Einzeitungsstadt im Abstimmungsfieber: DuMont, Olympia und das Ende des Kölner Medienpluralismus

Am Mittwoch, den 16. April 2026, erschienen in der Printausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers drei Artikel zur Olympia-Bewerbung der Region Rhein/Ruhr – alle am selben Tag, alle in dieselbe Richtung, alle kurz vor dem Ablauf der Abstimmungsfrist am 19. April. Online veröffentlichte der KStA davon zwei: den Nachrichtenartikel zur Forsa-Umfrage und den Kommentar. Die volle Wucht des koordinierten Auftritts bekam nur der Printleser zu sehen. Wer das liest und dabei an Zufall denkt, unterschätzt, wie verlegerische Agenda-Setzung funktioniert.

Das war nicht der Anfang. Bereits am Vortag, dem 15. April, hatte der Express – ebenfalls ein DuMont-Titel – mit einem Artikel über prominente Olympia-Fürsprecher die Stimmung vorbereitet: Carolin Kebekus mit Vision, Lukas Podolski mit Fackel im Dom. Emotionalisierung als Vorstufe zur Mobilisierung. DuMont hat in Köln drei Medienmarken – KStA, Kölnische Rundschau und Express – und alle drei haben in den 48 Stunden vor Fristende an einem Strang gezogen.

Das selbst produzierte Stimmungsbild

Der erste Artikel meldet: 54 Prozent der Befragten in den 17 Bewerberstädten sprechen sich für Olympia aus. Quelle ist eine Forsa-Umfrage – repräsentativ, methodisch korrekt ausgewiesen, mit Toleranzwerten versehen. Was die Nachricht nicht in die Überschrift schreibt: Die Umfrage wurde vom Kölner Stadt-Anzeiger selbst in Auftrag gegeben, gemeinsam mit 37 weiteren NRW-Tageszeitungen.

Das ist keine Kleinigkeit. Wer eine Umfrage beauftragt, bestimmt Zeitpunkt, Fragestellung und Veröffentlichungsdatum. Das Ergebnis, das als gesellschaftliche Realität präsentiert wird, ist ein Ergebnis, das die Redaktion selbst erzeugt hat. Der Kölner Stadt-Anzeiger ist damit gleichzeitig Auftraggeber, Berichterstatter und – im dritten Artikel – Kommentator. Aus diesem Dreiklang ergibt sich ein Effekt, den die Demoskopie gut kennt: Wer erfährt, dass eine Mehrheit für etwas ist, neigt dazu, sich dieser Mehrheit anzuschließen. Der Bandwagon-Effekt ist kein Gerücht, sondern empirisch belegt.

Forsa-Geschäftsführer Peter Matuschek warnt im Artikel selbst davor, aus dem Ergebnis voreilige Schlüsse zu ziehen. Diese Einschränkung findet sich im Fließtext. Die Schlagzeile lautet: „Umfrage ergibt Ja zu Olympia“.

Der Kommentar und sein doppeltes Erscheinen

Der dritte Text ist ein Meinungsstück von Jens Meifert unter dem Titel „Große Chance für Köln und NRW“. Der Text ist klar als Kommentar gekennzeichnet – das ist journalistisch korrekt. Inhaltlich folgt er der bekannten Olympia-Rhetorik: Imagegewinn, Infrastrukturschub, Aufbruchssignal. Köln solle wieder an sich glauben.

Derselbe Kommentar erschien gleichzeitig in der Kölnischen Rundschau. Für Leserinnen und Leser, die beide Zeitungen wahrnehmen, entsteht damit der Eindruck: Zwei unabhängige Kölner Tageszeitungen, die unabhängig voneinander dieselbe Haltung vertreten. Breite publizistische Zustimmung. Ein Signal.

Dieser Eindruck ist falsch.

Die Einzeitungsstadt, die niemand bemerkt hat

Seit dem 1. April 2026 gibt es in Köln keine zwei unabhängigen Lokalredaktionen mehr. DuMont hat zum 1. April die vollständige redaktionelle Verantwortung für die Kölnische Rundschau übernommen. Der Heinen-Verlag, der die Rundschau seit ihrer Gründung 1946 herausgegeben hatte, beendete seine Herausgeberschaft zum 31. März. Mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhielten die Kündigung. Eine eigenständige Rundschau-Lokalredaktion existiert nicht mehr.

Die Marke bleibt. Der Inhalt kommt aus dem Newsroom des Kölner Stadt-Anzeigers. Der DJV NRW nannte das beim Namen: „Zombie-Zeitung“.

Köln ist damit seit zwei Wochen eine Einzeitungsstadt. Nicht offiziell, nicht in der Wahrnehmung des Durchschnittslesers – aber faktisch. Was wie zwei Stimmen aussieht, ist eine. Was wie Bestätigung durch ein zweites Medium wirkt, ist Selbstbestätigung.

Jens Meifert, Autor des Kommentars, wird nach Medienberichten der neue Chefredakteur der Kölnischen Rundschau. Er schreibt seinen Olympia-Kommentar also gleichzeitig in der Zeitung, die er künftig leiten wird, und in der Zeitung, deren Mutterkonzern ihn dahin berufen hat.

Was das bedeutet

Es geht hier nicht um Verschwörung. DuMont handelt verlegerisch konsequent. Umfragen in Auftrag zu geben ist legitim. Kommentare zu veröffentlichen ist legitim. Verleger dürfen Haltungen haben – das ist Pressefreiheit, nicht ihr Missbrauch.

Was fehlt, ist das Gegengewicht. In einer funktionierenden lokalen Medienlandschaft würde ein zweites Kölner Medium die Kostenfragen schärfer stellen, die Infrastrukturpriorisierung hinterfragen, die Methodik der selbstbeauftragten Umfrage einordnen. Dieses Medium gibt es in Köln seit zwei Wochen nicht mehr.

Drei thematisch koordinierte Artikel am selben Tag in der Printausgabe, ein emotionalisierender Vorartikel im Express am Vortag, ein Kommentar in zwei formal getrennten, faktisch identischen Zeitungen, kurz vor Fristende – das ist kein Holzhammer im Sinne von Manipulation. Es ist ein Holzhammer im Sinne von: Hier steht das gesamte publizistische Gewicht eines Medienhauses hinter einer Botschaft, und niemand in Köln hat mehr die Mittel, das zu konterkarieren.

Das sollte zur Kenntnis genommen werden – unabhängig davon, wie man zu Olympia steht.

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