Schulschwimmen Köln: Kurze Wege für Olympia, lange für Kinder

Am Samstag entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund, mit welchem Konzept Deutschland ins Rennen um die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 geht. Köln-Rhein-Ruhr liegt nach der Evaluierung nur knapp hinter München, Ministerpräsident Hendrik Wüst spricht von einem engen Rennen. Das Konzept der Region setzt auf etablierte Sportstätten, auf die Sportbegeisterung im Rheinland und im Ruhrgebiet – und auf kurze Wege.

In denselben Wochen, mit Beginn des neuen Schuljahres, erfuhren die Eltern der Katholischen Grundschule Zugweg in der Kölner Südstadt, dass die Stadt den Bus zum Schwimmunterricht gestrichen hat. Der Zugweg ist kein Einzelfall: Nach Bericht des WDR betrifft die Streichung mehrere Schulen, eingeordnet unter dem Stichwort Sparkurs. Die dritte Klasse soll ihren Schwimmunterricht in der Halle des Humboldt-Gymnasiums erhalten. Der Weg dorthin ist nun zu Fuß zurückzulegen. Was für einen Erwachsenen eine Viertelstunde sein mag, dauert mit mehr als zwanzig Achtjährigen nach Einschätzung der Eltern 20 bis 25 Minuten, realistisch eher länger.

Eine einfache Rechnung

Schwimmunterricht in der Grundschule ist in der Regel als Doppelstunde organisiert, also 90 Minuten. Davon gehen ab: der Hinweg sowie das Umziehen vor und das Duschen und Anziehen nach dem Schwimmen. Bei 25 Minuten Fußweg und jeweils zehn Minuten in der Umkleide bleiben rund 45 Minuten im Becken. Der Rückweg ist darin noch nicht enthalten. Er fällt zwangsläufig in die dritte Stunde, denn andernfalls bliebe vom Schwimmunterricht kaum etwas übrig, und irgendwo dazwischen muss auch noch die Frühstückspause Platz finden. Die Elternvertretung rechnet mit knapp einer Stunde, die nach dem Hinweg überhaupt noch bleibt, Umziehen eingeschlossen – und mit Kindern, die im Winter mit nassen Haaren nach Hause gehen.

Eine Dreiviertelstunde pro Woche also, um schwimmen zu lernen – bezahlt mit einer weiteren Schulstunde, von der ein guter Teil auf dem Gehweg stattfindet. Dabei hat sich die Stadt Köln für genau diesen Lernprozess ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mit dem Programm „Sicher schwimmen!“ sollen 95 Prozent der Kinder die Grundschule mit dem Jugendschwimmabzeichen in Bronze verlassen. Dafür stellt sie jährlich rund 1,2 Millionen Euro bereit, unter anderem für Schwimmassistenzkräfte, die den Unterricht im Wasser unterstützen. Die Stadt finanziert also zusätzliches Personal für die Zeit im Becken und verkürzt gleichzeitig die Zeit, in der dieses Personal überhaupt eingesetzt werden kann.

Pflicht, nicht Kür

Schulschwimmen ist kein Freizeitangebot und auch nicht Breitensport im engeren Sinn. Es ist Teil des Pflichtunterrichts, fest verankert im Sportlehrplan der Grundschule, und es ist die einzige Stelle, an der alle Kinder eines Jahrgangs schwimmen lernen – auch jene, deren Familien weder Zeit noch Geld für private Kurse haben.

Hinzu kommt der Zustand der Infrastruktur. Lehrschwimmbecken in Kölner Schulen mussten wiederholt wegen Sanierungsbedarf gesperrt werden, städtische Bäder wie das Agrippabad standen wegen Bauarbeiten zeitweise nicht zur Verfügung. Die Schwimmhalle des Humboldt-Gymnasiums funktioniert wieder, was die Eltern ausdrücklich begrüßen. Das Wasser ist also da. Es fehlt der Weg dorthin.

Das Versprechen der Nachwirkung

Olympiabewerbungen begründen sich selten allein mit sechzehn Wettkampftagen. Das tragende Argument ist die Nachwirkung: Spiele im eigenen Land sollen Kinder für Sport begeistern, Vereine füllen, dem Breitensport Auftrieb geben. Auch die Bewerbung an Rhein und Ruhr lebt von diesem Motiv, und die Zustimmung ist beachtlich: Beim Bürgerentscheid im April 2026 votierten in allen 17 beteiligten Kommunen deutliche Mehrheiten dafür.

Gemessen an diesem Versprechen ist der gestrichene Schwimmbus mehr als eine Haushaltsposition. Die Begeisterung, die Olympia wecken soll, ist für die 2030er oder 2040er Jahre angekündigt. Die Schwimmzeit fehlt jetzt, bei Kindern, die 2036 volljährig sein werden. Im olympischen Konzept wurde der Wasserball an einen größeren Standort verlegt, damit er den Anforderungen der Athletinnen und Athleten besser gerecht wird. Den Drittklässlern vom Zugweg wurde der Bus gestrichen, der sie rechtzeitig ins Wasser brachte.

Die Kosten sind dabei nicht der Punkt. Olympia und Schulbusse werden aus unterschiedlichen Töpfen bezahlt, ein Vergleich der Summen führt ins Leere. Der Punkt ist die Rangfolge, die sich in beiden Entscheidungen zeigt. Sport erscheint darin als Schaufenster, das man der Welt präsentiert, nicht als Grundversorgung für diejenigen, die ihn erst noch lernen sollen.

Die Eltern haben sich inzwischen schriftlich an die Stadt gewandt, unter anderem an Oberbürgermeister Torsten Burmester. Ob die Busse zurückkommen, ist offen. Fest steht nur die Planung: Die kurzen Wege sind für 2036 vorgesehen. Die langen gelten ab sofort.

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