Die schuleigenen Hühner der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hünfelden-Dauborn brauchten eine automatische Tür. Schülerinnen und Schüler des hessischen Schulversuchsfachs „Digitale Welt“ lösten das Problem mit einem lichtgesteuerten Schieberegler, der prompt auch auf die Schulhofbeleuchtung reagierte, und einigten sich am Ende auf eine zeitgesteuerte Variante, die sich auf die innere Uhr der Hühner verlässt. Eine hübsche Anekdote – und ein Beleg dafür, dass ein Schulversuch funktionieren kann, wenn niemand ihn bewerten muss.
Genau darin liegt das Problem der Erfolgsgeschichte, die Hessen aus „Digitale Welt“ macht.
Zwei Bedingungen, ein Erfolg
Seit dem Schuljahr 2022/23 läuft das interdisziplinäre Fach als freiwilliger Schulversuch in mittlerweile 80 Schulen. Die vorläufige Evaluation der Goethe-Universität Frankfurt attestiert einen Anstieg der Selbstwirksamkeit – bei Mädchen stärker als bei Jungen –, und der Mädchenanteil am Wahlfach liegt bei ausgeglichenen 48 Prozent. Anja Reul, Referatsleiterin im hessischen Kultusministerium, erklärt sich das mit der Anwendungsorientierung des Fachs: Wer Technik an konkreten Problemen statt an abstrakten Inhalten lernt, überwindet eher die Hemmschwelle.
Das mag zutreffen. Nur beruht der gemessene Erfolg nicht allein auf der Fachkonzeption, sondern auf zwei Rahmenbedingungen, die im Artikel selbst als vorübergehend benannt werden: Es gibt keine Notenbewertung, und die Teilnahme ist freiwillig – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für die unterrichtenden Lehrkräfte. Reul selbst benennt die Freiwilligkeit als Wirkfaktor, wenn sie erklärt, das Fach spreche „auch diejenigen“ an, „die sonst eine Abwehrhaltung haben“. Eine Abwehrhaltung, der man im Zweifel ausweichen kann, weil niemand zur Teilnahme gezwungen ist.
Die Lücke zwischen Enthusiasmus und Fläche
Über 380 Lehrkräfte unterrichten das Fach derzeit, nur die Hälfte davon mit Informatik-Hintergrund, der Rest über Fortbildungen und Selbststudium qualifiziert. Im Ministerium gilt das nicht als Problem, sondern als Beleg dafür, dass „Digitale Welt“ von allen Lehrkräften unterrichtet werden könne. Thilo Hartmann, Vorsitzender der GEW Hessen, widerspricht dem indirekt, ohne dass der Artikel die beiden Aussagen gegeneinander hält: Für einen Modellversuch begeisterte Freiwillige zu finden sei etwas anderes, als alle Schulen in die Lage zu versetzen, das Fach „gut anzubieten“.
Der Unterschied ist keine Randnotiz. Ein Schulversuch mit freiwillig teilnehmenden, überdurchschnittlich engagierten Lehrkräften misst nicht die Tragfähigkeit eines Regelfachs, sondern die Wirkung von Enthusiasmus unter besonders günstigen Bedingungen. Wird daraus ein Pflichtfach mit entsprechendem Stundenbedarf, entfällt die Selbstselektion auf beiden Seiten des Klassenraums – bei den Lehrkräften ebenso wie bei den Schülerinnen und Schülern, die sich derzeit freiwillig für das Fach entscheiden, statt in es hineinversetzt zu werden.
Die Entscheidung, die keine wird
Ob und wann aus dem Schulversuch ein Pflichtfach wird, bleibt im Artikel offen. Reul verweist auf eine für Sommer 2026 erwartete Entscheidung des Kultusministeriums, nach einer weiteren Evaluation. Eine feste Zusage ist das nicht, sondern die vierte Ankündigung eines Prüfschritts seit Versuchsbeginn – Feedbackrunden, Schulbesuche, wissenschaftliche Begleitung, jetzt eine erneute Evaluation. Jede dieser Stufen ist für sich genommen vernünftig. In der Summe verschiebt sich damit auch die unbequeme Frage, was von den gemessenen Erfolgen übrig bleibt, sobald Benotung und Verpflichtung die Bedingungen ersetzen, unter denen sie zustande kamen.
Selbst die Schulleitung der Freiherr-vom-Stein-Schule formuliert diesen Vorbehalt, wenn auch in die andere Richtung gewendet: Sie wünscht sich, dass das Fach notenfrei bleibt, weil Noten „im Bereich Demokratie- und Wertevermittlung eher kontraproduktiv“ seien. Das ist ein Petitum gegen genau die Entwicklung, auf die das Ministerium mit der Prüfung eines Pflichtfachs zusteuert.
Was als Erfolgsmodell für andere Bundesländer gehandelt wird, ist damit vor allem eines: ein Beleg dafür, dass ein bestimmtes pädagogisches Setting unter bestimmten Bedingungen funktioniert. Ob es diese Bedingungen überlebt, ist eine andere Frage – und eine, die sich mit jeder weiteren Ankündigung einer künftigen Evaluation etwas leichter aufschieben lässt.