Es gibt Begriffe, die überleben ihre eigene Berechtigung. Hitzefrei ist so einer. Das Wort stammt aus einer Zeit, in der „nach Hause gehen“ wirklich Entlastung war: eine kühlere Wohnung, jemand, der da ist, ein schattiger Hof. Nichts davon gilt heute noch verlässlich – und trotzdem schicken wir Kinder weiter mit demselben Wort in dieselbe Hitze.
An diesem Freitag haben viele Kölner Schulen hitzefrei gegeben, gemeldet werden über 30 Grad. Hitzefrei heißt dabei meist nicht „kein Unterricht“, sondern Kurzstunden – eine halbe Stunde pro Fach, früher Schluss. In NRW entscheidet das jede Schule selbst, eine stadtweite Ansage gibt es nicht. Ab 27 Grad Raumtemperatur darf die Schulleitung.
Das Wort verspricht etwas, das es nicht mehr halten kann
Wer Hitzefrei sagt, denkt an Befreiung. Tatsächlich bedeutet es für viele Kinder: raus aus dem warmen Klassenraum in die noch heißere Mittagssonne. Oder, wenn die Eltern arbeiten und niemand abholen kann, gar nicht raus – sondern Notbetreuung in genau dem Gebäude, dessen Hitze der Grund für das Hitzefrei war.
Der Bericht beschreibt das ganz nüchtern: In den unteren Klassen dürfen Kinder nur nach Absprache mit den Eltern früher gehen, sonst werden sie bis Schulschluss vor Ort beaufsichtigt. Wer berufstätig ist und nicht früher kommen kann, dessen Kind wartet im überhitzten Schulhaus. Das ist kein Schutzkonzept. Das ist die Verwaltung eines Mangels.
Eine Schwelle ist kein Plan
Auffällig ist, wie selbstverständlich die Verantwortung dort landet, wo am wenigsten Mittel sind. „Ab 27 Grad darf die Schulleitung.“ Was nach pädagogischer Autonomie klingt, ist in Wahrheit eine Abwälzung. Denn was man der einzelnen Schule überlässt, ist nicht die Lösung, sondern nur die Entscheidung über die Folgen. Verschattung, Dämmung, Kühlung, ein verbindlicher Hitzeschutzplan – all das wäre Sache derer, die bauen und finanzieren. Stattdessen bekommt die Schulleitung einen Schwellenwert und das schlechte Gewissen gleich dazu.
Das ist exakt das Muster, das uns in dieser Stadt überall begegnet: bei maroden Schulgebäuden, bei gesperrten Brücken, im Pflegesystem. Ein kollektives, über Jahrzehnte angehäuftes Versäumnis wird in eine individuelle Tagesentscheidung übersetzt. Die Institution zieht sich auf das Setzen von Grenzwerten zurück. Das Aushalten überlässt sie denen ganz unten – in diesem Fall acht- und neunjährigen Kindern.
Für manche gibt es kein Entkommen
Es kommt ein zweiter Punkt hinzu, der selten ausgesprochen wird: Hitzefrei ist eine Kategorie des Unterrichts, nicht der Betreuung. Der offene Ganztag hat einen eigenständigen Betreuungsauftrag, der mit dem Unterrichtsende nicht endet. Wird der Vormittag verkürzt, läuft der Nachmittag in der OGS in der Regel weiter – in denselben unklimatisierten Räumen. Für die Kinder dort ist „hitzefrei“ also genau besehen gar kein Hitzefrei, sondern nur ein früheres Unterrichtsende bei gleichbleibender Anwesenheit.
Damit zeigt sich, wen dieser Mechanismus überhaupt entlastet – und wen nicht. Wer ein kühles Zuhause hat und abgeholt werden kann, profitiert. Wer das nicht hat, dessen Eltern arbeiten und der auf die OGS angewiesen ist, bleibt. Für diese Kinder gibt es kein Entkommen; sie verbringen den heißesten Teil des Tages in der schlechtesten verfügbaren Option. Hitzefrei entlastet damit ausgerechnet jene am wenigsten, die am wenigsten Ausweichmöglichkeiten haben. Ein Schutzmechanismus, der nach sozialer Lage sortiert, ist kein Schutz – er ist eine Verschärfung der Ungleichheit mit freundlichem Namen.
Das Wetter ist nicht das Subjekt
Es heißt gern, die Hitzetage nähmen zu – als sei das Wetter der Handelnde. Das Wetter ist es nicht. Handelnd, genauer: nicht handelnd, war über Jahrzehnte eine Schulbaupolitik, die ungedämmte Gebäude ohne Verschattung und ohne jeden Gedanken an steigende Temperaturen hinterlassen hat. Der Klimawandel deckt diese Versäumnisse nur auf, er verursacht sie nicht.
Man hätte sich andere Konzepte einfallen lassen können, als Kinder in die Hitze zu entlassen oder sie in überhitzten Räumen warten zu lassen. Kühle Rückzugsräume, verschattete Höfe, angepasste Tagesstrukturen im Ganztag, langfristig eine Bauplanung, die Hitze als Normalfall behandelt und nicht als Ausnahme. Nichts davon ist visionär. Es ist das Mindeste.
Solange das fehlt, bleibt Hitzefrei, was es geworden ist: ein freundliches Wort für ein Problem, das niemand lösen wollte, und das man deshalb jeden heißen Freitag aufs Neue der einzelnen Schule in die Hand drückt.
Ausblick: Heute der Schwellenwert, morgen der Rotstift
Wie wenig das Wetter das eigentliche Subjekt ist, zeigt sich, wenn man von den überhitzten Bestandsgebäuden zu den Neubauten schaut. Denn während an heißen Freitagen über schlecht gedämmte Schulen geklagt wird, plant die Stadt ausgerechnet beim Schulneubau zu sparen – bei schlichteren Bauten, weniger Raum, knapperer Ausstattung und, besonders bezeichnend, bei der Begrünung der Gebäude. Dieselbe Kämmerin, die die Klimaanpassung als kommunale Aufgabe ausruft und vor der Überhitzung der Innenstädte warnt, macht die Gebäudebegrünung am Schulbau zur Verhandlungsmasse. So spart eine Stadt an einem Ort genau das ein, was sie an anderer Stelle als Notwendigkeit ausruft.
Damit schließt sich der Kreis. Hitzefrei ist die Tagesentscheidung am heißen Ende einer langen Kette, an deren anderem Ende der Rotstift beim Neubau sitzt. Erst wird die Investition gekürzt, die das Problem für Jahrzehnte lösen müsste, dann wird die Folge der einzelnen Schulleitung in die Hand gedrückt. Wer heute am verschatteten Hof und am begrünten Dach spart, verlängert das Hitzefrei in die Zukunft – und mit ihm das stille Aushalten derer, die in diesen Räumen sitzen.