Kölns Olympia-Luftschlösser: Was Kreuzfeld wirklich kostet

Ein Dopingkontrollzentrum wird zur Kita, die Mensa für Spitzenathleten zur Schule, an den Stadionwänden wächst Gemüse. Die neuen Visualisierungen für den Kölner Stadtteil Kreuzfeld, die im offiziellen Bewerbungs-Booklet von KölnRheinRuhr veröffentlicht wurden, lesen sich wie ein Wettbewerbsbeitrag für nachhaltige Stadtplanung. Auf 30 der 163 Seiten des Booklets entwerfen die Planer ein Quartier für bis zu 10.000 Menschen, das aus einem temporären Olympiastadion und einem Athletendorf hervorgehen soll – mit Regenwassernutzung, Geothermie und Sprühregensystemen gegen die Sommerhitze. Der Slogan dazu: „Olympia wird Stadt – Gekommen um zu bleiben.“

Das Problem an der Vision ist nicht ihre Qualität. Das Problem ist, dass sie an ein Ereignis gekoppelt ist, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit für Köln überschaubar ist – und dessen Vorlaufkosten schon jetzt in zweistelliger Millionenhöhe anfallen, unabhängig davon, ob am Ende überhaupt etwas gebaut wird.

Was die Bewerbung bislang kostet

Vier deutsche Standorte – Berlin, Hamburg, München und der Verbund KölnRheinRuhr – bewerben sich derzeit um die nationale Kandidatur, über die der Deutsche Olympische Sportbund im Herbst 2026 entscheidet. Für diese Vorphase, also Konzepterstellung und Bürgerbeteiligung, geben die vier Bewerber zusammen rund 50 Millionen Euro aus, wie eine Recherche des WDR zeigt. Auf KölnRheinRuhr entfallen davon rund 17 Millionen Euro, größtenteils vom Land NRW getragen. Allein das Bürgerreferendum, bei dem sich die Menschen in den 17 beteiligten Kommunen im April mehrheitlich für die Bewerbung aussprachen, kostete rund 11,3 Millionen Euro, dazu kamen weitere 2,5 Millionen Euro Landesmittel für die Werbekampagne – eine Kampagne, die mit Slogans wie „Dein JA schreibt olympische und paralympische Geschichte“ auf den Plakaten kaum als ausgewogene Informationsarbeit durchgeht.

Drei der vier Bewerber werden im Herbst leer ausgehen. Das eingesetzte Geld ist dann nicht Anschubfinanzierung, sondern schlicht verausgabt.

Kreuzfeld: ein 30 Jahre altes Versäumnis mit neuem Etikett

Besonders aufschlussreich ist der Fall Kreuzfeld selbst. Der Stadtteil ist keine Erfindung der Olympiabewerbung – er ist bereits vor 30 Jahren als 87. Kölner Veedel beschlossen worden. Seither hängt seine Entwicklung an zwei ungelösten Fragen: der Anbindung an die A 57 über den Blumenbergsweg und der S-Bahn-Station Blumenberg. Drei Jahrzehnte lang war das offenbar kein Projekt, das Bund und Land priorisieren wollten. Oberbürgermeister Torsten Burmester selbst hat im März offen benannt, worum es eigentlich geht: „Mit Olympischen und Paralympischen Spielen schaffen wir diese Anbindung, wir schaffen es schneller, solche Projekte zu entwickeln.“

Das ist bemerkenswert offen formuliert. Die Verkehrsanbindung eines seit Jahrzehnten beschlossenen Stadtteils wird nicht als das behandelt, was sie ist – eine reguläre Aufgabe kommunaler und staatlicher Infrastrukturpolitik –, sondern als etwas, das offenbar nur unter dem Druck eines globalen Sportereignisses und seiner engen Fristen überhaupt bewegt werden kann. Der Berliner Olympiabeauftragte Kaweh Niroomand formuliert es für seinen Standort ganz ähnlich: Ohne die Spiele kämen Investitionen in Milliardenhöhe „in dieser Form nicht zur Verfügung“. Das ist im Grunde ein Eingeständnis struktureller Handlungsunfähigkeit, verpackt als Standortvorteil.

