Was der Staat wirklich will: Geburtenappelle und der Sanierungsstau an den Schulen

Es vergeht derzeit kaum eine Woche, in der nicht irgendwo gefragt wird, was die Einzelne der Gesellschaft schuldet. Mal ist es die kinderlose Frau, die sich erklären soll. Mal die Mutter, die zu früh wieder arbeitet, oder zu spät. Mal die Familie insgesamt, die zu wenige Kinder in die Welt setzt, um Renten- und Pflegekasse zu füllen. Die Tonlage wechselt, die Adresse bleibt: das Individuum. Und immer schwingt dieselbe leise Erwartung mit, früher sei das alles geordneter gewesen.

Man kann diese Häufung als Zufall lesen. Naheliegender ist, sie als Symptom zu nehmen. Denn die Debatte über Geburtenzahlen, Familie und weibliche Lebensentwürfe folgt einem Muster, das sich an einem einzigen Beweisstück überprüfen lässt — der Schule. Wer wissen will, was eine Gesellschaft von ihrem Nachwuchs hält, schaut nicht auf ihre Sonntagsreden, sondern auf ihre Haushaltstitel. Und dort steht etwas anderes als in den Appellen.

Die offenbarte Präferenz

In der Ökonomie gibt es einen nüchternen Begriff dafür: die offenbarte Präferenz. Was jemand wirklich will, zeigt sich nicht an dem, was er sagt, sondern an dem, was er tut — wofür er Geld ausgibt und wofür nicht. Auf den Staat angewandt ist das Ergebnis eindeutig.

Der Sanierungsstau an deutschen Schulen beläuft sich nach Berechnungen der KfW auf rund 68 Milliarden Euro — der höchste Investitionsrückstand in allen kommunalen Aufgabenfeldern. Gemeint ist damit nicht ein frischer Anstrich, sondern das, was nötig wäre, um marode Gebäude überhaupt wieder in einen sicheren und funktionalen Zustand zu versetzen. Es geht um Asbest und Schimmel, um Fenster, die sich nicht öffnen lassen oder aus dem Rahmen zu fallen drohen, um Turnhallen, die gesperrt sind, und um Klassenräume, die für den Halbtagsbetrieb der sechziger Jahre gebaut wurden und für nichts anderes mehr taugen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen. Ab dem Schuljahr 2026/27 gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulbereich — Schulen müssen also zusätzliche Räume schaffen, die sie nicht haben. Und die Kultusministerkonferenz rechnet bis 2035 mit rund 758.000 zusätzlichen Schülerinnen und Schülern. Die Lücke wird also nicht kleiner, sondern größer.

Das ist die offenbarte Präferenz. Ein Staat, der seine Schulen so aussehen lässt, wie sie aussehen, hat damit gezeigt, welchen Rang die nächste Generation in seiner realen Rangordnung einnimmt. Kein Appell, keine Familienrhetorik, keine demografische Sorgenmiene ändert daran etwas. Die Klos, die nicht funktionieren, sagen die Wahrheit.

Der billige und der teure Weg

Damit lässt sich die Logik des Geburtendiskurses entschlüsseln. Wer als Staat tatsächlich mehr Kinder wollte, hätte einen naheliegenden Hebel: Er würde die Welt bauen, in die hinein man gern Kinder bekommt. Verlässliche Betreuung, intakte Gebäude, ausreichend Personal, Schulen, die nicht nach Mangel aussehen, sondern nach Zukunft. Das wäre die strukturelle Antwort. Sie ist teuer, sie berührt Steuern, Prioritäten und Verteilung, und sie lässt sich nicht in einer Legislaturperiode abräumen.

Der Appell an die Einzelne ist die billige Variante. „Bekommt mehr Kinder“ kostet den Staat nichts. „Baut funktionierende Schulen“ kostet zweiundsechzig Milliarden. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die ganze Differenz zwischen behaupteter und offenbarter Präferenz. Der demografische Notstand wird in eine private Tugendfrage übersetzt, weil die strukturelle Antwort unbequem wäre. Das kollektive Versäumnis — über Jahrzehnte unterlassene Investitionen — wird umadressiert an die Entscheidung der Einzelnen, möglichst an die der Frau.

