Es ist heiß in Köln, jenseits der 30 Grad, und am Niehler Rheinufer stehen Menschen bis zu den Knien im Fluss. Der Kölner Stadt-Anzeiger schickt eine Reporterin mit zwei Ordnungsamts-Mitarbeiterinnen auf Streife und nennt das Stück „Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“. Der Satz steht in Anführungszeichen, stammt also von einer der Kontrolleurinnen — aber er steht auch in der Überschrift, und damit ist er Programm. Die ganze Reportage folgt einer einzigen Frage: Wie setzt man das Badeverbot durch?
Wie man kontrolliert. Wie man ahndet. Wie man sich vor Übergriffen schützt. Die Antwort liefert der Text bis ins Detail: schuss- und stichfeste Westen, Teleskopabwehrstock, Reizstoffsprühgerät, Bodycam. 14 Bußgeldverfahren. Bis zu 1000 Euro Strafe. Eine Choreografie der Durchsetzung, mitgelaufen und mitgeschrieben.
Nur eine Frage stellt der Text nicht: Warum gehen all diese Menschen ins Wasser?
Die Antwort steht im Text — als Ausrede getarnt
Das Bemerkenswerte ist: Die Reportage kennt die Antwort. Sie schreibt sie sogar auf. Die Freibäder seien „so teuer“, man wolle sich „nur kurz abkühlen“, heißt es. Am beliebtesten Abschnitt, dem Niehler Strand, steht kein einziges Verbotsschild, viele sagen, sie hätten von dem Verbot gar nichts gewusst.
Das sind keine Ausreden. Das ist der Befund. Nur verbucht ihn der Text als Uneinsichtigkeit — und macht aus einem strukturellen Problem ein Charakterproblem der Badenden. „Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“: In diesem Satz verschwindet die Stadt, die kein bezahlbares, kühles Ausweichangebot bereitstellt, und übrig bleibt das dumme Individuum, das sich selbst in Gefahr bringt. Es ist dasselbe Muster wie bei der Hitzefrei-Debatte, beim maroden Schulbau, bei der Rente: Ein kollektives Versäumnis wird zur persönlichen Verfehlung umgebucht.
Verbot ist die billigste Politik
Damit zur zweiten Warum-Frage, der eigentlich politischen: Warum lautet die Antwort einer aufheizenden Großstadt auf den Wunsch nach Abkühlung ein Badeverbot mit bis zu 1000 Euro Bußgeld — und nicht überwachte Badestellen, Naturbäder, bezahlbare Freibäder, kühle Plätze am Wasser?
Weil das Verbot die billigste verfügbare Politik ist. Es kostet keine Infrastruktur, kein Becken, keinen Bademeister, keine Sanierung. Es kostet nur Personal für die Kontrolle — und genau das fehlt, wie der Text selbst einräumt: Es gebe nicht genügend Leute, um „immer und überall am Rhein zu kontrollieren“. Die Stadt sagt es bei der Einführung sogar selbst: „Auch Kontrollen und Verbote können weitere Unfälle im Rhein nicht ganz ausschließen“. Ein Verbot, das man nicht durchsetzen kann und das die Gefahr nach eigener Aussage nicht beseitigt, ist kein Sicherheitskonzept. Es ist eine Geste. Die Stadt hat eine Grenze gezogen und eine Strafe danebengestellt, weil das einfacher ist, als am Wasser etwas anzubieten.
Dass die Gefahr real ist, steht außer Frage. Die DLRG zählte 2025 in NRW 48 Ertrunkene, die meisten in Flüssen — Schiffswellen, Sog, Strömung. Aber Gefahr ist ein Argument für ein Angebot, nicht nur für ein Verbot. Wer Menschen bei 35 Grad das Wasser verwehrt, ohne ihnen eine sichere Alternative zu geben, hat das Problem nicht gelöst, sondern nur kriminalisiert. Bezeichnend: Schon der Ratsbeschluss vom 4. September 2025 musste per Änderungsantrag entschärft werden, weil ein vollständiges Verbot „zu weit“ gegriffen hätte — der flache Uferbereich wurde wieder freigegeben. Selbst der Rat wusste, dass reines Verbieten an der Lebensrealität vorbeigeht.
