Ein von der EU-Kommission einberufenes Expertengremium hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen Bericht übergeben, der eine Altersgrenze von 13 Jahren für die Nutzung sozialer Medien empfiehlt. Unterhalb dieser Grenze soll der Zugang nur unter elterlicher Aufsicht oder in einem pädagogischen Kontext möglich sein, ab 13 dann zunehmend selbstständig, aber mit standardmäßigen Sicherheitsvorkehrungen. Die Kommission werde nach dem Sommer einen Gesetzesvorschlag vorlegen, kündigte von der Leyen an. Bis der Vorschlag Parlament und Rat der 27 Mitgliedstaaten durchlaufen hat, wird es Jahre dauern.
Zwischen der heutigen Ankündigung und einer wirksamen Regelung liegt also eine lange Strecke. Das ist nicht ungewöhnlich für EU-Gesetzgebung, verdient aber Erwähnung, weil die mediale Inszenierung – Eilmeldung, Pressekonferenz, markige Zitate – einen Handlungsdruck suggeriert, den der eigentliche Prozess nicht einlöst. Bis September ist noch nicht einmal ein Vorschlag verabschiedet, geschweige denn ein Gesetz.
Interessanter als die Zeitachse ist aber die Frage, was eine Altersgrenze überhaupt leisten kann. Ein Kind, das mit 13 statt mit 11 zum ersten Mal auf einer Plattform angemeldet wird, ist an diesem Tag nicht kompetenter im Umgang mit Algorithmen, Vergleichsdruck oder manipulativen Interface-Designs als ein elfjähriges Kind. Es ist lediglich zwei Jahre älter. Die Altersgrenze verschiebt den Moment der Konfrontation, sie bereitet nicht darauf vor. Wer glaubt, mit einem Stichtag sei das Problem gelöst, verwechselt ein Datum mit einer Fähigkeit.
Man stelle sich vor, Kinder dürften bis 13 nicht am Straßenverkehr teilnehmen, um sie vor Unfällen zu schützen – und danach, am Stichtag, sollen sie plötzlich sicher Rad fahren können. Oder: Lesen und Schreiben würde man ihnen erst ab 13 beibringen, aus Sorge vor schlechten Texten. Beides wirkt absurd, weil in beiden Bereichen niemand ernsthaft auf Fernhalten setzt, sondern auf schrittweise Heranführung – mit Verkehrserziehung, Leselernstufen, wachsender Selbstständigkeit. Bei Social Media dagegen soll ausgerechnet das Gegenteil funktionieren: Ausschluss bis zu einem Datum, gefolgt von unterstellter Kompetenz.
Hinzu kommt das Vollzugsproblem, das im Bericht selbst mitschwingt: Deutschland dürfte zwar im Alleingang eine nationale Grenze setzen, müsste die Einhaltung dann aber den Eltern überlassen. Wirksame technische Alterskontrolle bei den Plattformen selbst kann rechtlich nur die EU einfordern – und selbst dort ist offen, wie belastbar eine solche Kontrolle in der Praxis wird, angesichts von VPNs, geliehenen Ausweisen und der Erfahrung, dass Verbote im Netz vor allem Ausweichverhalten erzeugen. Am Ende bleibt die eigentliche Aufsichtsarbeit dort hängen, wo sie schon immer war: bei den Eltern, ergänzt um eine Regel, deren Durchsetzbarkeit ungeklärt ist.
Bezeichnend ist, wer im Bericht überhaupt zu Wort kommt. Namentlich zitiert wird vor allem ein Kinder- und Jugendpsychiater, der von „standardmäßigen Sicherheitsvorkehrungen“ und einem „zunehmend selbstständigen Zugang“ spricht – deutlich vorsichtiger formuliert als die politische Zuspitzung auf eine harte Altersgrenze, die daraus gemacht wird. Der fachliche Kern des Berichts scheint eher in Richtung Begleitung und Schutzmechanismen zu gehen; das Verbot ist die politisch griffigere Verkürzung.
Was tatsächlich helfen würde, ist etwas, das sich schlecht in einer Eilmeldung unterbringen lässt: kontinuierliche Medienkompetenzvermittlung, von der Grundschule an, nicht als einmalige Torwächter-Regel, sondern als fortlaufender Bildungsauftrag. Kinder brauchen nicht in erster Linie einen späteren Zugang, sondern die Fähigkeit, mit dem, was ihnen begegnet, umzugehen – Werbung von Inhalt zu unterscheiden, Vergleichsmechanismen zu durchschauen, Grenzen zu setzen. Das lässt sich nicht per Stichtag verordnen. Es ist mühsamer, langsamer und lässt sich nicht mit einer Pressekonferenz im September abschließen.
Eine Altersgrenze ist die bequemere Antwort, weil sie sich in eine Zahl fassen und politisch verkaufen lässt. Sie ersetzt aber nicht die Arbeit, die eigentlich nötig wäre.
Wer sich für die strukturellen Muster hinter solchen Bildungsdebatten interessiert, findet dazu mehr in „Das System frisst seine Kinder“.