Inklusion: Wie die Förderdiagnose das System blockiert

Ties Rabe, früher Hamburger Schulsenator, erklärt in einer Kolumne beim Deutschen Schulportal, warum die Inklusion in Deutschland kaum vorankommt. Die Eckdaten sind eindeutig: Der Anteil der Schülerinnen und Schüler an Sonderschulen ist seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention nur um 0,8 Prozentpunkte auf 4,2 Prozent gesunken, über 340.000 Kinder und Jugendliche besuchen weiterhin keine allgemeine Schule. Weniger eindeutig ist, was daraus folgt. Den aufschlussreichsten Satz der Kolumne bildet ein beiläufiges „Man weiß es nicht“. Er fällt, als es darum geht, warum mit der Inklusion die Zahl der Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen stärker steigt, als sie an Sonderschulen sinkt. Bei diesem Satz lohnt es sich zu bleiben.

Ein System, das seine Kennzahlen selbst herstellt

Sonderpädagogischer Förderbedarf ist keine Messgröße wie die Körpergröße. Es gibt, so räumt Rabe ein, keinen wissenschaftlichen Konsens über die Diagnostik, jedes Bundesland legt politisch fest, was als Förderbedarf gilt. Das Ergebnis sind Förderquoten, die sich um fast das Doppelte unterscheiden: 9,1 Prozent in Bremen und Sachsen-Anhalt, 4,8 Prozent in Hessen.

Bemerkenswerter ist ein Detail, das in der Kolumne an anderer Stelle steht und nicht mit diesem Befund verknüpft wird. Bremen und Sachsen-Anhalt haben dieselbe Förderquote, aber völlig unterschiedliche Sonderschulanteile: 0,68 Prozent hier, 6,5 Prozent dort. Die Diagnose sagt also nichts darüber, wo ein Kind beschult wird. Sie ist weder ein Maß für den tatsächlichen Bedarf noch für die Segregation, sondern ein administrativer Vorgang, der je nach Land etwas anderes auslöst. Die beiden meistzitierten Kennzahlen der Inklusionsdebatte, Förderquote und Exklusionsquote, messen verschiedene Dinge und werden dennoch routiniert in einem Atemzug genannt.

Das Etikett als Zuteilungsschlüssel

Wo Ressourcen am einzelnen Kind hängen, wird die Diagnose zur Währung. Eine Schule, die ein Kind mit Unterstützungsbedarf hat, bekommt zusätzliche Stunden nur, wenn dieser Bedarf amtlich festgestellt ist. Eltern wiederum erwerben mit dem Etikett eine Rechtsposition. Beide Seiten handeln rational, niemand muss dafür tricksen. Das System belohnt die Feststellung, und es bekommt Feststellungen.

Rabe nennt zwei Erklärungen für den Anstieg: Entweder wurden Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen schon immer unterrichtet und erst im Zuge der Inklusion „entdeckt“, oder Diagnosen werden gelegentlich so gestellt, dass zusätzliche Ressourcen fließen. Die beiden Hypothesen schließen sich nicht aus, und mit den vorhandenen Daten lassen sie sich nicht trennen, weil beide dieselbe Kurve erzeugen. Genau das ist das Problem: Ein Steuerungssystem, dessen Messwerte zugleich Anspruchsgrundlagen sind, kann seine eigenen Messwerte nicht mehr als neutrale Information lesen. Einzelne Länder haben Teile der Zuweisung pauschalisiert, um diesen Zusammenhang zu lockern. Das schwächt den Anreiz, bringt aber eigene Verteilungsfragen mit sich.

Erfolg wird teurer

Die zweite Mechanik betrifft die Kosten. Inklusion wird nach Rabes Darstellung additiv finanziert: Die allgemeine Schule erhält die reguläre Personalzuweisung und zusätzlich Förderstunden für das einzelne Kind. In Hamburg liegt die Summe über dem, was ein Sonderschulplatz kostet. Die Sonderschule bleibt dabei als Parallelstruktur bestehen, solange sie nicht abgebaut wird, die Reform ersetzt also nicht, sie verdoppelt über längere Zeit.

