Wenn die Lokalzeitung zum Sprachrohr der Stadt wird

Die Kölner Stadt-Anzeiger-Redaktion hat zum eigenen Bericht über den Militärring-Ausbau einen Kommentar desselben Autors gestellt. Das ist an sich üblich. Bemerkenswert ist, wie wenig Distanz zwischen Nachricht und Meinung in diesem Fall liegt – der Kommentar übernimmt die Argumentation der Stadt fast eins zu eins, statt sie zu prüfen.

Dieselbe Feder, dieselbe Logik

Tim Attenberger hat sowohl die Nachricht als auch den Kommentar zum Militärring-Ausbau geschrieben. In der Nachricht kommen die kritischen Stimmen vor – das Rechnungsprüfungsamt, das die Verkehrsprognose als veraltet bezeichnet, der BUND, der vor weiterer Versiegelung warnt. Im Kommentar verschwinden beide fast vollständig. Stattdessen übernimmt der Text die Sprache des Mobilitätsdezernats: „nachhaltige Mobilitätskonzepte“, „Alternativen schaffen“, „eine Stadt in all ihren Teilen erreichbar“ – Formulierungen, die exakt der Rhetorik entsprechen, mit der auch Dezernent Ascan Egerer das Projekt in der Nachricht selbst begründet.

Die Rechnungsprüfer bleiben unerwähnt

Am schwersten wiegt, dass der Kommentar die eigene Recherche der Redaktion ignoriert. Die Nachricht zitiert das Rechnungsprüfungsamt mit einer klaren Aussage: Die Kalkulation basiert auf einer Prognose für 2025, die auf Erhebungen von 2010 beruht, ohne dass deren Belastbarkeit je überprüft wurde. Zusatzkosten für Baugrundgutachten und Entschädigungen fehlen in den 14 Millionen Euro. Das ist keine Randnotiz, sondern der zentrale Befund einer städtischen Kontrollinstanz zu einem Millionenprojekt. Im Kommentar zum selben Projekt kommt diese Kritik nicht vor. Eine Redaktion, die in der eigenen Nachricht Zweifel an der Zahlengrundlage dokumentiert und im Kommentar dazu schweigt, verlässt die Position der Beobachterin.

Ausgewogenheit als Fassade

Der Kommentar trägt den Titel „Köln braucht neue Straßen – und echte Alternativen“ und suggeriert damit eine abgewogene Position. Tatsächlich liefert er fast ausschließlich Argumente für den Straßenausbau: Elektroautos verbesserten die Umweltbilanz, der Kölner Westen sei auf das Auto angewiesen, Verbote allein brächten keine bessere Mobilität. Die „echten Alternativen“ aus dem Titel bleiben unkonkret und unfinanziert – anders als der Straßenausbau, der mit Summe, Zeitplan und Bauphasen exakt beschrieben ist. Wer unter dem Anschein von Ausgewogenheit einseitig für ein Projekt wirbt, dessen Kosten die eigene Redaktion tags zuvor infrage gestellt hat, betreibt keine Kommentierung mehr, sondern Verwaltung städtischer Kommunikationslinien.

Wenn die Zeitung zur Verlautbarung wird

Eine Lokalzeitung, die Projekte der Stadtverwaltung kritisch begleitet, ist ein Korrektiv. Eine Lokalzeitung, die im selben Atemzug die eigenen kritischen Befunde im Kommentarteil unterschlägt und stattdessen die Sprache der Verwaltung reproduziert, wird zum Sprachrohr eben dieser Verwaltung. Der Militärring-Kommentar der KStA ist dafür ein instruktives Beispiel: Er liest sich streckenweise wie eine Pressemitteilung des Mobilitätsdezernats, nur mit Autorenzeile.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger

Schreibe einen Kommentar