Fünf Prozent. So viele Wahlberechtigte trauen der SPD derzeit noch zu, die gegenwärtigen Probleme zu lösen. In Sachsen-Anhalt droht ihr sogar der Fall unter die Fünf-Prozent-Hürde – der erste Rauswurf aus einem Landtag seit Gründung der Bundesrepublik. Gabor Steingart hat diese Zahlen kürzlich mit den Forsa-Daten von Manfred Güllner unterlegt und kommt zu einem Befund, der mehr verschleiert als erklärt: Die SPD-Funktionäre hätten „die Wirklichkeit ihrer Mitglieder hinter sich gelassen“. Die Lösung, mit der er seinen Text beschließt, klingt bescheiden und ist es nicht: Reden sei ein Bedürfnis, Zuhören eine Kunst.
Das ist eine hübsche Pointe. Sie ist aber auch ein Lehrstück dafür, wie sich strukturelle Krisen in individuelles Fehlverhalten übersetzen lassen, ohne dass die Struktur selbst zur Sprache kommt.
Der Fall Sartor als Beleg – wofür eigentlich?
Steingart stützt seine Diagnose maßgeblich auf den früheren Vorsitzenden der Essener Tafel, Jörg Sartor. Der hatte 2018 einen vorübergehenden Aufnahmestopp für ausländische Neukunden verhängt, weil die angestammte Klientel – ältere, mittellose Frauen – sich zurückzog. Es folgte ein mediales Echo, das er als Rufmord empfunden hat, und eine SPD-Führung, die sich, ohne mit ihm zu sprechen, gegen ihn positionierte. Sartor wählt die Partei seither nicht mehr.
Das ist eine nachvollziehbare persönliche Erzählung. Als Beleg für eine bundesweite Umfrageerosion taugt sie aber nur, wenn man sie zur exemplarischen Miniatur einer ganzen Partei erklärt – und genau das tut Steingart. Drei Politikerinnen hätten „draufgehauen“, statt zuzuhören. Damit wird aus einer strukturellen Entkopplung der SPD von einem sozial verunsicherten Milieu ein Kommunikationsfehler einzelner Amtsträgerinnen. Wenn Barley, Chebli und Kutschaty nur besser zugehört hätten – so die implizite Logik –, wäre der Vertrauensverlust vermeidbar gewesen.
Was die Ambivalenz-Liste eigentlich zeigt
Steingart selbst liefert unfreiwillig das bessere Material für eine andere Lesart. Seine Liste der Ambivalenzen, mit denen die SPD angeblich nicht umzugehen weiß – Migration ja, aber kein Kalifat; Klimaschutz ja, aber nicht auf Kosten des Arbeitsplatzes; Sozialstaat ja, aber kein Selbstbedienungsladen – benennt keine rhetorischen Pannen, sondern ungelöste Verteilungskonflikte. Wer trägt die Kosten der Transformation? Wer bekommt Zugang zu einem chronisch unterfinanzierten Sozialsystem, und nach welchen Kriterien? Wessen Sicherheitsbedürfnis zählt, wenn ein Sozialstaat gleichzeitig offen und belastbar bleiben soll?
Auf diese Fragen gibt es keine Antwort, die sich in einem Zuhör-Training erschöpft. Es sind Verteilungsfragen, die eine Partei nur durch Programmatik beantworten kann – durch die Bereitschaft, Prioritäten zu setzen und Zielkonflikte offen zu benennen, statt sie moralisch zu übertünchen. Genau das hat die SPD, wenn man Sartors Erzählung folgt, über Jahre vermieden: Nicht Zuwanderung wurde diskutiert, sondern wer über sie sprechen durfte, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden.
Die Zahlen dahinter
Der Vergleich mit den historischen Höchstständen macht das Ausmaß sichtbar: minus 33,8 Prozentpunkte im Bund, minus 33 in Nordrhein-Westfalen, minus 32,1 in Baden-Württemberg gegenüber den besten je erzielten Ergebnissen. Das sind keine Ausschläge, die sich mit besserem Ton in Talkshows korrigieren lassen. Das ist der graduelle Abbau einer über Jahrzehnte gewachsenen Bindung zwischen einer Partei und den Milieus, die einmal ihre Basis waren – Facharbeiter, kleine Angestellte, Menschen mit Aufstiegsversprechen, das nicht mehr eingelöst wird.
Aufwachen heißt nicht: besser reden
Wenn die SPD nach den drei Landtagswahlen des Jahres tatsächlich einen Neuanfang versucht, wird sich zeigen, ob sie diesen Unterschied erkennt. Zuhören ist eine sympathische Geste. Sie ersetzt aber keine inhaltliche Neuverortung in der Verteilungsfrage, die sich hinter jeder der von Steingart aufgelisteten Ambivalenzen verbirgt. Eine Partei, die ihre Krise als mangelndes Kommunikationsgeschick einzelner Funktionäre deutet, hat die eigentliche Diagnose noch vor sich. Ob sie aufwacht, wird sich nicht daran zeigen, wie gut sie zuhört, sondern daran, ob sie bereit ist, unbequeme Verteilungsentscheidungen zu treffen und sie auch so zu benennen.