Man stelle sich ein Foto vor: mehrere Töpfe nebeneinander, manche bis zum Rand gefüllt, manche restlos ausgewrungen. Genau dieses Bild entsteht, wenn man die Haushaltsdebatten der vergangenen Wochen nebeneinanderlegt. Während eine Expertenkommission zur Schuldenbremse an drei konkurrierenden Sparkonzepten scheitert und Kürzungen bei Elterngeld, Krankengeld und kommunaler Infrastruktur diskutiert werden, füllen einzelne Ministerien im selben Zeitraum ganz andere Töpfe – ohne vergleichbaren öffentlichen Rechtfertigungsdruck.
Dabei sind die Ministerien selbst alles andere als unterbesetzt. Für 2026 veranschlagt der Bundeshaushalt rund 304.784 Stellen in der Bundesverwaltung, davon knapp 205.000 Beamtenstellen – mit Personalkosten von rund 46,19 Milliarden Euro, ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber 2024.4 Allein in den Ministerien selbst arbeiten nach Angaben des Bundes der Steuerzahler mehr als 30.000 Mitarbeiter, mit einem überproportionalen Zuwachs in den oberen, gut dotierten Besoldungsgruppen.4 Reiches eigenes Ministerium beschäftigt rund 2.500 Mitarbeiter.1
Vor diesem Hintergrund wirkt die Begründung für externe Beratung ungewöhnlich: Das Bundeswirtschaftsministerium beschäftigt seit Februar 2026 zwei Kommunikationsagenturen, Scholz & Friends und FGS Global, mit einem Volumen von bis zu 2.217.600 Euro netto pro Jahr. Bei voller Ausschöpfung der möglichen Vertragsverlängerungen über vier Jahre ergäbe das rund 8,8 Millionen Euro netto – trotz eines mehrere tausend Köpfe zählenden, mit eigener Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ausgestatteten Hauses.1 Noch deutlicher zeigt sich das Muster beim Gesundheitsministerium: Dort laufen zwei Rahmenverträge mit einem geschätzten Gesamtvolumen von rund 20 Millionen Euro für Online- und Öffentlichkeitskommunikation – mehr als im Wirtschaftsministerium.1 Das Bundesfinanzministerium wiederum sucht für 2026 und 2027 ein eigenes Foto- und Videoteam, veranschlagt mit rund 620.000 Euro brutto, einsatzbereit auch international und kurzfristig.2
Diese Zahlen stehen neben den kleineren, aber symbolisch aufgeladenen Posten für Visagisten und Friseure, die zuletzt öffentlich diskutiert wurden.3 Deren Höhe ist überschaubar. Ihre eigentliche Funktion liegt woanders: Sie lenken den Blick auf das äußere Erscheinungsbild einzelner Personen, während die strukturell relevanteren Beträge – zweistellige Millionensummen für Kommunikationsberatung – kaum vergleichbare Aufmerksamkeit finden.
Der Kontrast zur Schuldenbremsen-Kommission liegt genau hier. Eine Expertengruppe wird eingesetzt, um über Sparzwänge im mittleren einstelligen Prozentbereich des Bruttoinlandsprodukts zu verhandeln, und scheitert an der Verteilung – während parallel Ressorts ohne öffentliche Kommissionsarbeit, ohne Konsensfindung und ohne vergleichbare mediale Kontrolle über Kommunikationsetats in zweistelliger Millionenhöhe verfügen. Wo genau der Sparzwang ansetzt, ist offenbar keine Frage der Haushaltslage, sondern eine politische Entscheidung darüber, welche Töpfe befüllt und welche geleert werden.
Die leeren Töpfe sind bekannt: die Elterngeld-Kürzungen, die Debatte um Krankengeld und Langzeiterkrankte, die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen. Sie werden regelmäßig mit fehlendem Spielraum begründet. Die vollen Töpfe – PR-Etats, Beraterverträge, Repräsentationskosten – unterliegen offenbar einer anderen Logik, in der „begrenzte personelle Kapazitäten“ als Begründung ausreicht, um Millionenbeträge zu bewilligen, während an anderer Stelle jeder Euro verteidigt werden muss.
Diese Ausgaben erklären keinen Wahlausgang. Aber sie liefern der Erzählung, mit der die AfD wirbt, ihre Beweisstücke selbst, kostenlos und regelmäßig: dass sich „die da oben“ bedienen, während unten gespart werden soll. Das Problem ist nicht, dass diese Erzählung übertrieben wäre. Das Problem ist, dass sie an dieser Stelle zutrifft – eine Kommission zerbricht an der Frage, ob 0,35 oder 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an struktureller Neuverschuldung vertretbar sind, während ein einzelnes Ministerium mit 2.500 Beschäftigten sich zusätzlich 8,8 Millionen Euro PR-Beratung genehmigt. Wer sich darüber wundert, dass ihm beim nächsten Sparappell niemand mehr glaubt, muss nicht bei den Wählern suchen.
Zum vollständigen Bild gehören weitere Töpfe, die hier nur benannt, nicht im Einzelnen durchgerechnet werden sollen:
- Kerosinsteuerbefreiung im Flugverkehr
- Dienstwagenprivileg
- Zweckentfremdung von Mitteln aus dem Umwelt- und Klimatopf
- Informationsfreiheitsgesetz (IFG) – strukturelle Verzögerung und Verweigerung von Auskünften
1) Frankfurter Rundschau via Werra-Rundschau: „Wie viel die Bundesministerien für externe Beratung und PR ausgeben – Reiche vergibt Millionen-Auftrag“, werra-rundschau.de
2) Business Insider: „19.264,76 Euro fürs Styling? Diese Regierungsmitglieder geben am meisten aus“, businessinsider.de
3) t-online: „So viel Geld gibt das Kabinett für Friseure aus – dieses Ministerium führt das Ranking an“, t-online.de
4) INSM Ökonomenblog: „Mehr Staat, mehr Kosten: Wie die Bundesverwaltung trotz Versprechen weiter wächst“, insm.de