Fit for life: Wie NRW Bildungsversäumnisse per App outsourct

Schulministerin Dorothee Feller hat am Donnerstag eine App vorgestellt. Genauer: Sie hat ein „Memorandum of Understanding“ mit einem Berliner Startup unterzeichnet, dessen App Ehrenamtliche und Schulklassen nach dem Prinzip einer Taxi-App zusammenbringt. Der WDR berichtet darüber wie eine gute Nachricht. Es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Was hier eigentlich passiert

„Fit for life“ schickt Berufstätige aus Unternehmen und Handwerksbetrieben in Schulen, damit sie Jugendlichen erzählen, wie man einen Versicherungsvertrag abschließt oder eine Waschmaschine bedient. Das klingt sympathisch und ist es im Einzelfall vermutlich auch. Die Frage ist nur, warum eine öffentliche Schule diese Inhalte nicht selbst vermittelt – und warum das jetzt als bildungspolitische Innovation verkauft wird.

Die Antwort liegt im Strukturmuster, das sich durch nahezu jede Reform der vergangenen Monate zieht: Ein kollektives, institutionelles Versäumnis – hier ein Lehrplan, der Alltagskompetenz und Finanzbildung seit Jahrzehnten stiefmütterlich behandelt – wird nicht als solches benannt und behoben, sondern in individuelle Gutwilligkeit ausgelagert. Nicht das Ministerium schließt die Lücke, sondern 5.400 Ehrenamtliche, die sich in einer App registrieren. Das Ministerium moderiert nur noch.

Der Lückenfüller-Passus

Bemerkenswert ist ein Satz, der im WDR-Beitrag beiläufig fällt: LifeTeachUs wirbt auf der eigenen Homepage damit, dass Schulen mit den „Life Teachers“ auch ausfallende Unterrichtsstunden füllen können. Damit ist das Programm kein Zusatzangebot mehr, sondern eine Antwort auf Lehrermangel und Unterrichtsausfall – mit fachfremden Laien, die zwar ein Führungszeugnis und ein selbst eingereichtes „Konzept“ vorlegen müssen, aber keine pädagogische Ausbildung. Ein strukturelles Personalproblem wird so kaschiert, nicht gelöst. Wer das für Zynismus hält, hat es wahrscheinlich richtig verstanden.

Wer bezahlt, und was das bedeutet

Für das Schulministerium sei das Ganze kostenlos, betont Feller. Finanziert wird die Bildungsinitiative über private Spenden und Stiftungen – genannt werden unter anderem die Deutsche Bahn, TÜV Süd und die Fritz-Henkel-Stiftung. Das ist keine neutrale Randnotiz. Wenn Konzerne die Infrastruktur für „Alltagswissen“ in Klassenzimmern finanzieren, stellt sich die Frage, wer als Experte auftritt, welche Themen priorisiert werden und welche nicht. Bei einem Themenfeld wie „Versicherungsvertrag abschließen“ ist die Nähe zu Finanzprodukt-Interessen keine abwegige Überlegung. Eine curriculare Kontrollinstanz, die das prüft, existiert laut Beitrag nicht – nur das Matching-Verfahren der App selbst.

Man muss sich das konkret vorstellen: Ein Versicherungsvertreter, der sich bei LifeTeachUs registriert, bekommt Zugang zu einem Klassenraum voller Jugendlicher kurz vor ihrem ersten eigenen Vertrag – Vollkasko, Hausrat, Berufsunfähigkeit. Für ihn ist das kein Ehrenamt, sondern Kundenakquise mit Ministeriums-Gütesiegel, noch dazu in einem geschützten Raum, in dem die sonst üblichen Distanzregeln zwischen Werbung und Publikum nicht gelten. Geprüft wird laut Programm ein Führungszeugnis und ein selbst eingereichtes „Konzept“ – nicht, ob der Auftritt in der Sache Produktwerbung ist. Das „Zubrot“ liegt nicht im Honorar, das es nicht gibt, sondern im direkten, unbeaufsichtigten Zugang zu einer Zielgruppe, die anderswo teuer erkauft werden müsste.

Diese Verschiebung – von staatlicher, überprüfbarer Lehrplanhoheit zu privat finanziertem, App-vermitteltem Ehrenamt – ist genau der Mechanismus, den auch die Analyse in „Das System frisst seine Kinder“ beschreibt: Institutionen entziehen sich der Verantwortung für strukturelle Defizite, indem sie deren Lösung an Einzelne delegieren, ob nun an Eltern, Lehrkräfte oder eben an Handwerksmeister mit gutem Willen.

Und der WDR?

Der eigentliche Anlass für diesen Text ist weniger das Programm selbst als die Berichterstattung darüber. Der WDR-Beitrag übernimmt die Sprache der Pressekonferenz nahezu unkommentiert: „kostenlos“, „ehrenamtlich“, „landesweit ausgerollt“. Die Finanzierungsstruktur wird erwähnt, aber nicht eingeordnet. Der Unterrichtsausfall-Passus wird zitiert, aber nicht als das benannt, was er ist – ein Substitut für fehlendes Lehrpersonal. Keine Nachfrage danach, wer bei 5.400 registrierten Fachleuten die inhaltliche Qualität sichert. Keine Nachfrage an die Sponsoren, warum sie investieren. Der Beitrag liest sich streckenweise wie eine redaktionell bearbeitete Pressemitteilung, nicht wie Journalismus, der eine öffentlich finanzierte Institution kritisch begleitet.

Das ist der eigentliche Befund: Nicht nur das Ministerium individualisiert ein kollektives Versäumnis. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, dessen Aufgabe es wäre, genau das sichtbar zu machen, trägt die Rahmung unwidersprochen weiter.

Quelle: WDR: Neues Schülerprogramm – Lebenserfahrung und Alltagswissen kostenlos, Land.NRW: Pressemitteilung zum Start von „Fit for life“, IHK Nord Westfalen: Praxis-Plus im Unterricht

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