Dance me to the end of the Wetterbericht
Philharmonie Köln — eine Beobachtung
Zwanzig Minuten Feldforschung
Wir sind zu früh. Wir sind immer zu früh. Pünktlichkeit ist bei mir ein Sicherheitsabstand von zwanzig Minuten, und der wird eingehalten, notfalls gegen jeden Widerstand.
Immerhin bekommen wir dadurch einen Platz im Wartebereich. Das halbrunde Sofa teilen wir uns mit einem Ehepaar und einer einzelnen Dame. Die Geräuschkulisse ist mir zu laut, und zum ersten Mal an diesem Abend bin ich froh, die Hörgeräte zu Hause gelassen zu haben. Vergesslichkeit als Wohltat.
Menschen eilen vorbei, viele mit einem Getränk in der Hand. Interessante Outfits und Normalos ergeben ein buntes Bild. Wer zwanzig Minuten Zeit hat, fängt zwangsläufig an zu beobachten.
Die Dame neben uns hat für ihren Mann keinen Blick übrig. Sie schaut auf ihr Handy. Er sitzt daneben mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der mitmusste. Ihr Finger zuckt in freudiger Erwartung, gleich wieder nach oben wischen zu dürfen. In zwanzig Minuten ändert sich an dieser Konstellation nichts. Ich habe es überprüft, wissenschaftlich sauber, sogar mit Kontrollgruppe: Die Dame zu meiner Linken ruft in derselben Zeit mehrfach den Wetterbericht auf. Als könne sich die Vorhersage im Sekundentakt ändern. Vielleicht hofft sie auch auf ein Unwetter, das den Abend absagt.
Eine Dame mit Rollator geht den Gang entlang und mustert alles aufmerksam. Sie bestätigt den Altersdurchschnitt. Junge Menschen: Fehlanzeige. Hier sitzen überwiegend jene, die in den Fünfzigern und Sechzigern aufgewachsen sind und nun die Hommage an Leonard Cohen sehen wollen: Dance me, seine Musik mit Ballett unterlegt und interpretiert.
Ein Display, das keiner braucht
Dann ist Einlass. Die Treppen, die wir zum Eingang hinuntergehen mussten, führen nun wieder hinauf. Architektur mit Sinn für Wiederholung. Der Saal füllt sich langsam, die Geräuschkulisse bleibt zu laut, die Akustik ist hervorragend. Beides zusammen ist ein zweischneidiges Geschenk.
Kurz vor Beginn der Hinweis, Aufnahmen und Fotos seien verboten. Fast alle halten sich daran. Fast. Schräg vor mir leuchtet in regelmäßigen Abständen ein Display auf, und der Blick wandert automatisch dorthin. Das menschliche Auge reagiert nun einmal auf Lichtquellen im Dunkeln. Am Lagerfeuer war das sinnvoll, im Konzertsaal ist es das nicht. Gott sei Dank hat jemand hinter diesem Menschen ihn darauf hingewiesen, er möge das lassen.
Vom Hocker gehauen
Ich habe von Ballett keine Ahnung. Ballett im weißen Spitzenröckchen finde ich langweilig, eine Überzeugung, die ich mir über Jahrzehnte erfolgreich unüberprüft bewahrt habe.
Diesmal hat mich das Ballett vom Hocker gehauen. Damit meine ich nicht nur die Professionalität der Tänzerinnen und Tänzer, sondern auch die Kreativität und die Lichtakzente, die bei gleicher Bewegung plötzlich ein völlig anderes Bild entstehen ließen. Man sieht denselben Tanz zweimal und hat ihn doch nicht zweimal gesehen.
Mit Leonard Cohen bin ich groß geworden. Neben den Beatles war er mein bevorzugter Interpret. Die volle Philharmonie zeigte, dass ich damit nicht allein war, ein ganzer Saal voller Menschen, die vermutlich alle überzeugt waren, das damals ganz persönlich für sich entdeckt zu haben.
Achtzig Minuten Musik von Leonard Cohen und dieses famose, kreative Ballett dazu. Viel mehr braucht man nicht. Nicht einmal den Wetterbericht.