Springer Award für Thiel: Kritik mit Rückfahrkarte

Am Donnerstagabend hat Axel Springer seinen Award an Peter Thiel verliehen, Investor, Palantir-Mitgründer und Berater im Umfeld der Trump-Regierung. Die ZEIT hat den Abend in einem Text von Götz Hamann nachgezeichnet. In der Kommentarspalte darunter überwiegt der Vorwurf der Verharmlosung. Der Vorwurf greift zu kurz. Der Text enthält nahezu jeden Einwand, der sich gegen die Veranstaltung erheben lässt. Aufschlussreich ist, was er anschließend mit diesen Einwänden macht.

Vollständig im Befund

Die Liste der kritischen Elemente ist lang. Die Schmeichelei des Gastgebers wird beschrieben, einschließlich Döpfners Eingeständnis, in Diskussionen mit Thiel fast immer falschgelegen zu haben. Thiels Skepsis gegenüber der Demokratie wird erwähnt, ebenso seine Nähe zur Trump-Regierung. Die mehreren Hundert Demonstranten vor dem Verlagshaus kommen vor. Und vor allem die wirtschaftliche Verflechtung: Moritz Döpfner, Sohn des Verlegers, arbeitete zunächst in Thiels Investmentfirma und legte dann einen eigenen Wagniskapitalfonds auf, dem Thiel nach Angaben des manager magazins 50 Millionen US-Dollar anvertraute. Wer den Artikel auf Auslassungen prüft, wird kaum fündig.

Die Einordnung vor dem Einwand

Auf die Beschreibung der Inszenierung, goldener Turm, Lichtinstallation, Livestream auf den Seiten von Bild und Welt, folgt die Feststellung, Naserümpfen falle bei einer solchen Veranstaltung leicht. Damit ist Kritik als Reflex markiert, bevor sie ein Argument vorbringen konnte. Wer danach noch Einwände hat, rümpft eben die Nase.

Der folgende Absatz verschiebt den Rahmen. Zwischen Berlin und den kalifornischen Tech-Unternehmern herrsche Funkstille, verursacht durch technologische Inkompetenz der deutschen Politik, europäische Regulierung und kalifornische Rücksichtslosigkeit. Aus dem Treffen zweier Milliardäre wird so ein Gesprächsraum, der eine staatliche Lücke füllt. Die Frage, wer diesen Raum eröffnet, zu welchen Bedingungen und mit welchen eigenen Interessen, tritt hinter die Feststellung zurück, dass es ihn überhaupt gibt.

Außenpolitik in eigener Sache

Der Text beschreibt Döpfner als eine Art Neben-Außenminister, der deutsche Politiker nur aus Kulanz an seiner persönlichen Außenpolitik teilhaben lasse. Die Beobachtung trifft zu. Die Schlussfolgerung überrascht: Eine Beziehung zu Thiel und anderen Tech-Milliardären liege im strategischen Interesse der Deutschen. Begründet wird das mit Starlink, Palantir und Facebook, also mit der Macht dieser Unternehmer über Kriegsführung, Datenanalyse und politischen Diskurs.

Genau diese Macht wäre allerdings das Argument dafür, dass ein Vermittler ohne Geschäftsbeziehung zum Gesprächspartner gebraucht würde. Der Text räumt ein, private Diplomatie sei selten frei von wirtschaftlichen Interessen, diese seien zu benennen und im Zweifel einzuhegen. Benannt werden sie. Wer sie einhegen soll, bleibt offen.

Die Prüfung im eigenen Format

Die Verflechtung wirft, so der Text, die Frage auf, wie kritisch der Verleger mit dem Preisträger umgehen will und ob er ihn in ein Gespräch über dessen Verantwortung für die freie Welt und den liberalen Rechtsstaat verwickeln kann. Bei der Preisverleihung selbst sei davon nichts zu sehen gewesen. Die Antwort liefert stattdessen eine Folge von „md meets“, Döpfners eigenem Podcast, die parallel zur Verleihung erschien.

Damit wird die Prüfung der Befangenheit an ein Format delegiert, das der Befangene selbst betreibt und moderiert. Das Ergebnis fällt entsprechend aus. Thiel lässt erkennen, dass er von der AfD wirtschafts- und finanzpolitisch wenig hält. Döpfner ergänzt Einwände gegen die Außenpolitik der Partei. Die Frage, die der Text selbst aufgeworfen hatte, betraf den liberalen Rechtsstaat. Beantwortet wird sie mit einer Einschätzung zur Qualität von Wirtschaftskonzepten. Dass jemand eine Partei für ökonomisch unbrauchbar hält, sagt über sein Verhältnis zur Demokratie nichts aus. Der Text wertet es trotzdem als den Schritt, mit dem der Abend über einen Händedruck vor Publikum hinausgehe.

Das Zitat, das stehen bleibt

In seiner Antwort lobt Thiel die Springer-Presse als Gegenstimme zu einer ansonsten einseitigen deutschen Medienlandschaft und spricht von „einer Art linker Hassfabrik“, der der Konzern entgegentrete. Die ZEIT gehört zu dieser Medienlandschaft. Der Text gibt die Äußerung wieder und geht zum nächsten Absatz über. Dass hier ein Preisträger dem Gastgeber das eben erhaltene Kompliment zurückgibt und dafür den Rest der Branche als Gegner markiert, bleibt ohne Einordnung.

Vollständigkeit ohne Gewichtung

Das Muster hält sich durch den ganzen Text: Ein Einwand wird genannt und im nächsten Absatz relativiert, eingerahmt oder auf eine spätere Entwicklung verwiesen, deren politische Wirkung sich erst noch entfalten müsse. Lesende erhalten alle Elemente für eine kritische Einschätzung. Als naheliegende Synthese angeboten wird aber die Lesart der Veranstalter: ein ungewöhnlicher, womöglich nützlicher Dialog in einer Zeit gestörter Beziehungen.

Das ist kein Gefälligkeitsjournalismus im groben Sinn. Es ist eine subtilere Form. Der Text schützt sich gegen den Vorwurf der Einseitigkeit, indem er die Gegenargumente aufführt, und entzieht ihnen zugleich das Gewicht. Die Kommentarspalte reagiert auf den Ton, nicht auf die Konstruktion, und liegt damit im Ergebnis näher als in der Begründung.

Der Abend im Verlagshaus sollte die Geschichte eines verlorenen Sohnes erzählen, der heimkehren könnte. Die ZEIT hat diese Geschichte erkennbar nicht geglaubt. Nacherzählt hat sie sie trotzdem.

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