Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger ein Stück Politiktheater in drei Akten aufgeführt – die ZEIT fasst es zusammen. Die Botschaft: In Deutschland wird zu wenig gearbeitet, Frühverrentungsprogramme gehören gestoppt, und ein Blick nach China zeigt, wohin die Reise gehen müsse. Lohnt sich, das Stück genauer anzuschauen.
Akt 1: Der Statistik-Trick
1.337 Stunden Deutschland gegen 2.000 Stunden China – die Zahl wirkt drastisch und soll es auch. Sie verschweigt aber, was sie misst: einen Durchschnitt über alle Erwerbstätigen, vom 40-Stunden-Maschinenbauer bis zur Halbtagskraft im Einzelhandel. Deutschland hat im EU-Vergleich einen der höchsten Teilzeitanteile – getragen vor allem von Frauen, oft unfreiwillig, weil Kinderbetreuung und Pflege weiterhin als Privatangelegenheit organisiert sind.
Schaut man auf die Vollzeitkräfte allein, schrumpft das deutsche „Faulheits“-Problem in Sekundenschnelle. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten deutsche Vollzeitkräfte 2024 im Schnitt 40,2 Wochenstunden – der EU-Schnitt lag bei 40,3. Und sogar das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hält fest, dass in Deutschland rund 77 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter erwerbstätig sind – im OECD-Schnitt nur 69 Prozent. Es arbeiten also mehr Menschen, dafür im Schnitt etwas kürzer. Das ist eine ökonomische und gesellschaftliche Entscheidung, kein Defizit.
Bleibt die Frage, ob ausgerechnet China das Vorbild sein soll. Das Land, in dem „996″ – von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends, sechs Tage die Woche – jahrelang als Normalarbeitszeit der Tech-Branche galt, bevor selbst die chinesische Regierung Mühe hatte, die Folgen zu kaschieren. Wer diesen Vergleich offen zieht, sollte ihn auch zu Ende ziehen.
Akt 2: Vom Umgang mit dem Wort „Frühverrentung“
„Frühverrentungsprogramme stoppen“ klingt nach Bekämpfung eines Privilegs. Tatsächlich gemeint ist vor allem die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte – umgangssprachlich „Rente mit 63″. Faktisch ist sie längst die Rente mit 64 Jahren und 6 Monaten, und sie wird, wie die Bundesregierung selbst informiert, schrittweise bis 2029 auf 65 angehoben.
Voraussetzung: 45 Beitragsjahre. Übersetzt heißt das: Wer mit 65 abschlagsfrei in Rente will, muss mit spätestens 20 in den Beruf eingestiegen sein und nahezu durchgehend gearbeitet haben. Das ist nicht der Akademiker, der nach dem Studium mit 28 in den ersten Job kommt. Das ist die Krankenschwester, der Dachdecker, die Friseurin, der Maurer. Es sind die Menschen, deren Knie, Rücken und Schultern lange vor 67 ihre Quittung schicken.
Rund 270.000 Menschen sind 2025 über diesen Weg in Rente gegangen. Sie haben Jahrzehnte eingezahlt und sich – ganz im Sinne des Generationenvertrags – ihre Frühverrentung nicht erschlichen, sondern erarbeitet. Wer das beenden will, sollte den Vorgang wenigstens beim Namen nennen: Es ginge um die Verlängerung körperlicher Arbeit über die biologische Belastungsgrenze hinaus.
Akt 3: Die ehrliche Stelle
Versteckt in der Mitte des Interviews steht der interessanteste Satz. Das leichte Wirtschaftswachstum, mit dem Reiches eigenes Ministerium für dieses und nächstes Jahr rechnet, sei „im Wesentlichen staatlich induziertes Wachstum“ – also Sondervermögen, also Kredit, also Politik. Eine bemerkenswert offene Diagnose: Die Wirtschaft trägt sich gerade nicht selbst.
Die Therapie, die folgt, hat mit dieser Diagnose allerdings nichts zu tun. Körperschaftsteuer früher senken, Einkommensteuer reformieren, Frührente einschränken, Aktivrente ausbauen – das ist die Standardapotheke der Angebotsökonomie, unabhängig vom Befund. Wenn das Problem fehlende Eigendynamik ist, dann liegt sie kaum an überlasteten Mittelständlern, die nur darauf warten, dass die Körperschaftsteuer um zwei Punkte fällt. Sie liegt eher an einer schwachen Binnennachfrage, an einem zaudernden Investitionsklima, an Infrastruktur, die schneller verfällt als sie repariert wird, und an einer Industriepolitik, die viel verspricht und wenig liefert.
Was übrig bleibt
Reiche benennt ein reales Problem – das deutsche Arbeitsvolumen ist im internationalen Vergleich tatsächlich nicht hoch. Aber sie umgeht konsequent dessen Ursachen: Kinderbetreuung, Pflegeinfrastruktur, eine Steuersystematik, die Zweitverdiener bestraft, ein Arbeitsmarkt, in dem ältere Beschäftigte oft nicht gehen, sondern gegangen werden. Stattdessen wird der Vorschlag aufs Personal an der Basis verschoben: länger arbeiten, später in Rente, China als Folie.
Es ist ein Reflex mit Tradition. Wenn die Eigendynamik fehlt, soll geschoben werden – und zwar von unten.