Es ist dasselbe Verfahren, das sich auch an anderer Stelle beobachten lässt. Wo das Umlagesystem auf Nachwuchs angewiesen ist, den niemand individuell schuldet, wird aus der strukturellen Abhängigkeit eine moralische Bringschuld der kinderlosen Frau konstruiert. Wo zugleich Väter sich der realen, einklagbaren Unterhaltspflicht entziehen, springt der Staat klaglos mit dem Unterhaltsvorschuss ein und holt sich einen Großteil nie zurück. Die Schuldrhetorik wird also dort laut, wo sie sich leicht behaupten lässt, und dort leise, wo sie tatsächlich begründet wäre. Sie individualisiert das Kollektive und kollektiviert das Individuelle — jeweils in die Richtung, die den geringsten Widerstand verspricht.

Vorwärts marschieren, rückwärts gewandt

Bleibt die nostalgische Begleitmusik, die fast alle diese Texte unterlegt: die Andeutung, früher sei das alles besser gewesen. Sie verdient einen genaueren Blick, denn sie ist nicht das, was sie zu sein vorgibt.

Niemand will die fünfziger Jahre wirklich zurück. Niemand fordert ernsthaft das Alleinverdienermodell, die fehlende Erwerbstätigkeit der Frauen oder den Rechtszustand, nach dem eine Ehefrau in Westdeutschland bis 1977 die Erlaubnis ihres Mannes brauchte, um arbeiten zu gehen. Zurückgeholt wird aus diesem Jahrzehnt nur das, was gerade nützlich erscheint: die Reproduktionsnorm, die Familie als demografische Reservearmee, die Frau als Lückenbüßerin für Systeme, die anders nicht mehr tragen. Man nimmt sich aus der Vergangenheit die Pflichten heraus und lässt die Rechte liegen. Das ist kein Konservatismus, sondern eine selektive Restauration — Rosinenpickerei mit nostalgischem Anstrich.

Dass die Sehnsucht überhaupt verfängt, liegt nicht an den realen fünfziger Jahren, die auch das Jahrzehnt der verschwiegenen Kontinuitäten, der engen Moral und der häuslichen Gewalt waren, über die niemand sprach. Sie verfängt, weil das Bild einer geordneten Familienwelt in einer Zeit erodierender Sicherheiten Stabilität verspricht. Aber es ist ein Bild, kein Zustand. „Früher war alles besser“ ist fast immer ein Satz über das Unbehagen mit der Gegenwart, nicht ein Befund über die Vergangenheit. Die eigentliche Bewegung ist deshalb keine Rückkehr, sondern eine Vorwärtsbewegung, die sich als Rückkehr tarnt — um in der Gegenwart die unbequemen Verteilungs- und Strukturfragen zu vermeiden.

Was bliebe zu tun

Die Frage, was die Einzelne der Gesellschaft schuldet, ist falsch gestellt. Sie lenkt von der Frage ab, die sich beantworten ließe: Was tut die Gesellschaft für die, die schon da sind? Eine Gesellschaft, die ihre Schulen verfallen lässt und zugleich an die Geburtenfreude appelliert, fordert etwas ein, das sie selbst verweigert. Sie verlangt Investitionen in die Zukunft von jungen Erwachsenen, während sie die eigene unterlässt.

Der Lackmustest ist einfach und er wurde bereits formuliert: Wer mehr Kinder wollte, würde mehr für sie tun. Dann sähen Schulen aus, wie sie es verdienen. Dass sie es nicht tun, ist die ehrlichste Auskunft, die der Staat über seine Prioritäten gibt. Alles Übrige ist Rhetorik — und die Rhetorik adressiert die Falschen.

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