Hitzetote, Kanzlerschweigen und die Wahrheiten der 90er

Zwölftausendfünfhundert Hitzetote hat das Robert Koch-Institut für das laufende Jahr errechnet – eine Zahl, die selbst Fachleute für zu niedrig halten, weil Hitze auf deutschen Totenscheinen als Todesursache schlicht nicht vorgesehen ist. Am 12. Juli, mitten in einer Woche mit geschätzt 7.900 Hitzetoten, saß Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner Frau in der Royal Box von Wimbledon. Es ist ein Bild, das für sich genommen schon viel erzählt – aber es erzählt nicht die ganze Geschichte, wie ein Bericht der Frankfurter Rundschau zeigt.

Die Versenkung des Kanzlers

Denn das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Sommer ist nicht der eine Auftritt in der Loge, sondern das, was danach kommt: nichts. Kein Krisengipfel, keine Kabinettssitzung mit Sondercharakter, keine Ansprache. Der Kanzler, der sich gern als Mann der klaren Kante inszeniert, taucht ab – erst in den Sommerurlaub, dann in ein Schweigen, das sich nahtlos fortsetzt. Verantwortung wird in diesem Land traditionell dort sichtbar, wo jemand sie öffentlich übernimmt. Merz entzieht sich dieser Sichtbarkeit, indem er sie gar nicht erst herstellt. Wer nicht auftritt, kann auch nicht gefragt werden. Das ist keine Untätigkeit im klassischen Sinn, sondern eine Form der aktiven Unauffindbarkeit – und sie funktioniert bislang erstaunlich gut, weil eine Öffentlichkeit, die selbst im Hitzestau steht, offenbar zu erschöpft ist, um nachzuhaken.

Ein Erfassungsproblem mit System

Das strukturelle Muster dahinter ist vertraut: Was nicht gezählt wird, wird nicht bekämpft. Weil Hitze in der Todesursachenstatistik nicht auftaucht, bleibt das Ausmaß der Katastrophe amtlich unsichtbar – Organversagen, Nierenversagen, Kreislaufkollaps stehen auf dem Papier, der eigentliche Auslöser fehlt. Patientenschützer fordern seit Jahren, das zu ändern. Passiert ist wenig. Das ist die vertraute Volte: Ein politisches Versäumnis wird so lange in Einzelfälle zerlegt, bis aus einer Verantwortungsfrage eine Serie tragischer Einzelschicksale wird, für die niemand mehr zuständig ist.

Drei Namen, ein Muster

Diesmal lassen sich die Verantwortlichen allerdings benennen, und das lohnt sich. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bremst die Energiewende, die für Klimaanpassung und langfristige Kühlung der Infrastruktur unverzichtbar wäre, mit spürbarer Verlässlichkeit aus. Der neue Verkehrsminister Steffen Bilger, seit Ende Juli im Amt, ist keine unbeschriebene Persönlichkeit: Von 2018 bis 2021 diente er als Parlamentarischer Staatssekretär unter Andreas Scheuer – jener Ära, in der die Verkehrspolitik ihre Gegenwart im Autobahnausbau und ihre Zukunftsvorstellung in der Vergangenheit suchte. Dass ausgerechnet er nun zurückkehrt, um Verkehrswende und Klimaanpassung zu gestalten, ist weniger ein Neuanfang als eine Fortschreibung. Die „Wahrheiten“ der 90er – Wachstum vor Anpassung, Beton vor Begrünung, Tempo vor Rücksicht – haben in ihm einen Verwalter gefunden, keinen Kritiker.

Und über beiden steht der Kanzler, der Reiche gewähren lässt und Bilger installiert hat, ohne dass mit dem Wechsel im Ministerium eine inhaltliche Kurskorrektur verbunden gewesen wäre. Drei Ressorts, ein gemeinsamer Nenner: Klimaanpassung wird nicht verhindert, indem man sie ablehnt, sondern indem man sie verwaltet, verschiebt und verschweigt.

Der Vergleich, der schmerzt

Zwölftausendfünfhundert Tote entsprechen etwa der Einwohnerzahl einer Kleinstadt. Bei der Ahrtal-Flut starben 2021 135 Menschen – die Sondersitzungen folgten prompt, die nationale Betroffenheit war real. Der Unterschied liegt nicht in der Zahl der Toten, sondern in der Dramaturgie des Sterbens: Eine Flut ist laut, sichtbar, medientauglich. Hitzetod ist leise. Er passiert in überhitzten Pflegeheimzimmern, nachts, ohne Bilder. Und eine Politik, die sich an Bildern orientiert, reagiert auf das, was sie sieht – nicht auf das, was tatsächlich geschieht.

Schreibe einen Kommentar