Niemand ist gemeint – eine Pömmerling-Geschichte

Die Erklärung erreichte Pömmerling am Mittwochmorgen, ordnungsgemäß per Botengang aus dem Rathaus, in dreifacher Ausfertigung, wie es sich für ein Dokument von angeblich historischer Tragweite gehörte. Absender: die acht Beigeordneten der Gemeinde Schilda. Betreff: „Gemeinsame Erklärung zur Lage der Ortsverwaltung.“

Pömmerling las sie zweimal. Beim ersten Mal, weil er es gewohnt war, Dokumente zweimal zu lesen. Beim zweiten Mal, weil ihm etwas fehlte, und er zunächst dachte, es läge an ihm.

Es lag nicht an ihm.

In der Erklärung war die Rede von „Stabilität, die Schilda jetzt mehr denn je braucht“. Von „Vertrauen, das über Zuhören und Handeln entsteht, nicht über Personaldebatten“. Von der Bereitschaft, „gemeinsam mit der Ortsvorstehung“ die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Ein Satz folgte dem nächsten, wohlgeformt, in sich schlüssig, mehrfach von acht Unterschriften bekräftigt.

Nur: Ortsvorsteher Grambow kam darin nicht vor. Nicht namentlich. An keiner Stelle.

Pömmerling rief seine Sachbearbeiterin Fräulein Dorn herbei und legte ihr das Papier vor.

„Wo ist er?“, fragte er.

„Wer?“

„Grambow. Der Ortsvorsteher. Der, dem hier angeblich der Rücken gestärkt wird.“

Fräulein Dorn überflog die Zeilen. „Steht doch da. ,Die Ortsvorstehung‘.“

„Das ist keine Person. Das ist ein Amt. Ämter können beliebig besetzt sein, heute von Grambow, morgen von jemand anderem, übermorgen vielleicht von niemandem, wenn der Kämmerer mit seinem Sparvorschlag durchkommt. Wenn acht Beigeordnete öffentlich verkünden, sie stünden hinter der Ortsvorstehung, dann haben sie exakt nichts gesagt, was nicht auch für den nächsten Ortsvorsteher gelten würde, und den übernächsten.“

„Vielleicht war genau das gewollt.“

Pömmerling sah sie an, als habe sie soeben eine Amtspflichtverletzung gestanden. Dann nickte er langsam, wie er es tat, wenn ihm ein Gedanke zu gut gefiel, um ihn sofort wieder loszulassen.

Er eröffnete ein Prüfverfahren.

Aktenzeichen 47/26, Betreff: „Feststellung der Bezugsperson in der Gemeinsamen Erklärung der Beigeordneten vom 16. September“. Er verschickte acht identische Anschreiben, eines an jeden Unterzeichner, mit der höflichen Bitte um schriftliche Bestätigung, ob mit dem Begriff „Ortsvorstehung“ der amtierende Ortsvorsteher Grambow persönlich gemeint sei, das Amt als solches unabhängig von der Person, oder eine noch zu bestimmende dritte Kategorie, für die das Formularwesen der Gemeinde bislang keine Vorlage bereithalte.

Die Antworten trafen gestaffelt ein und widersprachen einander in einer Weise, die Pömmerling fast rührte.

Beigeordneter Kranz aus dem Nordbezirk schrieb, selbstverständlich sei Grambow gemeint, man stehe schließlich zu ihm, sonst hätte man ja gar nichts unterschrieben. Beigeordnete Föhr aus dem Ostbezirk erklärte das Gegenteil: Man habe sich bewusst auf das Amt bezogen, um nicht in den Verdacht zu geraten, sich auf eine Person festzulegen, deren Zukunft ohnehin ungewiss sei. Beigeordneter Timpe antwortete gar nicht, ließ aber über seinen persönlichen Referenten ausrichten, die Frage sei „für den Moment nicht zielführend“ – eine Formulierung, die Pömmerling in seine Sammlung besonders instruktiver Verwaltungssprache aufnahm.

Drei weitere Beigeordnete baten um Fristverlängerung. Zwei verwiesen aufeinander. Der achte, der greise Beigeordnete Suhr, schickte ein handschriftliches Billett zurück, auf dem lediglich stand: „Wieso fragen Sie mich das? Fragen Sie doch Grambow.“

Das tat Pömmerling. Grambow ließ über sein Büro mitteilen, er sehe „keinen Anlass, sich in eine Auslegungsfrage einzumischen, die die Beigeordneten unter sich zu klären hätten“ – womit er, streng genommen, als neunte Partei bestätigte, dass auch er nicht wisse, ob er gemeint sei.

Pömmerling fasste die acht widersprüchlichen und eine ausweichende Stellungnahme in einem Abschlussvermerk zusammen, den er dem Verwaltungsausschuss zur Kenntnisnahme vorlegte. Der Ausschuss tagte eine Stunde. Man einigte sich darauf, den Vermerk „zur weiteren Prüfung“ an eine noch zu bildende Arbeitsgruppe zu überweisen, deren Zusammensetzung wiederum auf der nächsten Sitzung festgelegt werden sollte.

Fräulein Dorn fragte hinterher, ob das nicht alles ein bisschen viel Aufwand gewesen sei für eine Erklärung, die ohnehin niemanden binde.

„Im Gegenteil“, sagte Pömmerling und heftete Aktenzeichen 47/26 sorgfältig ab. „Jetzt ist amtlich festgestellt, dass niemand weiß, wer gemeint war. Das ist mehr, als die Erklärung selbst geleistet hat.“

Er schloss die Akte und wandte sich dem nächsten Vorgang zu.

Schreibe einen Kommentar