Köln konnte das schon mal
Das eigentlich Bittere ist: Die Stadt hat die bessere Antwort schon gegeben. Im Juni 1912 nahm in Rodenkirchen ein städtisches Strandbad den Betrieb auf — abgegrenzt zwischen den Buhnen, mit Aufsicht, mit einem eigens errichteten Bademeisterhaus, das als Fachwerkbau bis heute steht. Rund 250.000 Goldmark ließ sich die Stadt das kosten; die Badegäste reisten in großer Zahl per Rheinuferbahn an. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt Rodenkirchen als „das kölsche Ostende“.
Die Konsequenz aus dem damals aufkommenden „wilden“ Baden im Rhein war nicht, das Baden zu verbieten — sondern es zu ermöglichen, an einem sicheren, beaufsichtigten Ort. Und Rodenkirchen war nicht der einzige Ort: In Riehl, nur einen kurzen Flussabschnitt vom Niehler Ufer entfernt, auf dem heute kontrolliert wird, gab es ab 1909 ein Rheinfreibad — erst nahe der alten Schiffbrücke, ab 1929 an der Ecke Riehler Straße, ab den Sechzigern von der Stadt betrieben, bis 1985 in Betrieb. Genau hier, am nördlichen Rheinufer, ertrinken heute wieder Menschen in Strömung und Strudeln außerhalb der schützenden Buhnen. Die alten Badeorte sind verschwunden; in den Riehler Umkleiden sitzt heute ein Zirkuszentrum, die alte Bad-Gastronomie ist ein Biergarten.
Die Pointe ist also nicht, dass eine sichere Badestelle am Kölner Rhein undenkbar wäre. Sie existierte — über drei Jahrzehnte, an mehreren Stellen der Stadt. Eine Stadt, die 1912 ein bewachtes Rheinbad bauen konnte, beantwortet dasselbe Problem mehr als hundert Jahre später mit einem Schild und einem Bußgeldbescheid. Das ist kein Fortschritt in der Sicherheit. Es ist ein Rückzug aus der Verantwortung. Bezeichnenderweise hat ausgerechnet der Kölner Stadt-Anzeiger selbst diese Geschichte einmal erzählt.
Die „Lösung“ verrät alles
Am Ende trifft die Streife auf einen Junggesellenabschied: Picknicktafel, Lampions, zwei aufblasbare Planschbecken im Sand, befüllt mit Rheinwasser per Eimer. „So kann man den Rhein auch genießen“, sagt einer. Und die Ordnungsamts-Mitarbeiterin freut sich: „Das ist doch die Lösung, das sollten alle so machen.“
Dieser Schluss ist entlarvender, als er sein will. Die „Lösung“ ist privat beschafft, selbst finanziert, selbst organisiert. Wer das Geld und die Planung hat, baut sich sein eigenes Bad an den Fluss. Wer beides nicht hat, geht in die Strömung. Das Verbot trennt am Ende nicht die Vernünftigen von den Dummen — es trennt die, die sich ausweichen können, von denen, die es nicht können.
Eine Reportage, die fragt wie man das Verbot durchsetzt, schreibt aus der Perspektive der Behörde. Eine, die fragt warum die Leute trotzdem ins Wasser gehen, müsste die Geschichte umdrehen — und käme bei der Stadt heraus, nicht bei den Badenden. Bei einer Stadt, die einmal wusste, dass man Menschen nicht vom Wasser fernhält, sondern ihnen einen sicheren Zugang baut.
Bezug: Susanne Rohlfing, „Wir retten die Leute vor ihrer eigenen Dummheit“, Kölner Stadt-Anzeiger, Printausgabe oder KSTA-Online.