Am 1. Juni 2026 haben die Hamburgerinnen und Hamburger zum zweiten Mal nach 2015 Nein gesagt: 54,9 Prozent gegen eine Olympiabewerbung, 45,1 Prozent dafür, bei einer Wahlbeteiligung von 49,5 Prozent. Damit ist die Hansestadt raus aus dem nationalen Rennen, in dem neben München und Berlin nur noch eine Region übrig bleibt – die mit Köln an der Spitze. Und ausgerechnet dieses Votum sollte uns in Nordrhein-Westfalen nachdenklich machen, statt uns auf die Schulter zu klopfen.
Denn schaut man genauer hin, ist das Hamburger Nein demokratisch besser legitimiert als das nordrhein-westfälische Ja. In Hamburg gingen knapp die Hälfte der rund 1,3 Millionen Stimmberechtigten zur Urne. In NRW lag die Beteiligung am Ratsbürgerentscheid vom 20. April bei mageren 32,9 Prozent. Ministerpräsident Hendrik Wüst nannte diese Zahl damals eine „herausragende Zahl“. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Wenn zwei von drei Berechtigten gar nicht erst abstimmen, ist das aus Wüsts Sicht ein Erfolg.
Die 66 Prozent, die keine 66 Prozent sind
Der Deutsche Olympische Sportbund vermeldete für „KölnRheinRuhr“ ein kumuliertes Ja von 66 Prozent über alle 17 beteiligten Kommunen. Das klingt nach einem Erdrutsch. Rechnet man die Beteiligung gegen, sieht es anders aus: 66 Prozent von 32,9 Prozent bedeutet, dass rund jede fünfte stimmberechtigte Person tatsächlich aktiv Ja gesagt hat. Die übrigen vier Fünftel haben Nein gesagt, gar nicht abgestimmt oder sich enthalten. Eine Mehrheit der Bevölkerung steht hinter dieser Bewerbung also nicht – es steht eine mobilisierte Minderheit dahinter, deren Votum durch ein niedriges Quorum gültig wurde.
Besonders aufschlussreich ist die Leading City selbst. In Köln, dem Herzstück der Bewerbung, fiel das Ja mit 57 Prozent am knappsten aus – das schwächste Ergebnis aller beteiligten Städte. Die Beteiligung lag hier zwar mit rund 40,5 Prozent über dem Landesschnitt, aber das Konzept hing damit an einem dünnen Faden. Hätte Köln Nein gesagt, wäre die gesamte Bewerbung gescheitert. Getragen wurde das Ja am Ende von Städten wie Dortmund (73 Prozent) und Aachen (76 Prozent), die mit ein, zwei Disziplinen beteiligt sind und entsprechend wenig zu verlieren haben.
Wer zahlt, wer entscheidet
Der Ratsbürgerentscheid hat allein 9,5 Millionen Euro gekostet – Werbemaßnahmen nicht eingerechnet. Abgestimmt wurde ausschließlich per Brief, das Quorum lag je nach Kommunengröße bei zehn bis 20 Prozent Ja-Stimmen. Das ist verfahrenstechnisch elegant für die Befürworter: niedrige Hürde, kein Wahllokal, das die Beteiligung sichtbar macht. In Hamburg dagegen, wo klassischer abgestimmt wurde und mehr Menschen sich beteiligten, kippte das Ergebnis ins Nein.
Die Hamburger Gegnerinnen und Gegner argumentierten mit unkalkulierbaren finanziellen Risiken, mit steigenden Mieten, mit Belastungen durch Verkehr und Bau und mit dem ausbleibenden Nutzen für den Breitensport. Es sind exakt die Punkte, die auch in Köln auf dem Tisch lagen – nur dass sie hier in der Briefwahl-Stille untergingen. „Gewinne für wenige, Verluste für viele“, brachte es ein Kommentator zum Hamburger Referendum auf den Punkt. Dass die Formel an Rhein und Ruhr weniger gilt, ist bislang nicht belegt, sondern nur lauter beworben worden.
Wüst und die Kunst des Selbstlobs
Hendrik Wüst feierte den Abend im April in Köln als „überwältigend“ mit „spektakulären Ergebnissen“. Es ist dasselbe Muster, das ihn auch bundespolitisch begleitet: Ein Ergebnis wird zur Erfolgsgeschichte erklärt, bevor die Substanz geprüft ist. Eine Wahlbeteiligung von einem Drittel als „herausragend“ zu verkaufen, verlangt rhetorisches Geschick – oder ein sehr bewegliches Verhältnis zu dem, was eine demokratische Mehrheit eigentlich ausmacht.
Am 26. September entscheidet eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB in Baden-Baden, welcher der drei verbliebenen Kandidaten – München, Berlin oder KölnRheinRuhr – ins internationale Verfahren geht. In die Bewertungsmatrix fließt das Referendumsergebnis ein: je höher die Zustimmung, desto mehr Punkte. Auf dem Papier hat NRW mit 66 Prozent gut abgeschnitten. Was diese Zahl wert ist, wenn zwei Drittel der Menschen schweigen, wird die Matrix nicht abbilden. Die Hamburger haben mit ihrem Nein wenigstens eine ehrliche Antwort gegeben.