Stadionausbau Köln: Wer zahlt die Polizei bei 75.000 Plätzen?

Der vom Präsidenten des 1. FC Köln angestrebte Ausbau des Rheinenergiestadions auf 75.000 Plätze wirft neben der Frage nach der Verkehrsanbindung eine zweite auf, die im Interview ebenfalls nicht vorkommt: Wer stellt das Personal, und wer bezahlt es. Der Reflex, ein Drittel mehr Plätze bedeute ein Drittel mehr Gewalt, ist dabei erst einmal zu korrigieren. Er trifft nicht zu. Was zutrifft, ist unbequemer.

Gewalt skaliert nicht mit Sitzplätzen

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze beim Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste in Duisburg legt jährlich eine Bilanz der Sicherheitslage im deutschen Profifußball vor. Der Bericht für die Saison 2024/2025 weist bei den ersten drei Ligen rund 25,3 Millionen Zuschauer aus, gut vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Zugleich sank die Zahl der Verletzten auf 1.107, ein Rückgang um 17,2 Prozent gegenüber den 1.338 der Vorsaison. Auch die Zahl der verletzten Polizeibeamtinnen und -beamten halbierte sich nahezu, von 306 auf 160. Strafverfahren und Polizeiarbeitsstunden gingen ebenfalls zurück.

Mehr Zuschauer, weniger Verletzte: Die beiden Größen laufen nicht parallel. Das ist keine Momentaufnahme, sondern entspricht dem, was aus der Sicherheitsforschung zu Großveranstaltungen bekannt ist. Die relevante Variable ist nicht die Kapazität einer Spielstätte, sondern die Dichte der Risikobegegnungen, die Struktur der Anreisewege und das Verhalten eines zahlenmäßig kleinen, weitgehend konstanten Personenkreises. Fanorganisationen rechnen die Verletztenzahl auf die Gesamtbesucherzahl um und kommen auf einen Wert von unter fünf Tausendstel Prozent. Die Rechnung ist interessengeleitet, aber in der Sache nicht falsch. 25.000 zusätzliche Dauerkarteninhaber, die heute auf einer Warteliste stehen, sind keine zusätzliche Störerklientel.

Was sehr wohl mitwächst

Damit ist die Frage aber nicht erledigt, sondern nur präzisiert. Drei Größen wachsen mit der Kapazität, und alle drei liegen außerhalb der Vereinsbilanz.

Erstens das Gästekontingent. In der Bundesliga sind Auswärtsfans in der Regel zehn Prozent der Stadionkapazität vorzuhalten. Aus rund 5.000 Gästeplätzen würden etwa 7.500. Das ist ausgerechnet das Segment mit dem höchsten polizeilichen Aufwand, weil es die Begleitung von Reisewegen, die Trennung von Fangruppen und die Absicherung von Bahnhöfen betrifft. Und der 1. FC Köln liegt in einem Umfeld, das Begegnungen mit erhöhtem Risiko in ungewöhnlicher Dichte produziert: Mönchengladbach, Leverkusen, Düsseldorf und Dortmund sind sämtlich in Tagesreichweite.

Zweitens die Spitzenlast beim Ordnungsdienst und bei der Entfluchtung. Das ist kein Gewaltproblem, sondern eines der Menschenmengen, und es ist genehmigungsrechtlich relevant. Stobbe nennt selbst die Prüfpunkte einer angepassten Betriebserlaubnis – Toiletten, Fluchtwege, Brandschutz. Bei einem Zuwachs um die Hälfte sind das keine Formalien, sondern der Kern der Genehmigung.

Drittens die polizeiliche Grundlast. Sie steigt nicht mit jedem einzelnen Zuschauer, aber mit der Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig auf denselben Wegen bewegen, und mit dem Einzugsgebiet, das ein größeres Stadion erschließt. In Köln konkurriert diese Last zudem mit anderen Großlagen derselben Behörde, vom Karneval bis zu Demonstrationsgeschehen und Silvester.

Die Kostenfrage ist seit anderthalb Jahren entschieden – und wird in NRW nicht beantwortet

Hier trifft der Stadionausbau auf eine Debatte, die längst läuft. Das Bundesverfassungsgericht hat am 14. Januar 2025 die Bremer Regelung bestätigt, nach der die Kosten zusätzlicher Polizeieinsätze bei besonders gewaltgeneigten Spielen an die Deutsche Fußball Liga weitergegeben werden können. Für Nordrhein-Westfalen wurden im Anschluss rund 565.000 Polizeistunden aus der Saison 2023/24 genannt, rechnerisch etwa 434 Stellen und ein Aufwand von mehr als 20 Millionen Euro.

Der Landesrechnungshof des Landes hat daraus eine Empfehlung abgeleitet. Nach einem Prüfbericht an das Innenministerium wären allein in NRW in der Spielzeit 2024/25 rund acht Millionen Euro einzusparen gewesen, hätte das Land die Kosten für Hochrisikospiele der ersten drei Ligen in Rechnung gestellt; bei Einbeziehung von Partien mittleren Risikos wären es etwa 15 Millionen. Der Rechnungshof hält es ausdrücklich für nicht nachvollziehbar, dass die Steuerzahlenden regelmäßig mit erheblichen Aufwendungen belastet werden. Nordrhein-Westfalen zählte bislang zu den Ländern, die sich einer Erstattung verweigern – bei bundesweit den meisten Risikospielen.

Es liegt also seit anderthalb Jahren ein höchstrichterliches Urteil vor, ein Prüfbericht der eigenen Finanzkontrolle und ein bezifferter Betrag. Was nicht vorliegt, ist eine Entscheidung.

Die Legitimation liegt nicht dort, wo die Kosten anfallen

Damit wiederholt sich in der Sicherheitsfrage exakt die Struktur, die schon bei der Verkehrsanbindung sichtbar wird. Der Verein plant ein Vorhaben, dessen Erlöse ihm zufließen und dessen Legitimation er über Stadionkommission und Mitgliederversammlung herstellt. Die Folgekosten fallen bei Institutionen an, die an dieser Willensbildung nicht beteiligt sind: bei der Landespolizei, beim Ordnungsamt, bei den Verkehrsbetrieben, bei der Stadt als Eigentümerin des Stadions.

Das ist kein Vorwurf gegen den Ausbau als solchen. Ein größeres Stadion kann für Köln sinnvoll sein, und die Warteliste ist ein reales Argument. Der Punkt ist die Reihenfolge. Solange das Land die Kostenfrage bei Risikospielen offenlässt, wird jede Kapazitätserweiterung zu einer Erhöhung eines Postens, den niemand ausweist. Ein Ausbau auf 75.000 Plätze würde die Frage nicht neu stellen. Er würde sie nur so groß machen, dass sie nicht mehr zu übersehen ist.

Schreibe einen Kommentar