Noten als Selektionsinstrument – Was das deutsche Notensystem verschweigt

Stellen Sie sich vor, zwei Schüler schreiben dieselbe Arbeit und bekommen beide eine Vier. Der eine hat dafür zwei Stunden gelernt, der andere zwanzig. Die Note ist identisch. Was dahintersteckt, interessiert niemanden.

Das ist kein Einzelfall. Das ist das System.

Noten gelten in Deutschland als das Maß aller Dinge. Eltern freuen sich über die Eins, ärgern sich über die Vier, und Großeltern nicken wissend, wenn sie das Zeugnis in der Hand halten. Es ist eine Zahl. Sie wirkt objektiv. Sie wirkt gerecht. Sie ist es nicht.

Das Notensystem wurde nicht erfunden, um Leistung zu messen. Es wurde erfunden, um zu sortieren. Wer kommt aufs Gymnasium, wer nicht. Wer bekommt den Ausbildungsplatz, wer nicht. Wer darf weitermachen, wer muss abbiegen. Das ist seine eigentliche Funktion – und die erfüllt es bis heute. Selektion, verkleidet als Beurteilung.

Was eine Note nicht sieht: die Anstrengung dahinter. Und genau das ist das Perfide. Ein Kind, das von zu Hause wenig Unterstützung mitbekommt, das vielleicht in beengten Verhältnissen lebt, das Deutsch als Zweitsprache spricht – dieses Kind kann eine Vier schreiben und dafür mehr Kraft aufgewendet haben als ein anderes Kind für seine Eins. Die Note unterscheidet das nicht. Sie sieht nur das Ergebnis.

Ich habe in meiner Zeit als Lehrer und Schulleiter viele solcher Kinder erlebt. Kinder, die nicht aufgegeben hatten, die sich abrackerten, die jeden Tag ankämpften – und die trotzdem schlechte Noten nach Hause brachten. Und ich habe erlebt, wie diese Noten sie langsam kleingemacht haben. Nicht weil sie versagt hatten. Sondern weil das System keinen Platz hat für das, was sie leisteten.

Auf der anderen Seite stehen die Curling-Eltern – ein Begriff, der mich kürzlich nicht mehr losgelassen hat. Eltern, die ihrem Kind jeden Stein aus dem Weg räumen, die beim Lehrer intervenieren, die Nachhilfe organisieren, die Hausaufgaben kontrollieren und im Zweifel selbst machen. Ihr Kind bekommt eine Zwei. Die Familie feiert. Was dabei mitgefeiert wird, ist nicht die Leistung des Kindes. Es ist die Leistung der Eltern.

Das Notensystem macht das möglich. Ja, es macht es unsichtbar.

Ich sage nicht, dass wir gar keine Rückmeldung brauchen. Kinder und Eltern haben ein Recht darauf zu wissen, wo ein Kind steht. Aber eine Zahl zwischen eins und sechs ist keine Rückmeldung – sie ist ein Urteil. Und Urteile ohne Kontext sind meistens ungerecht.

In anderen Ländern wird längst anders gedacht. Portfolios, Entwicklungsberichte, Lerngespräche – Formen der Rückmeldung, die zeigen, wo jemand war, wo er jetzt ist, und was er dafür getan hat. In Deutschland gilt das als weltfremd. Als ob Noten ein Naturgesetz wären und keine Erfindung, die wir jederzeit überdenken könnten.

Das Notensystem ist ein Spiegel, der nur einen Ausschnitt zeigt. Und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir den Ausschnitt für die ganze Wahrheit halten.

Dieses Thema ist eines von vielen, die ich in meinem Buch Das System frisst seine Kinder – Warum die deutsche Schule sich selbst blockiert“ aufgreife. Wenn Sie weiterlesen möchten: Das Buch ist ab sofort bei Amazon erhältlich.

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