Am 17. Juli 2026, pünktlich zum Ferienbeginn, öffnet das Agrippabad wieder. Nach gut sechs Monaten Schließung können die Kölnerinnen und Kölner zurück ins Sportbecken, an den denkmalgeschützten Sprungturm, in die Sauna. Eine gute Nachricht – aber eine, die man besser nicht zu laut feiern sollte. Denn das Bad ist nicht saniert. Es ist notdürftig wieder benutzbar gemacht. Die eigentliche Generalsanierung steht erst in einigen Jahren an, und niemand bei den KölnBädern mag heute sagen, wann genau. Man spricht von „mehreren Jahren“ temporären Betriebs.
Die Zwischenlösung ist bezeichnend. Zum Jahreswechsel wurde das meistbesuchte Schwimmbad der Stadt – rund 420.000 Gäste im Jahr – komplett dichtgemacht, um zu begutachten und die drängendsten Mängel zu beheben. Ein halbes Jahr Schließung also, an dessen Ende nicht die Sanierung steht, sondern die Erkenntnis, dass man noch Jahre bis zur Sanierung braucht. Stillstand bei vollen Kosten. Das ist nicht Sorgfalt, das ist Entscheidungsvermeidung im Sanierungskostüm.
Der Pfusch sitzt nicht im Altbau
Die eigentliche Pointe steckt im Detail, das in der Berichterstattung leicht untergeht: Die schweren Schäden sitzen ausgerechnet in den Teilen, die bei der letzten Generalsanierung 1998 bis 2000 neu gebaut wurden. 27 Millionen Euro kostete der Umbau damals, aus dem reinen Schwimmbad wurde ein Kombi- und Freizeitbad. Und genau diese Ein- und Aufbauten sind heute marode. Die 1.200 Quadratmeter große gläserne Schrägfassade soll mit minderwertigen Metallhalterungen verbaut worden sein, an den Stahlträgern frisst die Korrosion, Wasser aus den Schwimmbecken lief in Kellerräume. Ein an der Sache Beteiligter bringt das ganze Drama in fünf Worten unter: „Die Sanierung war eine Katastrophe.“
Der denkmalgeschützte Altbau von 1958 hält. Was vor einem Vierteljahrhundert für viel Geld dazugebaut wurde, zerfällt schneller, als es bezahlt war. Man hat teuren Pfusch eingekauft – und die Stadt zahlt nun ein zweites Mal für dieselbe Bausubstanz. Wer dafür verantwortlich war, wird vermutlich nie jemand benennen. Die Firmen von damals, die Bauüberwachung, die abnehmenden Stellen: alles verschwunden hinter dem Nebel von 27 Jahren. Übrig bleibt eine Schadensbilanz, die niemandem mehr zuzurechnen ist und am Ende von allen getragen wird.
Die Zahl, die nicht stillhält
Ebenso lehrreich ist die Wanderung der Kostenschätzung. 2018 waren für die Neugestaltung von Sauna und Fitness sowie die Fassadensanierung 22,3 Millionen Euro veranschlagt. Im August 2025, kurz vor der Schließung, war von rund 20 Millionen die Rede. Inzwischen werden knapp 40 Millionen Euro genannt – und die komplett erneuerungsbedürftige Technik ist dabei noch gar nicht eingerechnet. Eine Zahl wird in den Raum gestellt, hält ein paar Jahre, und verdoppelt sich auf dem Weg zur tatsächlichen Umsetzung. Köln kennt dieses Muster aus der Dauerbaustelle seiner Bühnen zur Genüge.
Ein Tropfen in einem Zwölf-Milliarden-Stau
Damit man die Größenordnung richtig einordnet: Das Agrippabad ist kein Einzelfall, sondern ein vergleichsweise kleiner Posten in einem gewaltigen Investitionsstau. Die Stadtwerke Köln haben für die kommenden Jahre einen Investitionsbedarf von rund zwölf Milliarden Euro bis 2035 ermittelt – für Energie- und Wärmewende, Verkehr, digitale Infrastruktur und eben auch die Bäder. Um das überhaupt finanzieren zu können, soll der Rat am 2. Juli 2026 eine Grundsatzentscheidung über ein Maßnahmenpaket treffen: zusätzliche Ergebnisverbesserungen von 30 Millionen Euro jährlich im Konzern, eine städtische Kreditlinie von bis zu 400 Millionen Euro, der weitgehende Verzicht auf Gewinnausschüttungen der Stadtwerke an die Stadt ab 2028.
Und mittendrin, fast beiläufig, steht ein Satz, der die Bäderpolitik der nächsten Jahre vorzeichnet: Verzicht „auf zusätzliche Wasserflächen, bei Erhalt der bestehenden Wasserflächen bei den KölnBädern“. Übersetzt heißt das: Mehr wird es nicht geben. Die Devise lautet Bestandssicherung, nicht Ausbau. In einer wachsenden Stadt, in der Schulen und Vereine ohnehin um Schwimmzeiten ringen und in der das Schwimmenlernen längst zum Problem geworden ist, ist das eine still verabschiedete Niederlage.
Wer die Folgen trägt
Die Logik des Vorgangs ist die immer gleiche. Vor 27 Jahren wurde ein Vorteil realisiert – ein moderneres, attraktiveres Freizeitbad – und die Risiken des Baus wurden, wo sie sich materialisierten, kollektiviert. Die laufende Lücke zwischen dem, was nötig wäre, und dem, was finanzierbar ist, wird heute nicht als politisches Versäumnis verhandelt, sondern als Sachzwang präsentiert: Demografie, Transformation, klamme Kassen. Niemand hat Schuld, alle müssen verzichten.
Konkret tragen das jene, die am wenigsten dafür können. Die Freie Wassersportvereinigung Köln hatte bis zur Schließung im Agrippabad trainiert, wich aus, und wusste bis kurz vor der Wiedereröffnung nicht, ob und wann eine Rückkehr möglich ist – offizielle Information: Fehlanzeige. Die Schulen, die Vereine, die 420.000 Gäste richten sich nach einer Verwaltung, die sich nicht festlegt. Die Wiedereröffnung am 17. Juli ist real und erfreulich. Sie ändert aber nichts daran, dass das eigentliche Problem nur vertagt wurde – auf einen Zeitpunkt, an dem die Verantwortlichen von heute längst andere sein werden.