Es gab Zeiten, da musste man als Schulleiter Elterngespräche führen, deren eigentliches Thema nie ausgesprochen wurde: der Verdacht, Comics seien keine richtigen Bücher. Die Sätze fielen selten direkt, eher in Umwegen – „Liest er denn auch mal was Richtiges?“ oder „Sie wissen schon, das sind ja eigentlich nur Bilder.“ Ein Argument half in solchen Gesprächen zuverlässig: Versuch mal, einen Comic zu verstehen, ohne ihn zu lesen. Die Bilder allein ergeben keine Geschichte. Wer die Sprechblasen überspringt, verliert den Faden – und wer sie liest, muss Bild und Text gleichzeitig verarbeiten, was kognitiv anspruchsvoller ist, als es aussieht. Das Argument saß meistens. Ob es die Haltung dauerhaft änderte, ist eine andere Frage. Wichtiger als jede pädagogische Rangordnung war ohnehin ein einfaches Kriterium: womit auch immer ein Kind das Lesen übte, Hauptsache es tat es.
Was in Elterngesprächen als individuelles Vorurteil auftauchte, lässt sich mittlerweile mit Zahlen belegen – und die Zahlen zeigen, dass es sich nie um ein rein individuelles Problem handelte. Die TAMoLi-Studie hat ermittelt, dass Comics zu den beliebtesten Freizeitlektüren von Schülerinnen und Schülern zählen, insbesondere bei Jungen, im Unterricht aber nur 0,2 Prozent der eingesetzten Texte ausmachen. Diese Diskrepanz ist kein Zufallsprodukt einzelner skeptischer Eltern oder Lehrkräfte, sondern ein strukturelles Muster: ein Medium mit nachgewiesenem Potenzial für die Leseförderung – gerade auch für ungeübte Leser und für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen – bleibt systematisch unterrepräsentiert.
Interessant wird es bei der Frage, warum das so ist. Denn hier zeigt sich ein vertrautes Muster: Eine kollektive, strukturelle Leerstelle wird zur Frage individuellen Engagements umgedeutet. Ob Comics im Unterricht ankommen, hängt nach übereinstimmender Auskunft der befragten Expertinnen und Experten vor allem davon ab, ob einzelne Lehrkräfte sich dafür einsetzen – und ob die Bücher überhaupt finanzierbar sind. Hochwertig produzierte Kinder-Comics kosten heute deutlich mehr als klassische Erstlesebücher, oft ab 15 Euro aufwärts, und müssen für den Einsatz als Klassensatz oder in Schulbibliotheken entsprechend robust sein. Wo Schulen mit knappen Budgets kalkulieren, verlieren Comics gegen die schlichte Rechnung „Wörter pro Euro“ – eine Beschaffungslogik, die kein pädagogisches, sondern ein finanzielles Kriterium ist, aber pädagogisch wirkt.
Auch auf der Ebene der Lehrpläne zeigt sich das gleiche Bild: Wo Comics überhaupt auftauchen, etwa in Bayern oder Berlin, geschieht das als Option, nicht als verbindlicher Bestandteil. Damit bleibt die Entscheidung, ob ein multimodales Medium mit belegtem Nutzen tatsächlich zum Einsatz kommt, an einzelne Schulen und einzelne Lehrkräfte delegiert – während die strukturelle Frage, warum ein evidenzbasiertes Fördermedium bundesweit derart uneinheitlich und unterfinanziert bleibt, unbeantwortet bleibt. Fortbildungsangebote wie die des Berliner Landesinstituts für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung an Schulen sind regelmäßig überbucht – die Nachfrage ist also da. Was fehlt, ist die strukturelle Verankerung, die diese Nachfrage nicht dem Zufall einzelner engagierter Personen überlässt.
Dass Comics längst nicht mehr als Schundliteratur gelten, ist unstrittig – die Regale der Buchhandlungen mit hochwertigen Graphic Novels sprechen für sich, ebenso die wachsende Zahl an Graphic Novels, die sich fächerübergreifend einsetzen lassen, von der Geschichte bis zur Mathematik. Der Weg von der gesellschaftlichen Akzeptanz zur strukturellen Verankerung im Schulsystem ist damit aber noch nicht zurückgelegt. Es bleibt die altbekannte Verschiebung: Was als kollektive bildungspolitische Aufgabe – verbindliche Curricula, auskömmliche Finanzierung, systematische Beschaffung – gelöst werden müsste, wird zur Frage individueller Initiative einzelner Lehrkräfte, einzelner Schulen, einzelner Eltern in Elterngesprächen.
Quelle: Deutsches Schulportal: „Comics: Der letzte Strohhalm, der das Lesen rettet“