Rheinufer Köln: Rücksicht-Kampagne statt Radweg

Anfang Oktober hat die Stadt Köln auf der Rheinuferpromenade die zweite Welle ihrer Kampagne „Rücksicht schenkt Dir ein Lächeln“ vorgestellt. Mobilitätsdezernent Ascan Egerer und die Fußverkehrsbeauftragte Britta Buch brachten mit Schablonen und Sprühkreide Botschaften auf den Boden, an einem Glücksrad gab es Jutebeutel für richtig gedeutete Verkehrszeichen (Kölner Stadt-Anzeiger). Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Er sagt nur etwas anderes, als die Stadt damit sagen will.

Eine Fläche, zwei Verkehrsarten

Die Promenade ist Fußgängerzone und für den Radverkehr freigegeben. Durch Köln führt zudem der Rheinradweg, als EuroVelo 15 mit eigenen Wegweisern ausgeschildert und von den Schweizer Alpen bis zur Nordsee angelegt (EuroVelo). Die Stadt selbst nennt sie einen exemplarischen Ort, weil sich Fußgänger und Radfahrer dort dieselbe Fläche teilen müssen. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei in Köln 166 Unfälle mit Personenschaden zwischen Rad- und Fußverkehr; nach ihrer Darstellung halten sich die Verursacher beider Seiten die Waage. Wenn sich die Schuld so gleichmäßig verteilt, liegt der Verdacht nahe, dass die Ursache nicht bei den Beteiligten liegt, sondern in der Anordnung.

Ein Appell zur Rücksicht setzt voraus, dass der Konflikt aus mangelnder Rücksicht entsteht. Auf einer Fläche, die für zwei Ströme zu knapp ist, entsteht er aus Geometrie. Freundlichkeit hilft dort bis zur nächsten Engstelle.

Die Alternative liegt nebenan und war schon einmal da

Parallel zur Promenade verläuft die Rheinuferstraße. Auf dem Abschnitt „Am Leystapel“ gibt es in Fahrtrichtung Norden drei Fahrspuren; die rechte war seit der Sanierung der Promenade dem Radverkehr überlassen. Schon die Untersuchungen zur Planung von 2019 kamen laut Stadt zu dem Ergebnis, dass der Verkehr dort auch mit zwei Spuren ohne Einschränkungen und ohne Ausweichverkehr in umliegende Straßen abgewickelt werden kann (Stadt Köln, 2019).

Im August 2025 legte die Verwaltung eine Vorlage vor: Das Provisorium sollte durch einen bis zu fünf Meter breiten Zweirichtungsradweg ersetzt werden, Kosten rund 1,6 Millionen Euro, Bauzeit etwa drei Monate. Die Konflikte auf der Promenade wären damit nach Darstellung der Stadt dauerhaft gelöst (Stadt Köln, August 2025). Die Vorlage wurde in der letzten Ratssitzung vor der Kommunalwahl nicht behandelt. Am 6. November 2025 baute die Stadt das Provisorium zurück und verwies auf die Haushaltslage: Die laufenden Kosten seien nicht tragbar. Zugleich hielt sie fest, die provisorische Führung habe gezeigt, dass ein breiter Zweirichtungsradweg dort verkehrlich gut funktioniere (Stadt Köln, November 2025).

Seitdem teilen sich Fußgänger und Radfahrer das Ufer wieder. Im Juni 2026 meldete die Stadt, die Planungen seien abgeschlossen; die Vorlage soll in die Gremien, danach entscheidet der Rat. Künftig soll der Radweg auch durch den Rheinufertunnel führen können, dafür seien nach Auskunft eines Stadtsprechers noch zahlreiche verkehrstechnische, tunneltechnische und genehmigungsrechtliche Punkte zu klären (t-online, Juni 2026). Ob der Rat inzwischen entschieden hat, war aus den veröffentlichten Meldungen nicht zu entnehmen.

Die Stadt hat die bauliche Lösung also geplant, erprobt, für funktionsfähig befunden und aus Haushaltsgründen wieder entfernt. Am selben Ufer kommen nun Kreide und Schablonen zum Einsatz. Beide Instrumente haben Vorzüge; der der Kreide besteht darin, dass sie gegenüber 1,6 Millionen Euro Baukosten im Vorteil liegt. Beauftragt hatte die Kampagne der Mobilitätsausschuss des Stadtrats im vorigen Jahr, also in dem Jahr, in dem die Vorlage zum Radweg unbehandelt blieb.

Was die Studie nahelegt

Die Kampagne beruft sich auf die im August veröffentlichte Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Danach haben sich nahezu alle 23 erhobenen Werte für aggressives Verhalten seit 2023 weiter verschlechtert, der Trend besteht seit etwa zehn Jahren (ZDFheute). Laut dpa räumen 47 Prozent der Befragten ein, mitunter zu drängeln; knapp ein Drittel schert nach dem Überholen so dicht ein, dass der andere bremsen muss, 2023 war es knapp ein Viertel (dpa über Volksstimme).

Die UDV selbst spricht sich unter anderem für schärfere Kontrollen und Sanktionen aus. Schon die Überschrift ihrer Medieninformation fasst den Befund zur Selbstwahrnehmung zusammen: „Schuld sind immer die anderen“ (UDV, 17.08.2026). Ein Appell an die Rücksicht trifft damit auf ein Publikum, das sie bei sich selbst bereits vermutet.

Kontrolle ist eine Zuständigkeitsfrage

Die Kampagne richtet sich nach Angaben der Stadt an alle Verkehrsteilnehmer, auch an Autofahrer, und läuft über soziale Medien, Anzeigetafeln, Plakate und Flyer (Stadt Köln). Wo sich Auto und Rad auf der Fahrbahn begegnen, geht es um Geschwindigkeit und Überholabstand, der innerorts nach der Straßenverkehrsordnung mindestens 1,5 Meter beträgt.

Die Überwachung ist geteilt: Das Ordnungsamt darf Geschwindigkeiten nach einem Erlass des NRW-Innenministeriums nur an Gefahrenstellen messen, anders als die Polizei (Stadt Köln). Zahlen zur Kontrolldichte beim Überholabstand in Köln sind öffentlich nicht auffindbar. Das beweist keine Untätigkeit. Es heißt aber, dass sich die Wirkung eines Appells an keiner Zahl messen lässt.

Eine Frage der Instrumentenwahl

Eine Kampagne kommt ohne Umbau, ohne Entscheidung über Fahrstreifen und ohne Tunnelgenehmigung aus. Sie ist deshalb das Instrument der Wahl, wenn die Alternativen politisch oder finanziell nicht zur Verfügung stehen. Dass die Aggressivität im Straßenverkehr seit mehr als zehn Jahren zunimmt, spricht nicht gegen Kampagnen. Es spricht dagegen, sie für eine Antwort zu halten.

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