Steigt nun mit der Inklusion auch die Zahl der festgestellten Förderbedarfe, multipliziert sich der Effekt. Das gewünschte Ergebnis der Reform, mehr Kinder in Regelschulen, löst damit ihr Finanzierungsproblem aus. Rabe beschreibt den Rest nüchtern: Es gibt politischen Ärger mit Schulen, Eltern, Verbänden, Medien und, gratis dazu, mit Finanzministern und Ministerpräsidenten. Eine Reform, deren Erfolgsindikator zugleich der Kostentreiber ist, hat strukturell keine Freunde im Haushalt.

Aus der Diagnose folgt etwas anderes

Rabes Schlussfolgerung lautet, es brauche eine ernsthafte Debatte über das richtige Maß der Doppelbesetzung im Unterricht. Begründet wird das mit der Behauptung, in keinem Land der Welt gebe es eine durchgängige Doppelbesetzung. Einen Beleg liefert die Kolumne dafür nicht, und selbst wenn die Aussage stimmt, widerlegt sie niemanden, der sie in dieser Form gar nicht fordert.

Wichtiger ist die Logik dahinter. Wenn Ressourcen an Etiketten gekoppelt sind und die Etiketten schneller wachsen als das Budget, ist eine Debatte über „Maß und Mitte“ bei der Doppelbesetzung faktisch eine Debatte über die Ressource pro Etikett. Das ist eine legitime Frage, aber eine finanzpolitische, die hier im Gewand der pädagogischen Vernunft auftritt. Hinzu kommt ein Widerspruch im Text selbst: Rabe räumt ein, dass es an Konzepten für die Doppelbesetzung, an Fortbildungen, Materialien, multiprofessionellen Teams und rechtlicher Klarheit fehlt, und er zitiert Unterrichtsexperten, die die übliche Praxis als wenig wirksam beschreiben. Das beschreibt ein Qualitätsproblem, keinen Überschuss. Wo Konzepte fehlen, ist ineffektive Doppelbesetzung ein Symptom dieses Mangels und kein Beleg dafür, dass zu viel davon existiert. Die vernünftige Reihenfolge wäre, erst das Konzept zu schaffen und dann über die Menge zu reden. Die Kolumne kehrt sie um.

Die Lobby-Frage

Zuletzt behauptet die Kolumne, für die Inklusion gebe es im gesellschaftlichen Raum keine Lobby. Das stimmt nur in einer verkürzten Form. Behindertenverbände fordern Inklusion seit Jahren, und die Konvention selbst ist geltendes Recht. Was fehlt, ist eine Lobby mit Durchsetzungsmacht, wie sie die Berufstätigkeit der Eltern beim Kita- und Ganztagsausbau entfaltet hat. Gegenüber steht eine gut organisierte Gegenseite: die Sonderpädagogik als Profession mit einem Interesse an bestehenden Strukturen, Elternängste vor dem Verlust geschützter Förderräume, Finanzressorts mit dem Blick auf die additive Rechnung. Diese Seite erscheint bei Rabe nur am Rand.

Auffällig ist zudem die Perspektive. Die Politik habe die „Mühen der Ebene“ unterschätzt, heißt es, die Kultusministerien hätten Inklusion unterschiedlich vorangebracht, die Debatte sei verhärtet. Verfasst ist das von jemandem, der über Jahre selbst an einer dieser Schaltstellen saß. Die Kolumne wird so zu einem Genre, das die politische Kultur gut kennt: die Bilanz eines Amtsträgers a. D., die Befunde benennt und Verantwortung im Passiv belässt.

Eine Buchhaltung statt eines Steuerungsinstruments

Bei der jetzigen Geschwindigkeit, so Rabe, dauere es bis 2050, bis die Exklusionsquote halbiert ist. Das ist plausibel gerechnet und zugleich kaum zu überprüfen, denn ein System, das nicht weiß, warum seine Förderquoten zwischen den Ländern um das Doppelte differieren, und dessen Ressourcen an genau diesen Quoten hängen, verfügt nicht über ein Steuerungsinstrument. Es führt Buch. Solange Diagnose, Zuweisung und Schulform aneinander gekoppelt sind, ohne dass jemand sagen kann, was die Diagnose eigentlich misst, bleibt jede Zielmarke eine Hoffnung auf bessere Bedingungen, nicht ihre Konsequenz.

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