Individualisierung eines kollektiven Versäumnisses

Genau hier zeigt sich ein vertrautes Muster: Ein strukturelles, seit Jahrzehnten bekanntes Versäumnis – die fehlende Anbindung eines beschlossenen Stadtteils, der bundesweite Sanierungsstau bei Sportstätten – wird nicht als das benannt und bearbeitet, was es ist, sondern an ein singuläres, unsicheres Großereignis delegiert. Erst wenn eine Bewerbung, ein Zuschlag, eine Frist existiert, wird gehandelt. Ohne dieses Vehikel bleibt das Problem liegen, wie es 30 Jahre lang liegengeblieben ist.

Der Kölner Bezirksbürgermeister Roland Schüler, der sich im Bündnis „NOlympia Colonia“ engagiert, verweist auf die andere Seite dieser Rechnung: Der Sanierungsbedarf bei Sportstätten liegt in NRW bei etwa 3,5 Milliarden Euro, bundesweit bei rund 15,6 Milliarden Euro. Am Gymnasium Kreuzgasse in der Kölner Nordstadt fehlt Vereinen wegen eines Schulneubaus bereits jetzt der Sportplatz – teils teilen sich acht Mannschaften ein einziges Fußballfeld. Diese Probleme bestehen unabhängig von Olympia. Sie werden durch eine Bewerbung weder gelöst noch adressiert, es sei denn, der Zuschlag kommt tatsächlich nach Köln – was für drei von vier Bewerbern definitionsgemäß nicht eintreten wird.

Und wenn der Zuschlag ausbleibt?

Was in den Bewerbungsunterlagen nirgends ernsthaft adressiert wird: Drei der vier deutschen Standorte gehen im Herbst 2026 leer aus, rein rechnerisch ist das für KölnRheinRuhr das wahrscheinlichere Szenario. In diesem Fall sind die rund 17 Millionen Euro ohne jeden Gegenwert ausgegeben – kein Umbau des Dopingkontrollzentrums, keine A-57-Anbindung, keine Kita. Kreuzfeld fiele zurück in den Zustand, den es seit drei Jahrzehnten kennt: beschlossen, aber unangebunden. Der künstliche Zeitdruck, den ein IOC-Verfahren erzeugt und den Oberbürgermeister Burmester selbst als Argument für die Bewerbung anführt, entfiele ersatzlos. Es gibt keinen erkennbaren Grund, warum Bund und Land ausgerechnet dann beginnen sollten, ein Projekt zu priorisieren, das sie 30 Jahre lang nicht priorisiert haben. Die Vertical-Farming-Visionen, die 300.000 Quadratmeter Nachnutzungsfläche, die Sprühregensysteme – all das verschwindet zurück in den Aktenordner, für den dann niemand mehr zuständig ist. Übrig bliebe, was strukturell ohnehin schon vorher bestand: ein unangebundener Stadtteil und ein milliardenschwerer Sanierungsstau im Breitensport, den die Bewerbung nie gelöst, sondern nur an eine ungewisse Zukunft delegiert hatte.

Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet

Warum eine Verkehrsanbindung, ein Schulneubau oder die Sanierung von Sportstätten einen olympischen Zuschlag benötigen, um politisch durchsetzbar zu werden, wird in keinem der Bewerbungsdokumente diskutiert. Stattdessen wird die Vertagung struktureller Aufgaben in ein Zukunftsversprechen verwandelt: erst Vertical Farming an Stadionwänden, dann vielleicht auch die A-57-Anbindung. Das Risiko dieser Konstruktion trägt am Ende nicht die Idee, sondern der Haushalt – ob nun als versenkte Bewerbungskosten bei einer Absage oder als milliardenschwere Nachnutzungsverpflichtung im Erfolgsfall, wie sie die Pläne für Kreuzfeld bereits andeuten: 300.000 Quadratmeter zusätzliche Bruttogrundfläche, finanziert über einen Prozess, dessen politische und finanzielle Absicherung bislang vor allem aus Visualisierungen besteht.

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