Karl Lagerfeld hat einmal gesagt, wer Jogginghose trägt, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Man darf das hochmütig finden. Man darf es auch zu Ende denken. Denn die Aldi-WC-Garnitur mit Handyablage ist nicht die Jogginghose des Geistes. Sie ist die Pflegestufe.
Es ist nämlich nicht mehr das Sofa, das uns hält, nicht das Bett, nicht der Schreibtisch – Orte, an denen Untätigkeit eine gewisse Würde behält. Es ist die Toilette. Der eine Raum, den die Evolution für das Allernötigste vorgesehen hatte, ist zum letzten umkämpften Sendeplatz geworden. Und weil der Mensch dort offenbar in akute Entzugsnot gerät, baut man ihm jetzt eine Halterung. Pulverbeschichtet. Damit das zitternde Händchen das Gerät nicht in die Schüssel fallen lässt, während es nach Bestätigung sucht.
Man stelle sich die Szene vor, mit der gebotenen Nüchternheit: ein erwachsener Mensch, Hose auf den Knöcheln, die Pupillen blau beleuchtet, scrollt sich durch die Empörung des Tages, während der Körper das verrichtet, wofür er hier sitzt. Das ist kein Multitasking. Das ist ein Tier, das nicht mehr fressen kann, ohne dass ein Bildschirm leuchtet. Wir haben uns das nur schöner eingerichtet als der Hamster im Laufrad, mit besserem Lichtdesign.
Und es gibt einen Namen dafür, das ist der eigentliche Witz. Nomophobie – die Angst, ohne Telefon zu sein. Echte Fachliteratur, echter Symptomkatalog: Herzrasen, Panik, kalter Schweiß beim leeren Akku, ein eigener diagnostischer Fragebogen. Nur eines fehlt: die offizielle Anerkennung als Krankheit. Weder die internationale Klassifikation der Krankheiten noch das amerikanische Diagnosehandbuch führen sie. Wir haben also die Trennung vom Gerät benannt, katalogisiert und mit Fragebogen vermessen, bevor irgendjemand fragte, ob die Bindung noch zu retten war. Das ist die Verkehrung in Reinform. Nicht der Dauerkonsum gilt als das Auffällige. Sondern die zwei Minuten ohne ihn. Der Süchtige hat die Aufmerksamkeit erfolgreich auf die Pause verschoben.
Und Aldi? Aldi macht keine Kulturkritik, Aldi liest Bilanzen. Ein Einkäufer hat das Krankenbild eines ganzen Landes überflogen und das passende Hilfsmittel bestellt, irgendwo zwischen Klobürste und Badvorleger, zum Aktionspreis. Kein Rezept nötig. Keine Beratung. Selbstmedikation im Mittelgang, neben den Akku-Bohrschraubern. Der ehrlichste Gesundheitsbericht der Republik steht nicht im Ärzteblatt. Er liegt im Prospekt.
Bleibt die Sache mit der Hygiene, und hier hört der kulturkritische Spaß da auf, wo die Mikrobiologie anfängt. Denn das Gerät, das wir in der dafür vorgesehenen Mulde parken, ist keineswegs der saubere Fluchtpunkt aus der unsauberen Umgebung. Es ist die unsauberste Oberfläche im Raum. Untersuchungen der Universität Arizona kamen auf das schöne Ergebnis, dass auf einem durchschnittlichen Smartphone rund zehnmal mehr Bakterien sitzen als auf einem Toilettensitz. Bei Geräten von Klinikpersonal fanden sich pro Quadratzentimeter mitunter Tausende Bakterien, darunter antibiotikaresistente Keime. Das Telefon, an die Wange gehalten, danach auf den Esstisch gelegt, ist also kein Begleiter durch den Tag. Es ist ein Transportmittel. Die Garnitur sorgt nur dafür, dass es während der Inkubation bequem liegt.
Und falls das noch nicht reicht: Die Medizin hat inzwischen auch das Sitzen selbst im Blick. Eine 2025 veröffentlichte Studie fand, dass Menschen, die ihr Smartphone auf der Toilette nutzen, ein deutlich höheres Risiko für Hämorrhoiden tragen – schlicht, weil sie länger sitzen bleiben, abgelenkt vom Scrollen, als der Körper es vorgesehen hat. Das ist die letzte Volte: Das Möbel, das den Aufenthalt verlängert, optimiert nicht die Pause. Es verlängert nur den Schaden. Man hat dem Bildschirm einen Platz gebaut – und der Bildschirm hält einen fest.
Und damit der Kreislauf rund wird, verkauft derselbe Markt im nächsten Gang auch die Heilung. Es gibt inzwischen ein Gerät namens Brick – ein 3D-gedrucktes Plastikquadrat in der Größe eines Ladesteckers, das du an die Wand klebst und das deine Apps sperrt, bis du dein Telefon physisch wieder gegen den Klotz tippst. Du kaufst dir also ein zweites Stück Plastik, um dich vor dem ersten zu schützen. Es gibt Telefone, die absichtlich dumm sind und mehr kosten als smarte. Es gibt Zeitschloss-Boxen, ursprünglich erfunden, um Kekse vor einem selbst wegzusperren, jetzt fürs Handy umgewidmet. Und es gibt, das ist der eigentliche Treppenwitz, Apps gegen die App-Nutzung – die Sucht behandelt mit einem weiteren Grund, aufs Display zu schauen. Eine Modezeitschrift hat das Brick bewundernd das „Tamagotchi der Produktivität“ genannt, ohne zu merken, was sie damit sagt: Man hat sich ein elektronisches Haustier gekauft, das man füttern muss, um nicht das andere füttern zu müssen.
Das ist der vollendete Mechanismus: Die Krankheit und die Therapie liegen im selben Sortiment, zwei Aktionsartikel der gleichen Woche, und an beiden verdient dieselbe Logik. Das Beängstigende daran ist nicht der Verfall. Verfall ist laut, Verfall merkt man. Beängstigend ist die Geräuschlosigkeit, mit der das durchgeht – als handelte es sich um clevere kleine Erleichterungen und nicht um eine Bankrotterklärung mit Ersatzrollenhalter. Niemand erschrickt. Man lächelt, man kauft die Halterung, und wenn sie zu gut funktioniert, kauft man das Schloss dazu.
Die nächste Generation wird sich nicht wundern, dass wir allein aufs Klo gingen. Sie wird gar nicht mehr wissen, dass das eine Option war. Sie erbt die Halterung und das Gegen-Gerät gleich mit, findet beides selbstverständlich und hat kein Wort mehr für das, was uns kurz erschreckte. So endet jeder Befund, den niemand stellt: nicht mit dem Tod des Patienten, sondern damit, dass er sich für kerngesund hält – ausgestattet mit allem, was der Markt gegen die Krankheit anbietet, die er nicht hat.