Leuchtturmschule Bertha: Was der Schulpreis-Artikel der ZEIT verschweigt

In ihrer Ausgabe 42/2026 fragt die ZEIT, ob eine hessische Brennpunktschule die Lösung für die Bildungskrise gefunden habe. Anlass ist der Hauptpreis des Deutschen Schulpreises 2026 für die Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf, dotiert mit 100.000 Euro. Der Text liefert fünf „Lösungen“: Ruhe und Regeln, jedes Kind zählt, mehr lernen, Lehrer dürfen experimentieren, nicht alles hängt an der Leitung. Dass an dieser Schule viel Arbeit steckt und manches plausibel klingt, ist unbestritten. Fraglich ist, was daraus für andere Schulen folgt und was der Artikel dafür tatsächlich belegt.

Zwei Zahlen und eine Erfolgsgeschichte

Der Beleg für den Erfolg besteht im Kern aus zwei Angaben: Nur rund 15 Prozent der Fünftklässler kommen mit Gymnasialempfehlung, im Jahrgang 2025/26 erreichten rund 40 Prozent das Abitur. Das sind zwei Momentaufnahmen, keine Kohortenverfolgung. Offen bleibt, wer unterwegs dazukam oder die Schule verließ, wie die Abiturnoten ausfielen und wie vergleichbare Schulen abschneiden. Abitur ist zudem nicht gleichbedeutend mit Lernzuwachs.

Hinzu kommt, dass sich die veröffentlichten Zahlen nicht ohne Weiteres decken. Das ZDF gibt ein Mitglied des Schulleitungsteams mit der Angabe wieder, 66 Prozent der Schüler ohne Gymnasialempfehlung schafften am Ende das Abitur. Kämen, wie die ZEIT schreibt, grob 85 Prozent ohne Empfehlung, ergäbe das mehr als die Hälfte eines Jahrgangs, nicht 40 Prozent. Vermutlich liegen unterschiedliche Bezugsgrößen zugrunde, etwa andere Jahrgänge oder andere Abschlussarten. Die Texte sagen es nicht.

Die Voraussetzungen: eine einseitige Bilanz

Die schwierige Ausgangslage wird ausführlich beschrieben. Nach der ZEIT haben rund 70 Prozent der Schüler eine Migrationsgeschichte, laut ZDF spricht nur ein Drittel zu Hause Deutsch als Erstsprache, und News4teachers nennt unter Berufung auf das Deutsche Schulportal 86 Prozent in schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen. Die Bedingungen auf der anderen Seite der Bilanz kommen weniger vor.

Die Schule nimmt am Startchancen-Programm teil, was die GEW und das ZDF erwähnen. Im Text der ZEIT (Komplettansicht) kommt das Programm nicht vor. Was es an Geld und Personal bedeutet, lässt sich öffentlich nicht ermitteln: Hessen legte die Liste der Startchancen-Schulen erst nach einer Anfrage von CORRECTIV offen, und wie viele zusätzliche Landesmittel für das Programm insgesamt fließen, ist laut CORRECTIV unklar.

Auch die „250 Lehrkräfte“ sind eine Kopfzahl, keine Stellenzahl. Wie viele davon in Teilzeit arbeiten, geht aus den Berichten nicht hervor. Die Redaktion von News4teachers hält in einer Antwort im Kommentarbereich einen Ausstattungsvorteil für unbelegt und verweist auf die Selbstständigkeit der Schule: Sie verwaltet ein eigenes Budget einschließlich freier Personalmittel, ein Status, den in Hessen jede Schule beantragen könne. Zugleich räumt die Redaktion ein, die Schule sei flexibler aufgestellt als andere. Belegt ist damit weder ein Personalvorteil noch dessen Fehlen, wohl aber ein größerer Handlungsspielraum.

