Wenn ich morgens am Rhein entlang nach Köln rolle, lautlos, elektrisch, dann fahre ich auf einer Technologie, die genau das ist, was Friedrich Merz angeblich für Deutschland will: einfach, skalierbar, am Markt erfolgreich. Der Pedelec-Antrieb ist ein Batterieprodukt. Und ausgerechnet die Batterieforschung behandelt dieses Land wie einen Kostenfaktor, während es andernorts Milliarden in Technologien schaufelt, die der Markt längst abgeschrieben hat.
Merz hat einmal in einem Werbevideo gesagt, er wünsche sich ein Deutschland, das „innovativ ist, das wieder Erfindungen hat“. Markus Söder schafft es seinerseits regelmäßig, die Worte „Innovation“ und „Verbrenner“ in einem Atemzug unterzubringen, mal als „hocheffizient“, mal als „Hightech“. Beide reden viel von Innovation. Beide meinen das Gegenteil.
Der Kognitionspsychologe Christian Stöcker hat das in einer SPIEGEL-Kolumne auf eine schöne Formel gebracht: Unsere Politiker denken an Daniel Düsentrieb, wo sie an Dagobert Duck denken müssten. An den Tüftler, nicht an den, der die Erfindung am Markt durchsetzt. Dabei sagt schon der Ökonom Joseph Schumpeter, auf den sich der Innovationsbegriff zurückführen lässt: Eine Erfindung erzeugt für sich genommen „keinerlei relevanten wirtschaftlichen Effekt“. Innovation ist erst, was den Markt verändert.
Eine Zahl, die alles erklärt
Man muss die Debatte nicht theoretisch führen. Es genügen zwei Zahlen aus dem Bundeshaushalt 2026.
Der gesamte Bundes-Förderetat für Batterieforschung beträgt 2026 rund 227 Millionen Euro — für die ganze Republik, für die Grundlagentechnologie, die heute jedes Auto, jeden Speicher, jedes Stromnetz betrifft. Erst nach zwei Jahren Förderdelle, in denen Institute Mitarbeiter entlassen mussten und der Nachwuchs wegbrach, ist dieser Titel überhaupt wieder auf das Niveau von vor der Kürzung gehoben worden.
Im selben Zeitraum bekommt ein einziger Konzern — BMW — von Bund und Freistaat Bayern zusammen 273 Millionen Euro für die Serienfertigung eines Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antriebs. 191 Millionen vom Bund, 82 vom Land. Für ein Auto, den iX5 Hydrogen, das ab 2028 kommen soll.
Lies das noch einmal: Ein Unternehmen erhält für eine einzige Marktnische mehr Geld als die gesamte Bundesrepublik für die Grundlagenforschung jener Technologie, die den Weltmarkt der Gegenwart bereits aufmischt. Das ist keine Stimmung, kein Geschmack, kein Framing. Das ist eine Prioritätenentscheidung in Euro und Cent.
Subventionen oben, Lasten unten — diesmal technologisch
Das Muster ist vertraut. Es ist dasselbe wie bei den Sozialabgaben, bei den Energiepreisen, bei der Lastenverteilung im ganzen Land: Wer groß ist und gut vernetzt, bekommt die Förderzusage. Wer klein ist, forscht, ausbildet oder einfach nur sinnvoll wirtschaftet, bekommt den Rest. Nur dass die Lastenverteilung diesmal nicht zwischen Konzern und Bürger verläuft, sondern zwischen gestern und morgen.
Denn die Wette auf Wasserstoff im Pkw ist am Markt längst entschieden. Weltweit werden mehr Ferraris verkauft als Wasserstoff-Autos. In Europa werden Wasserstofftankstellen wieder abgebaut. Die Brennstoffzelle im Personenwagen ist nicht die Zukunft, die sie 1979 zu werden versprach — sie ist eine teure Erinnerung daran, dass deutsche Industriepolitik gern jene Technologien päppelt, die schon verloren haben, solange nur ein bekannter Name draufsteht.
Parallel dazu wächst die Elektromobilität exponentiell. Acht der zehn meistverkauften E-Auto-Modelle der Welt kamen 2025 von chinesischen Herstellern. Nicht weil China zaubern kann, sondern weil dort jemand verstanden hat, was Innovation ist: das Alte billiger, einfacher, skalierbarer ablösen, bis es niemand mehr vermisst. Genau das, was Schumpeter „kreative Zerstörung“ nannte.
Was bleibt
Es wäre zu billig, daraus eine reine China-Erfolgsgeschichte zu machen — natürlich spielen dort Staatskapitalismus, Subventionen und brutale Skaleneffekte mit. Diese Faktoren gehören genannt, und Stöcker tut das in seiner Kolumne, wenn auch erst spät und klein. Aber sie ändern nichts am Kern.
Der Kern ist: Eine Regierung, die Kernfusion als Innovationsbeweis vorzeigt — eine Technologie, die nirgends marktreif funktioniert — und die Verbrenner als „Hightech“ konserviert, während sie die Batterieforschung erst kaputtspart und dann notdürftig wiederbelebt, hat den Begriff Innovation nicht verstanden. Sie verwechselt Bewahrung mit Fortschritt. Und sie bezahlt diese Verwechslung mit dem Geld der Steuerzahler, das vorzugsweise nach oben fließt.
Ich werde morgen wieder lautlos am Rhein entlangfahren, auf meiner kleinen, unspektakulären Batterie. Sie funktioniert. Sie ist da. Sie ist Gegenwart. Während die Politik 273 Millionen in eine Zukunft steckt, die schon vorbei ist, bevor sie begonnen hat. 227 zu 273 — diese beiden Zahlen sagen mehr über den Zustand der deutschen Industriepolitik aus als jede Sonntagsrede über „Innovationsstandort Deutschland“. Man muss sie nur nebeneinanderlegen.