig gewesen wäre. In Nordrhein-Westfalen liegt die Nachprüfung in der letzten Woche vor Schuljahresbeginn, geregelt in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sekundarstufe I. Der Vorbereitungszeitraum davor – häufig die gesamten Ferien – ist damit faktisch verplant, nicht durch eigenen Wunsch, sondern durch ein vorangegangenes Nichterreichen.
Der Erfolg dieser Anstrengung ist zudem alles andere als sicher: Nach verbreiteten Erfahrungswerten besteht nur etwa ein Drittel der Prüflinge die Nachprüfung. Zwei Drittel investieren also Ferienzeit in eine Vorbereitung, die am Ende nichts ändert – das Sitzenbleiben tritt trotzdem ein. Wer diese Konstruktion nüchtern betrachtet, erkennt darin weniger eine „zweite Chance“ als eine Bestrafung: Freizeitverlust als Folge von etwas, das man nicht erreicht hat, nicht als selbstgewählte Förderung.
Wiederholung ist kein Verständnis
Problematisch wird es zusätzlich, wenn die Nachprüfungsvorbereitung – wie die schulische Praxis es in vielen Fällen vorsieht – aus reiner Wiederholung des ohnehin nicht verstandenen Stoffs besteht. Ein Kind, das an einer bestimmten Aufgabenart wiederholt scheitert, weil ihm ein grundlegendes Prinzip nicht klar ist, wird durch weitere Aufgaben desselben Typs nicht klüger. Es übt lediglich sein Unverständnis in größerer Stückzahl. Wer als Reaktion auf „Ich verstehe das nicht“ mit „Dann rechne heute Nachmittag noch mehr davon“ antwortet, verwechselt Übung mit Erklärung – und verstärkt im schlechtesten Fall das Gefühl der eigenen Unfähigkeit, statt es aufzulösen.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen den Kölner Ferienförderkursen, die für Nachprüfungskandidaten der Klassen 7 bis 10 angeboten werden, und bloßem Nacharbeiten zu Hause: In den städtischen Kursen wird der Stoff in Kleingruppen nicht nur wiederholt, sondern zusätzlich erklärt. Das ist ein wichtiger, wenn auch spät ansetzender Unterschied. Er bleibt trotzdem Reparatur an einem Defizit, das bereits entstanden ist.
Prävention statt Reparatur
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wie man in den Ferien möglichst schonend nachholt, was im Schuljahr nicht ankam. Sie lautet, warum es überhaupt so weit kommen musste. Wenn eine Erklärung während des Unterrichts nicht verstanden wird, entscheidet in der Regel nicht der fehlende Wille des Kindes darüber, ob sich daraus eine Lücke oder ein zeitnah geschlossenes Verständnisproblem entwickelt, sondern ob im laufenden Schuljahr Raum und Gelegenheit bestehen, nachzufragen, es anders erklärt zu bekommen, es aus einem zweiten Blickwinkel zu betrachten. Fehlt dieser Raum, wächst die Lücke bis zum Zeugnis – und die Konsequenz landet, zeitlich verschoben, in der Freizeit des Kindes.
Kontinuität ohne Strafcharakter sieht anders aus: ein kurzes, festes Ritual über das ganze Schuljahr und auch in den Ferien hinweg – wenige Minuten Kopfrechnen, ein paar Seiten Lektüre –, das nicht als Reaktion auf ein Versäumnis eingeführt wird, sondern als Gewohnheit, die Gelerntes einfach hält, ohne nennenswert Freizeit zu beanspruchen. Der Unterschied zur Nachprüfungsvorbereitung ist nicht die Dauer, sondern der Anlass: Erhalt statt Ausgleich, Übung statt Bestrafung.