Dazu kommen Größe und Vorlauf. Das Hausleitungssystem, sechs Häuser mit je zwei leitenden Lehrkräften, setzt eine Schulgröße voraus, die die meisten Schulen nicht haben. Zwanzig Jahre dauerte der Umbau. Die Schulleiterin wählt Lehrkräfte nach „Haltung“ statt nach Examensnote; ob andere Schulleitungen diesen Spielraum haben, dürfte weniger vom guten Willen als von den jeweiligen Landesregeln abhängen. Und schließlich kommen die Preisträger aus einem Pool von Selbstbewerbern: 2023 gingen 85 Bewerbungen ein, 2024 gut 80. Wer sich bewirbt, hat bereits entschieden, sichtbar zu sein.

Zielkonflikte statt Rezept

Die Förderung läuft an der Bertha parallel zum Unterricht, nicht am Nachmittag. Der Artikel stellt das als Vorzug dar. Nach dem ZDF werden Schüler für eine sechswöchige Phase in Kleingruppen aus dem Unterricht herausgenommen. Was sie in dieser Zeit im Regelunterricht verpassen und ob dadurch neue Lücken entstehen, wird nicht erörtert. Die Alternative, die Förderung in die Freizeit zu legen, hat ihre eigenen Kosten, sie benachteiligt Kinder, deren Nachmittage anders verplant sind. Beides kostet etwas. In den Berichten steht nur eine der beiden Rechnungen.

Ähnlich verhält es sich mit Disziplin und Selbststeuerung. Der Text beginnt mit Stille, Aufstellung und straffer Führung am Morgen und lobt später digitale Lernstraßen, in denen jeder Schüler im eigenen Tempo arbeitet und sogar den Zeitpunkt von Klausuren bestimmt, eine Bilanz sei dafür noch zu früh. Laut News4teachers, die sich auf das Deutsche Schulportal stützen, zeigte die interne Evaluation des selbstgesteuerten Lernens an der Schule nach zwei Jahren einen Rückgang der Schülerkompetenzen, woraufhin die Anleitung durch die Lehrkräfte wieder gestärkt wurde. Die Schule hat den Zielkonflikt also selbst erfahren. Im ZEIT-Artikel stehen die beiden Seiten nebeneinander, als wären sie eine Summe.

Auch „Lösung 5“ widerspricht dem Rest. Es heiße, nicht alles hänge an der Leitung, doch der Text erzählt zwanzig Jahre Leitungsgeschichte: Mauer im Lehrerzimmer abgerissen, Kollegium umgebaut, Strukturen gebaut. Das Leuchtturm-Format braucht beides, den Helden und den Systemanspruch. Zusammen gehen sie nicht auf.

Ein Hinweis zur Jury

Der Vollständigkeit halber: Die ZEIT-Verlagsgruppe ist Kooperationspartnerin des Deutschen Schulpreises, der Artikel nennt am Ende ihre Unterstützung. Auf der Website des Preises wird zudem der Geschäftsführer der Verlagsgruppe, Nils von der Kall, unter den rund 50 Jurymitgliedern geführt. Ob er an der Entscheidung über den Hauptpreis 2026 mitwirkte, ist nicht erkennbar. Eine Einflussnahme ist nicht belegt und wird nicht unterstellt. Gleichwohl berichtet hier eine Zeitung über einen Preis, an dem sie beteiligt ist, und dieser Zusammenhang hätte im Text benannt werden können.

Was ein Vorbild leisten kann

Der Deutsche Schulpreis will nach eigener Darstellung das Erfahrungswissen der Schulpraxis in die Breite tragen. Das ist ein legitimer Anspruch. Er funktioniert aber nur, wenn die Bedingungen mitgeliefert werden. Fehlen sie, wird aus dem Beispiel ein Maßstab: Wenn die das schaffen, warum nicht alle? Die Antwort liegt meist in dem, was weggelassen wurde, in Mitteln, Größe, Vorlauf, Spielräumen und der Auswahl derer, die sich zeigen.

Eine Schule, die alles zugleich leistet, gibt es nicht, auch nicht an der Spitze der Preisträgerliste. Leuchttürme zeigen, was unter bestimmten Bedingungen möglich ist. Wie viel Personal, Geld und Vorlauf dafür nötig waren, steht selten auf dem Schild.

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