Aufsichtspflicht für Fünfjährige – WDR ohne Rückfrage

Der WDR berichtet aus dem Freibad Wickede über ein Präventionsprojekt der DLRG: Vorschulkinder lernen spielerisch die Baderegeln, bekommen am Ende eine Urkunde und ein Poster mit Entenbildern – und sollen zu Hause ihren Eltern erklären, warum die in Reichweite bleiben müssen. Eine ehrenamtliche Trainerin wird mit der Aufforderung zitiert, die Kinder sollten ihren Eltern sagen, dass diese nur eine Armlänge entfernt sein dürfen.

Der Beitrag erzählt das als sympathische Idee. Er stellt dabei keine einzige der Fragen, die sich beim Lesen von selbst aufdrängen.

Eine Rechtspflicht wechselt die Richtung

Die Aufsichtspflicht über ein Kind liegt bei den Sorgeberechtigten. Sie ist nicht teilbar, nicht delegierbar an das beaufsichtigte Kind und schon gar nicht an ein Kind im Vorschulalter. Genau das aber beschreibt der Beitrag: Ein Fünfjähriger wird mit einem Poster ausgestattet und mit dem Auftrag nach Hause geschickt, das Verhalten seiner Eltern am Wasser zu korrigieren. Die Kontrollinstanz sitzt künftig in der Badehose.

Das ist kein pädagogisches Detail, sondern eine Verschiebung von Verantwortung – von der erwachsenen, rechtlich verpflichteten Person auf das Kind, das im Ernstfall selbst das Opfer ist. Wer das Konzept zu Ende denkt, landet bei der Frage, wer sich hinterher schuldig fühlt, wenn etwas passiert. Das Kind hatte ja das Poster. Es hätte etwas sagen müssen.

Eine journalistische Einordnung müsste diesen Punkt nicht einmal kritisch wenden. Es hätte gereicht, ihn zu benennen: dass hier aus Not eine Konstruktion entsteht, die rechtlich auf keinem Fundament steht und psychologisch heikel ist. Der Beitrag benennt ihn nicht. Er referiert das Konzept in dessen eigener Logik.

Die Begründung, die im Text selbst steht

Bemerkenswert ist, dass der Anlass für die Umkehr offen im Artikel liegt. Wenn die Schwimmaufsicht Eltern anspricht, reagieren diese den Schilderungen zufolge mitunter verärgert. Deshalb wendet man sich nun an die Kinder.

Damit ist die Kausalkette komplett: Der direkte Weg zu den Verantwortlichen ist unangenehm, also wird der indirekte über die Kinder gewählt. Das ist Konfliktvermeidung. Man kann das den Ehrenamtlichen nachsehen, die diese Konfrontationen tatsächlich täglich haben und dafür weder bezahlt noch geschützt werden. Man kann es einer Redaktion nicht durchgehen lassen, die diese Begründung übernimmt, ohne sie als das zu markieren, was sie ist. In der Fassung des Beitrags wird aus dem Ausweichmanöver eine Innovation.

Ein Quellenapparat, der die Lücke sichtbar macht

Der WDR führt seine Quellen am Ende auf: zwei Mitglieder der DLRG-Ortsgruppe Werl, die Homepage der DLRG, die Beobachtungen der Reporterin vor Ort. Das ist ehrlich – und es beschreibt exakt den Umfang der Recherche. Eine Organisation, ihre Selbstdarstellung, ein Ortstermin.

Keine juristische Einordnung zur Aufsichtspflicht. Keine Stimme aus der Entwicklungspsychologie zu der Frage, was es mit einem Vorschulkind macht, wenn man ihm Verantwortung für die Sicherheitsentscheidungen Erwachsener zuweist. Keine Elternperspektive, obwohl Eltern die eigentlichen Adressaten der ganzen Aktion sind und im Text ausschließlich als abgelenkte, gereizte Kulisse vorkommen. Kein Wort zu Bäderschließungen, ausgefallenem Schwimmunterricht, Nichtschwimmerquoten – also zu allem, was die DLRG selbst seit Jahren als strukturelle Ursache benennt.

Was übrig bleibt, ist eine Verlautbarung mit Bildmaterial. Das kann ein guter Lokalbeitrag sein, wenn er sich als Reportage über engagierte Ehrenamtliche versteht. Er tut aber mehr: Er transportiert eine Ursachenerklärung.

Das Handy als bequemster verfügbarer Schuldiger

Die Erzählung des Beitrags ist geschlossen: Kinder ertrinken, weil Eltern aufs Handy schauen. Angeboten wird sie als Beobachtung, gesetzt wird sie als Kausalität. Belegt wird sie nicht. Die drei am Ende verlinkten Anschlussartikel – über brenzlige Situationen in Siedlinghausen, über eine Aktion gegen Handys in einem Neusser Bad, über 50 Todesfälle in NRW – wiederholen dasselbe Muster. Serienbildung ersetzt den Nachweis. Wer genug gleichlautende Beiträge nebeneinanderstellt, erzeugt den Eindruck einer belegten These.

Dass Unaufmerksamkeit am Wasser gefährlich ist, bestreitet niemand. Nur erklärt sie nicht, warum die Zahlen steigen. Ein erheblicher Teil der Erklärung liegt bei kommunalen Haushalten, geschlossenen Lehrschwimmbecken und Schulen, die Schwimmunterricht mangels Wasserfläche und Personal streichen. Das sind Entscheidungen von Erwachsenen in Ämtern, nicht von Erwachsenen auf Liegewiesen. Sie sind schwerer zu bebildern und deutlich unangenehmer zu adressieren, weil die Verantwortlichen namentlich bekannt sind und in Ratssitzungen sitzen.

Das Handy ist der billigere Schuldige. Es hat keine Pressestelle und keinen Fraktionsvorsitz.

Warum das ausgerechnet hier zählt

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk begründet seinen Auftrag mit Einordnung. Genau das unterscheidet ihn im Regionalen von der Vereinsnachricht im Wochenblatt. Ein Beitrag, der ein zweifelhaftes Präventionskonzept ohne Rückfrage wiedergibt, die Ursachenerzählung der Quelle übernimmt und den strukturellen Kontext auslässt, erfüllt diesen Auftrag nicht. Er produziert Nähe zum Thema und Distanz zur Sache.

Der Aufwand wäre überschaubar gewesen. Ein Anruf bei einem Familienrechtler. Eine Zahl zu den geschlossenen Bädern im Kreis Soest. Ein Satz dazu, dass Aufsichtspflicht nicht auf Fünfjährige übergeht, so gut ein Entenposter auch gemeint ist. Der Text wäre dadurch nicht weniger freundlich zu den beiden Ehrenamtlichen geworden – er wäre nur ehrlicher zu seinen Lesern gewesen.

Der Beitrag beim WDR

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