Zuständig sind immer die anderen: Das Himmler-Interview als Lehrstück

Es gibt Interviews, die nichts Neues enthalten und gerade deshalb aufschlussreich sind. Das Gespräch, das ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit ZDF-Intendant Norbert Himmler geführt hat, gehört dazu. Es zeigt, wie sich Reformwillen behaupten lässt, ohne dass irgendjemand für Reformen zuständig wäre.

Jede Frage hat eine Adresse, nie die eigene

Im Interview in der ZEIT Nr. 47/2026 lässt sich die Zuweisung von Verantwortung beinahe tabellarisch nachvollziehen. Die Empfehlungen des Zukunftsrats finden sich nach Himmlers Darstellung nur begrenzt in der Rundfunkgesetzgebung wieder, also liegt der Ball bei der Politik. Die Zahl der Landesrundfunkanstalten, die Existenz von ARD und ZDF nebeneinander und das Fehlen einer Holdingstruktur sind Vorgaben der Politik. Ob ein Holdingmodell sinnvoll wäre, soll die ARD beantworten: „Das müssen Sie die ARD-Intendantinnen und -Intendanten fragen.“ Die Privatisierungsüberlegungen des Medienstaatsministers fallen nicht in dessen Zuständigkeit, sondern in die der Länder. Die sinkende Glaubwürdigkeit ist ein allgemeines Phänomen der Medienskepsis. Die Kritik aus der Politik wiederum speist sich aus gewachsener Dünnhäutigkeit.

Der Verweis auf den Rechtsrahmen ist nicht falsch. Der Auftrag ist gesetzlich definiert, die Struktur ebenfalls. Nur sind die Anstalten keine Zuschauer dieses Rahmens. Sie melden ihren Finanzbedarf selbst an, sie äußern sich in jedem Reformverfahren, und sie haben Gestaltungsspielraum innerhalb ihrer Programme und Organisationen. Wer auf die Frage nach der Holding mit einem Verweis auf die Kollegen antwortet, hat eine Position, die er nicht nennen möchte. Di Lorenzos Nachfrage, ob das ein Ja sei, bleibt entsprechend unbeantwortet.

Das Ergebnis ist ein Zuständigkeitsvakuum: Alle Beteiligten sind für Reformen, keiner ist für die Entscheidung zuständig, und die Institution erscheint im eigenen Narrativ als Adressat von Erwartungen, nicht als Akteur. Selbst die Frage nach dem „hausgemachten Teil“ der Vertrauenskrise führt zu drei Programmpunkten (nicht erziehen, Dialog, Medienkompetenz), aber zu keiner einzigen benannten Fehlentscheidung.

Der Strohmann der Angebotsbreite

Am deutlichsten wird die Ausweichbewegung bei der Frage, ob es drei lineare Kanäle braucht. Himmler entwirft als Gegenbild ein geschrumpftes System, in dem es „quasi nur noch einen Sender“ gäbe, der dann politisch beeinflussbar wäre. Gegen dieses Szenario lässt sich mühelos argumentieren. Es ist nur nicht das Szenario, über das gestritten wird.

Die Debatte dreht sich nicht um die Alternative zwischen einem Sender und dem Status quo, sondern um alles dazwischen: um die Frage, welche Angebote bei ZDF und ARD, bei Mediathek, Spartenkanälen und neun Landesanstalten einen erkennbaren Auftrag erfüllen, den andere Angebote nicht schon erfüllen. Wer das Maximum verteidigt, indem er das Minimum an die Wand malt, muss über die Mitte nicht sprechen. Dass die föderale Struktur „ineffizienter“ ist, räumt Himmler ausdrücklich ein, und er hält sie trotzdem für richtig. Das ist ein legitimes Argument, aber es wäre erst dann eines, wenn es auch einen Preis nennen würde, den man dafür zu zahlen bereit ist.

Kennzahlen ohne Bezugsgröße

Auffällig ist auch der Umgang mit Zahlen. Ein Personalkostenanteil von 15 Prozent soll Sparsamkeit belegen, ohne dass erkennbar wäre, woran er gemessen wird. Eine monatliche Reichweite von über 80 Prozent der Bevölkerung sagt nichts über Nutzungsdauer und Altersstruktur. Auf den Hinweis, dass nur noch 41 Prozent der Menschen im Osten die Öffentlich-Rechtlichen für glaubhaft halten, folgt keine Analyse regionaler Defizite, sondern der Verweis auf eine überall verbreitete Medienskepsis. Eine Zahl, die unbequem ist, wird zum Allgemeinphänomen erklärt, die bequemen bleiben spezifisch.

Was zur Disposition stehen müsste

Eine Kritik, die bei der Diagnose stehen bleibt, wiederholt ihrerseits das Muster, das sie beschreibt. Deshalb lässt sich die Frage umdrehen: Welche Kriterien müsste ein Rundfunksystem erfüllen, das seine Struktur selbst zur Disposition stellt?

Funktionsnachweis statt Bestandsschutz. Jeder lineare Kanal, jede Spartenwelle und jedes Format müsste begründen, welchen Teil des Auftrags es erfüllt, den ein anderes Angebot des Systems nicht ebenfalls erfüllt. Die Beweislast läge beim Angebot, nicht bei dessen Kritikern.

Gemeinsame Infrastruktur dort, wo kein Programmprofil entsteht. Verwaltung, Technik, Produktion und Rechteeinkauf gehören zu den Bereichen, in denen das Nebeneinander von ARD und ZDF keinen publizistischen Mehrwert erzeugt. Der Vielfalt im Programm muss die Doppelung im Maschinenraum nicht entsprechen.

Der Auftrag als Maßstab für Unterhaltung und Sport. Himmler selbst beschreibt die Rückkehr von „Wetten, dass..?“ als Antwort auf eine Sehnsucht nach dem alten Lagerfeuer. Das ist eine ehrliche Beschreibung, aber noch keine Begründung aus dem Auftrag. Ob Sehnsucht ein Programmkriterium ist, wäre die Frage, die ein beitragsfinanziertes Vollsortiment beantworten müsste.

Messbare Ziele, öffentlich vorgelegt. Kosten pro Nutzungsminute, Reichweite bei Jüngeren, Vertrauenswerte im Osten: Wer Wirkung beansprucht, kann sich an Zielgrößen messen lassen, die er selbst vorlegt und über die Jahre fortschreibt. Das wäre das Gegenstück zur Zahl, die einmal im Interview fällt und dort ihre Schuldigkeit tut.

Wer die Streichliste schreibt

Himmler benennt selbst, was auf dem Spiel steht. Populisten an der Macht könnten in kurzer Zeit viel zerstören, und der Wiederaufbau dauere Jahre. Polen und Ungarn dienen ihm als Beispiele für den Sand im Getriebe. Die Analyse ist plausibel, und aus ihr folgt etwas, das im Interview nicht vorkommt: Ein System, das keine eigene Antwort auf die Frage gibt, was es nicht mehr tun würde, überlässt die Streichliste denen, die sie am Ende ohnehin schreiben. Ob das Parlamentarier mit Reformabsicht sind oder Parteien mit Kündigungsabsicht, entscheidet dann nicht mehr die Anstalt.

Die Verteidigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird nicht dadurch glaubwürdiger, dass sie jede Strukturfrage als Angriff auf das Ganze behandelt. Glaubwürdiger wird sie, wenn sie benennen kann, worauf sie verzichten würde, um zu bleiben.

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